Bezahlter Elternurlaub bei HPE

Hewlett Packard Enterprise bietet seinen Mitarbeitern ab sofort sechs Monate Elternurlaub bei voller Bezahlung. Was sich HPE von dieser Maßnahme verspricht, erläuter Ernst Reichart, Geschäftsführer Personal, im Interview.

Haufe Online-Redaktion: Hewlett Packard Enterprise bietet seinen Mitarbeitern ab sofort sechs Monate Elternurlaub bei voller Bezahlung – was ist das Ziel?

Ernst Reichart: Der Elternurlaub ist eine Maßnahme unter mehreren im Rahmen einer weltweiten Initiative von HPE, mit der wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen wollen, das berufliche und das Privatleben besser in Einklang zu bringen. Dazu gehören verschiedene Teilzeitoptionen, Hilfestellungen bei der Rückkehr in den Beruf, flexible Arbeitszeiten und so weiter – auch in Ländern, in denen das bislang noch nicht so verbreitet ist wie in Deutschland. Ein relativ neues Angebot ist unser "Wellness-Freitagnachmittag": Einmal im Monat können alle Mitarbeiter in ein verlängertes Wochenende gehen – und zwar ohne, dass der Rest der Firma weiterarbeitet, ohne dass die E-Mail-Flut weitergeht. Die Mitarbeiter sollen wirklich zur Ruhe kommen und sich um private Belange kümmern können. Und der absolute Knüller unter den Maßnahmen ist natürlich jetzt der bezahlte Elternurlaub.

Haufe Online-Redaktion: Dieser "Knüller" wird HPE viel Geld kosten. Lohnt sich das denn?

Reichart: In der Tat ist der Elternurlaub eine teure Maßnahme. Wir haben zwar speziell für Deutschland keine Modellrechnungen gemacht, aber wir sind überzeugt, dass sich das rechnet, weil wir überzeugt sind, dass Menschen, die eine gute Balance zwischen Familie und Beruf haben, kreativer und produktiver sind. Außerdem wollen wir unsere Belegschaft so vielfältig wie möglich zusammenstellen, Stichwort Diversity. Vor allem wollen wir unseren Frauenanteil – der derzeit bei knapp 30 Prozent liegt - weiter erhöhen. Dabei geht es uns auch um den Frauenanteil in Führungspositionen. Dazu müssen wir die Leistungen und Rahmenbedingungen anbieten, die dafür relevant sind. Wir wollen, dass Frauen wirklich Karriere machen können bei uns.

Und – last but not least – haben wir als Zielgruppe noch die jungen Talente im Blick. Wir haben zurzeit 280 dual Studierende, die wir gern alle anschließend übernehmen möchten und die hoffentlich auch ihre berufliche Entwicklung bei HPE machen. Der Elternurlaub soll zu einer entsprechenden Bindung beitragen. Aus verschiedenen Studien wissen wir: Je jünger die Mitarbeiter sind, desto höher ist für sie der Stellenwert von Elternzeit.

Anspruch auf sechs Monate bezahlten "Elternurlaub"

Haufe Online-Redaktion: Sie sprechen von Elternurlaub, nicht von Elternzeit – warum?

Reichart: Damit wollen wir die Maßnahme von der gesetzlich geregelten Elternzeit unterscheiden. Laut Gesetz haben Mitarbeiter ja 36 Monate Anspruch auf Elternzeit und zwölf Monate (beziehungsweise inklusive Partnermonate 14 Monate) Anspruch auf Elterngeld. Das staatliche Elterngeld beträgt jedoch nur 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens und ist darüber hinaus auch noch gedeckelt bei 1.800 Euro.

Unser Elternurlaub ist unabhängig von den gesetzlichen Regelungen: In einem Zeitfenster von zwölf Monaten ab Geburt oder Adoptionstermin können unsere Mitarbeiter sechs Monate "Elternurlaub" nehmen, während diesem wir das ganz normale Gehalt weiterzahlen. Während dieser Zeit wird in der Regel der Anspruch auf die staatlichen Leistungen nicht mehr gegeben sein, aber außerhalb dieses Zeitfensters gelten die gesetzlichen Regelungen weiter und können dann auch in Anspruch genommen werden. Die sechs Monate Elternurlaub müssen übrigens nicht unbedingt zusammenhängend genommen werden, sondern können auch in zwei Abschnitte aufgeteilt werden.

Haufe Online-Redaktion: HPE beschäftigt in Deutschland rund 2.100 Mitarbeiter. Wie viele davon nehmen den Elternurlaub aktuell schon in Anspruch?

Reichart: Zurzeit sind das 30 Mitarbeiter – dazu zählen sowohl diejenigen, die bereits im Elternurlaub sind, also seit Mai dieses Jahres ein Kind geboren oder adoptiert haben (das Angebot gilt rückwirkend), als auch diejenigen, die ein Kind erwarten und bereits angekündigt haben, das Angebot in Anspruch nehmen zu wollen.

Haufe Online-Redaktion: …und wie viele von den 30 sind Männer?

Reichart: Weniger als die Hälfte. Das liegt aber auch daran, dass wir bei den Frauen aufgrund der Schwangerschaftsmeldung früher erfahren, dass sie ein Kind erwarten als bei Männern.


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Haufe Online-Redaktion: Ist der bezahlte Elternurlaub, den man(n) ja quasi gar nicht ausschlagen kann, also auch ein "Tritt in den Hintern" für die Männer, endlich gleichermaßen Verantwortung für die Familie zu übernehmen?

Reichart: Als Tritt in den Hintern würde ich es nicht bezeichnen, aber es ist uns tatsächlich ein großes Anliegen, dass beide Partner sowohl eine berufliche Entwicklung machen als auch Familienleben haben können. Den Zwang zur Entscheidung "Karriere ODER Familie", wie ihn viele Arbeitnehmer immer noch empfinden, wollen wir aufbrechen. Der Elternurlaub ist ein wichtiger Schritt zu noch mehr Chancengleichheit.

Ein wichtiges Beispiel auch für andere Unternehmen

Haufe Online-Redaktion: Wie gesagt, der voll bezahlte Elternurlaub ist ein Angebot, das man kaum ablehnen kann. Gibt es dennoch Mitarbeiter, die das nicht in Anspruch nehmen werden? Immerhin sagen 33 Prozent der Teilnehmer einer Yougov-Umfrage, dass sie Karrierenachteile aufgrund von Elternzeit befürchten …

Reichart: Eine nicht ausgesprochene Erwartungshaltung, die in anderen Unternehmen vielleicht Mitarbeiter davon abhält, Elternzeit zu nehmen, ist bei HPE kein Thema – erst recht nicht mehr mit diesem Programm. Denn das wurde vom weltweiten Vorstand entschieden und wird vom Topmanagement auch unterstützt. Da ist klar, dass wirklich alle dahinterstehen. Daher glaube ich, dass HPE-Mitarbeiter keine Karrierenachteile befürchten. Wir gehen davon aus, dass wirklich so gut wie alle Mitarbeiter den Elternurlaub in Anspruch nehmen werden. Wie Sie sagen: es ist ein Angebot, das man kaum ablehnen kann.

Haufe Online-Redaktion: Wie kommuniziert HPE das neue Angebot – intern und extern an potenzielle Bewerber?

Reichart: Intern haben wir das natürlich bereits kommuniziert und auch entsprechende Betriebsvereinbarungen geschlossen. Vor zwei Wochen sind wir dann an die Presse gegangen – und waren selbst von dem großen Echo überrascht. Innerhalb der sozialen Medien hat die Nachricht ganz von allein ihren Weg in die entsprechende Karrierenetzwerke gefunden und sich verbreitet. Darüber hinaus planen wir keine besondere Kommunikation, wir werden also keine Recruiting-Kampagne daraus machen. Aber wenn wir Stellen ausschreiben und Bewerbungsgespräche führen, führen wir solche Leistungen wie den Elternurlaub selbstverständlich an. Und wir gehen davon aus, dass das bei der Entscheidung der Bewerber auch eine gewichtige Rolle spielt – neben anderen Kriterien natürlich.

Haufe Online-Redaktion: Ein starkes Argument am Arbeitsmarkt also. Glauben Sie, dass andere Unternehmen nachziehen werden?

Reichart: Ob andere Unternehmen genau das gleiche Programm machen werden, weiß ich natürlich nicht. Aber ich glaube, dass die bessere Vereinbarkeit von Familienleben und anspruchsvollen Führungsjobs zunehmend wichtiger wird. Für die jüngere Generation ist das so entscheidend, dass auch andere Unternehmen entsprechende Angebote machen werden (müssen).


Ernst Reichart ist Geschäftsführer Personal bei Hewlett Packard Enterprise (HPE) Deutschland.