Philipp Schindera ist Leiter der Unternehmenskommunikation der Deutschen Telekom in Bonn. Bild: Deutsche Telekom/Mareen Fischinger

Mitarbeiter wählen ihre Führungskräfte – das gibt es tatsächlich. Philipp Schindera, Leiter der Unternehmenskommunikation der Deutschen Telekom in Bonn, hat als erster in einem Dax-Konzern das Experiment gewagt. 6.000 positive Posts im Intranet zeigen, dass „wahlen@com“ einen Nerv getroffen hat.

Haufe Online-Redaktion: Herr Schindera, unter dem Motto „wahlen@com“ haben die rund 140 Beschäftigten Ihres Unternehmensbereichs vier „Mitarbeiter-Vertreter (MAV)“ in den Führungskreis gewählt. Wer kommt denn auf so eine Idee?

Philipp Schindera: Die Idee ging mir schon lange durch den Kopf. Wir arbeiten seit vier Jahren in einer Projektorganisation mit agilen Teams. Eigenverantwortliches Arbeiten der Kolleginnen und Kollegen ist dabei sehr wichtig. Da kam mir irgendwann die Idee, dass sie eigentlich konsequenterweise in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden müssten. Na ja, dann war es eigentlich kein weiter Weg mehr bis zum Thema Wahlen. Ausschlaggebend war ein Post von Stephan Grabmeier (Anmerkung der Redaktion: Chief Innovation Evangelist der Haufe-umantis AG). Als ich den sah, dachte ich mir: Du bist nicht allein, und als ich verstand, dass Haufe das schon macht, hab ich Kontakt aufgenommen. Dann ging alles sehr schnell. Vom ersten Workshop mit Haufe bis zur Wahl verging gerade einmal ein halbes Jahr

Haufe Online-Redaktion: Welche Ziele verfolgen Sie mit „wahlen@com“?

Schindera: Mehr Transparenz bei der Entscheidungsfindung, bessere Einbeziehung der Mitarbeitersicht bei Entscheidungen des Führungskreises, besseres Verständnis von Mitarbeitern und Führungskräften für die jeweils andere Seite.

Haufe Online-Redaktion: Wie lief der Wahlkampf ab – wurde richtig gefightet?

Schindera: Es war eine ganz wunderbare Erfahrung: inhaltsstark, kreativ, provokant – es war alles dabei, was zu einem Wahlkampf gehört, bis hin zu Wahlkampfslogans. Wirklich gefightet wurde allerdings nicht. Die Fachleute würden wohl sagen, dass der Wahlkampf von Sachthemen geprägt war....

Haufe Online-Redaktion: Was sagen die anderen Bereiche im Unternehmen zu Ihrem Demokratieversuch?

Schindera: Bisher haben wir nur positives Feedback bekommen. Ein entsprechender Post in unserem Social Intranet wurde bereits über 6.000 Mal geklickt. Viele bewundern unseren Mut, dabei fand ich den Schritt gar nicht besonders mutig.

Click to tweet

Haufe Online-Redaktion: Die Mitarbeiter-Vertreter haben die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen Mitglieder des Führungskreises, heißt es in der Dokumentation von „wahlen@com“. Personal- und Budgetthemen sind aber ausgenommen. Da bleibt nicht viel Spielraum für Führung – und mehr Gehalt bekommen die Mitarbeiter-Vertreter auch nicht. Das riecht nach Mogelpackung.

Schindera: Ich habe den Eindruck, dass eine ganze Menge Spielraum bleibt, denn im Führungskreis geht es vor allem um Inhalte. Was die Einschränkungen angeht, mussten wir diese aus rechtlichen Gründen machen. Über Geld sprechen wir im Führungskreis eigentlich recht selten. Wir haben vorab klar kommuniziert, wo Einschränkungen sind, und das stieß auch auf Verständnis. Gegen den Begriff der Mogelpackung verwahre ich mich ausdrücklich. Es ist ein Pilotversuch und dabei muss man Einschränkungen machen, sonst hätten wir den Versuch gar nicht erst unternehmen können. Wichtig ist doch, dass die Rahmenbedingungen im Vorfeld klar sind.

Haufe Online-Redaktion: Das Kürzel MAV gibt es schon – für „Mitarbeitervertretung“, die kirchliche Variante des Betriebsrats. Geht es darum auch hier: eine Interessenvertretung der Beschäftigten, allerdings ohne die Verbindlichkeit des Betriebsverfassungsgesetzes?

Schindera: Kirchliche Vertretung? Das wusste ich bisher noch gar nicht. Aber ja, es geht darum, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Und bevor Sie fragen: Ja, der Betriebsrat war von Anfang an informiert und hat unsere Pläne unterstützt, was mich sehr gefreut hat. Unsere stellvertretender BR-Vorsitzender hat sogar den Wahlleiter gemacht, damit kennen sie sich nun mal besser aus als wir.

Click to tweet

Haufe Online-Redaktion: Verbessern sich die Aufstiegschancen durch die Mitarbeit im Führungskreis?

Schindera: Es gibt keine direkte Verbindung, aber ich glaube, es ist nicht von Nachteil, wenn man zumindest zeitweise Erfahrung in Sachen Führungsarbeit gesammelt hat. Wann hat ein Mitarbeiter sonst die Gelegenheit, mal auszuprobieren, ob Führungsarbeit etwas ist, das ihm liegt?!

Haufe Online-Redaktion: Wie geht „wahlen@com“ weiter?

Schindera: Wir probieren das aus und nach einem Jahr ziehen wir Bilanz und sehen weiter. Ich kann mir gut vorstellen, das Thema auszudehnen. Ich hatte ja gesagt, dass wir auf Projektbasis arbeiten. Warum sollten sich die Mitarbeiter ihre Projektleiter nicht selbst wählen.

Haufe Online-Redaktion: Hand aufs Herz: Würden Sie sich zur Wahl stellen, wenn davon Ihr Chefsessel „im richtigen Leben“ abhinge?

Schindera: Die Frage wird mir immer wieder gestellt. Ich kann es kurz machen: Ja, das würde ich tun! Ich bin von der Idee zutiefst überzeugt. Ich habe die Entscheidung im vollen Bewusstsein getroffen, dass auch ich mich perspektivisch zur Wahl stellen müsste, wenn wir das Projekt fortführen sollten. Wäre ja auch albern, wenn ich kneifen würde. Hermann Arnold, der Mitgründer von Haufe-umantis, hat es auf den Punkt gebracht: Mitarbeiterwahlen sind am Ende vor allem ein Feedbacktool.

Click to tweet

Wenn ich mich zur Wahl stelle und nicht genügend Stimmen bekomme, zeigt das am Ende doch nur, dass es ein Problem gibt, das auf kurz oder lange eh‘ zutage treten würde. Sie können nur eine gute Führungskraft sein, wenn Sie das Team hinter sich wissen, und eine Wahl ist dafür ein guter Indikator. Aber ich gebe auch zu, dass ich mich natürlich zwischenzeitlich schon gefragt habe, was ich da überhaupt angestoßen habe... Wir werden sehen. Es bleibt spannend.

Das Interview führte Christoph Stehr.

 

Schlagworte zum Thema:  Demokratische Unternehmen, New Work

Aktuell
Meistgelesen