Trend zu immer jüngerem Eintritt in die Pflegebedürftigkeit
Die Analyse setzt nach der Einführungsphase des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes an, der 2017 und 2018 zunächst zu einem deutlichen Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen geführt hatte. Nach den „Einmaleffekten“ in den ersten beiden Jahren nach der Umstellung blieb die Zahl der Pflegeeintritte bei den AOK-Versicherten ab 60 Jahren laut der WIdO-Analyse dann zwischen 2019 und 2024 aber auf einem konstanten Niveau. Am häufigsten wurde in diesem Zeitraum Pflegegrad 2 festgestellt, auf diesen entfielen 46,5 Prozent der Pflegeeintritte ab 60 Jahren. Am zweithäufigsten wurde mit 29,7 Prozent Pflegegrad 1 bescheinigt. (Tabelle)
„Trotz stabiler Eintritte in die Pflegebedürftigkeit bei den über 60-jährigen AOK-Versicherten seit dem Jahr 2019 zeigt unsere Analyse aber auch, dass sich hier die Altersstruktur bei Beginn der Pflegebedürftigkeit verändert hat“, sagt Susann Behrendt, Forschungsbereichsleiterin Pflege im WIdO. Am Ende des Analysezeitraums im Jahr 2024 waren die Menschen in den ausgewerteten Altersgruppen ab 60 Jahren bei Pflegeeintritt mit 77,9 Jahren deutlich jünger als noch fünf Jahre zuvor mit 79,5 Jahren. Der stärkste Anstieg war in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen zu verzeichnen: Auf diese entfielen 2019 noch 13,9 Prozent aller Pflegeeintritte, 2024 waren es bereits 19,5 Prozent. Demgegenüber sank der Anteil der Hochbetagten, die erstmals einen Pflegegrad erhielten. „Wir sehen hier einen gewissen Vorzieh-Effekt. Die Pflegebedürftigkeit wird früher festgestellt und formalisiert“, so Behrendt. Dennoch ist der größte Teil der Menschen, bei denen erstmals eine Pflegebedürftigkeit festgestellt wird, mindestens 80 Jahre alt.
Anteil der höchsten Pflegegrade im Zeitverlauf gesunken
Parallel zur Altersstruktur hat sich laut der WIdO-Analyse auch die festgestellte Pflegeschwere verändert: So stieg der Anteil von Pflegegrad 1 und 2 bei den erstmals pflegebedürftigen AOK-Versicherten ab 60 Jahren zwischen 2019 bis 2024 von 75,8 auf 79,9 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil der höchsten Pflegegrade. Pflegegrad 4 erhielt 2024 nur ein geringer Anteil von 3,8 Prozent (2019: 5,4 Prozent), den höchsten Pflegegrad 5 nur 1,3 Prozent (2019: 1,8 Prozent). „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Pflegebedürftigkeit früher festgestellt wird, aber mit niedrigeren Pflegegraden startet“, so Susann Behrendt.
Bei den Leistungsbewilligungen für die erstmals Pflegebedürftigen ab 60 Jahren dominiert der Analyse zufolge über alle Pflegegrade hinweg das Pflegegeld. Am stärksten zugenommen hat der Bezug dieser Leistung im Zeitverlauf in den Pflegegraden 2 und 3. So stieg der Pflegegeld-Bezug bei den Menschen dieser Altersgruppe in Pflegegrad 2 von 70,5 Prozent im Jahr 2019 auf 79,6 Prozent im Jahr 2024. In Pflegegrad 3 stieg der Bezug im gleichen Zeitraum von 59,3 Prozent auf 65,9 Prozent.
Ableitungen für die geplante Pflegereform
Die Ergebnisse zeigen aus Sicht von Susann Behrendt, dass in der aktuellen Reformdebatte nicht nur auf den Gesamtanstieg der Pflegebedürftigen geschaut werden sollte. Ebenso wichtig sei es, den Blick auch auf die Altersstruktur der „Neuzugänge“ zu richten. „Die Gruppe der Menschen über 60 Jahren macht demografisch einen erheblichen Anteil aus und weist ein hohes Pflegerisiko auf. Bei ihnen wird Pflegebedürftigkeit zunehmend früher und mit den niedrigeren Pflegegraden 1 und 2 festgestellt“, so Behrendt. Die Reformdebatte müsse sich stärker auf das Thema Prävention fokussieren: „Die Verschiebung hin zu geringeren Schweregraden zeigt, dass es frühzeitige und wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen auch schon ab dem Eintritt der Pflegebedürftigkeit braucht. So könnte man einer Zunahme der Beeinträchtigungen entgegenwirken oder diese zumindest hinauszögern“, so Behrendt. Die Veränderungen im Versorgungsbedarf erforderten neue Lösungen, insbesondere im ambulanten Bereich und in der Unterstützung informeller Pflegearrangements.
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