Andrea Nahles setzt auf die digitalen Chancen
Die Bundesarbeitsministerin hat bislang nicht viele Freunde unter den Managern. Rente mit 63, Mindestlohn und die gepflegte Nähe zu den Gewerkschaften haben dafür gesorgt, dass die Arbeitgeber auf Distanz zu ihr gingen. Das kann sich jetzt ändern. „An der Frage der Digitalisierung wird sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft entscheiden“, formulierte sie auf der Auftaktveranstaltung zu der Kampagne „Arbeiten 4.0“ und setzte damit neue Akzente für ihre Regierungspolitik. Sie stellte gestern ein 90-seitiges Grünbuch zum Thema „Arbeiten 4.0“ vor, das in einem eineinhalbjährigen, gesellschaftlichen Dialog diskutiert und weiterentwickelt werden soll. Am Ende soll ein Weißbuch stehen, in dem die Leitplanken für die Neugestaltung der Arbeitswelt von morgen formuliert sind.
Hohe Bedeutung der Digitalisierung für Deutschland
Nahles hat endlich erkannt, wie wichtig die Digitalisierung für den Standort Deutschland ist: Schon jetzt werden Produkte im Wert von 40 Milliarden Euro jährlich exportiert, es gibt 7.000 Firmengründungen pro Jahr im digitalen Sektor. „Die Digitalisierung bringt Chancen zur Produktivitätssteigerung“, so die Ministerin. Schwere körperliche Arbeiten könnten durch Technik ersetzt werden. „Die neue Technik verändert die Arbeitswelt radikal“, sagte sie und setzte sich damit deutlich von der US-Studie von Osborne und Frey ab, die eine massenhafte Vernichtung von Jobs durch die Digitalisierung prognostizieren. „Es werden Jobs vernichtet, aber auch viele neue entstehen“, formulierte Nahles. Zu dieser Aussage kamen vor kurzem auch die Autoren einer Studie der Boston Consulting Group (wir berichteten). Den Kritikern aus dem Arbeitnehmerlager sagte Nahles: „Nur wenn wir uns nicht gegen den Wandel stellen, können wir die Zukunftstechnik und Arbeit miteinander verbinden.“
Neue Regeln für die digitale Arbeitswelt
Andrea Nahles ließ keinen Zweifel daran, dass sie auch die Regeln der Arbeitswelt verändern will. „Viele unserer Regeln kommen aus der alten Welt“, sagte sie. Als Beispiele nannte sie etwa die Definition einer Betriebsstätte, den Arbeitnehmerbegriff oder das Arbeitszeitgesetz. Sie machte das am Beispiel eines Arbeitnehmers deutlich, der am Abend noch einige dienstliche E-Mails erledige und nach dem Arbeitszeitgesetz nicht schon frühmorgens im Büro erscheinen darf, weil er damit gegen gesetzliche Mindestzeiten für Ruhepausen verstoße. „Das geht nicht“, sagt sie klar, setzte sich aber auch vom ehemaligen Google-Chef Eric Schmidt ab, der im Internet das größte Anarchismusprojekt der Geschichte sehe. „Die soziale Marktwirtschaft braucht auch Regeln.“
Digitalisierung bei Volkswagen
Auch Horst Neumann, Personalvorstand von Volkswagen, referierte bei der Veranstaltung des Bundesarbeitsministeriums. Er rechnet mit radikalen Veränderungen in der Automobilfirma. Von den 100.000 Arbeitsplätzen in Deutschland sei die Hälfte taktgebunden und würde in den nächsten Jahrzehnten durch Roboter ersetzt. „Beim Roboter kostet uns eine Arbeitsstunde drei Euro, beim Menschen zwischen 30 und 50 Euro“, nannte er als Grund, warum diese Entwicklung im Hochlohnland Deutschland unausweichlich sei. Angesichts der demografischen Entwicklung sah er das aber entspannt. „Die Digitalisierung wird uns helfen, damit wir keine Fachkräftelücke bekommen“, erklärte Neumann. Die Entwicklung sei aber nicht naturgegeben, sondern gestaltbar. „In Deutschland müssen wir unsere Stärke mit Facharbeitern und Ingenieuren nutzen“, so der VW-Vorstand.
Folgen für die Personalmanager
Das vom Bundesarbeitsministerium vorgelegte Grünbuch ( Download unter www.arbeitenviernull.de ) ist zukunftsweisend, allerdings kommen die für Arbeitgeber relevanten Fragestellungen zu kurz - der Regulierungsduktus ist zu oft spürbar. Es wird jetzt auch an den Personalmanagern liegen, hier ihre Vorstellungen zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen einzubringen.
Autor: Reiner Straub, Herausgeber Personalmagazin
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