Kapitel
Agiles Lernen erfolgt kontinuierlich und in kurzen Zyklen. Bild: PHOTOMORPHIC PTE. LTD. - fotolia.de

Wie funktioniert agiles Lernen? Die Autoren dieses Beitrags leiten von den zwölf Prinzipien für agiles Arbeitens aus dem "agilen Manifest" entsprechende agile Lernprinzipien ab und erläutern, was diese für Personalentwicklung und Lernen in agilen Umgebungen bedeuten.

Wie kann eine Übertragung der agilen Werte aus dem agilen Manifest auf Lernen und Personalentwicklung aussehen? Dafür sollten wir uns zunächst die agilen Prinzipien näher ansehen.

Agile Prinzipien (zitiert aus dem Agilen Manifest)

Diese zwölf agilen Prinzipien lassen sich wie folgt auf zwölf agile Lernprinzipien übertragen:

  • Unsere höchste Priorität ist Kundenzufriedenheit durch frühe und kontinuierliche Lieferung.
  • Änderungswünsche sind willkommen, auch in späten Phasen, denn es geht um die Wettbewerbsfähigkeit des Kunden.
  • Wir liefern regelmäßig, bevorzugt in kurzen Zyklen.
  • Alle Funktionsbereiche arbeiten gemeinsam.
  • Organisiere Teams um motivierte Menschen herum. Gib Teams die Ressourcen und Unterstützung, die sie brauchen, und vertraue ihnen.
  • Die beste Art der Kommunikation ist von Angesicht zu Angesicht.
  • Funktionsfähige Produkte sind die Maßeinheit des Fortschritts.
  • Alle Stakeholder sollten einen kontinuierlichen Arbeitsfluss aufrechterhalten.
  • Kontinuierliches Streben nach technischer Exzellenz und gutem Design verstärkt Agilität.
  • Einfachheit, die Kunst, Dinge nicht zu tun, ist essentiell.
  • Die besten Ergebnisse kommen aus selbstorganisierten Teams.
  • In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team Möglichkeiten, noch besser zu werden, und setzt entsprechende Maßnahmen um.

Agile Prinzipien des Lernens

  • Unsere höchste Priorität ist der Lernerfolg durch schnelle Bereitstellung individuell nützlicher Angebote.
  • Änderungswünsche sind willkommen, auch in laufenden Lernprogrammen, denn es geht um die "Wettbewerbsfähigkeit" des Lerners.
  • Lernen erfolgt kontinuierlich und wird in kurzen Zyklen reflektiert.
  • Lernen wird cross-funktional konzipiert und realisiert.
  • Organisiere Lern-Teams um motivierte Lerner herum. Lerner erhalten alle sinnvollen Rahmenbedingungen, agieren aber selbstbestimmt.
  • Die beste Art der Kommunikation ist von Angesicht zu Angesicht (unverändert).
  • Lernerfolge im operativen Alltag sind die Maßeinheit des Fortschritts.
  • Alle Stakeholder sollten einen kontinuierlichen Lernfluss aufrechterhalten.
  • Kontinuierliches Streben nach Exzellenz und hoher Produktivität verstärkt Lernen.
  • Einfachheit, die Kunst, Dinge nicht zu tun, ist essentiell (unverändert).
  • Die besten Ergebnisse kommen aus selbstorganisierten Lern-Teams (Vorrang für soziales Lernen).
  • In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team Möglichkeiten, noch besser zu werden, und setzt entsprechende Maßnahmen um (unverändert).

Die Übertragung zeigt, dass manche der agilen Prinzipien eins zu eins übernommen werden können. Andere sind nur etwas umzuformulieren. Entscheidend ist hierbei, dass in der Formulierung agiler Lernprinzipien Änderungen gegenüber den heute üblichen Standards des Lernens erkennbar sind.

Eigenverantwortung und Selbstorganisation als zentrale Elemente agilen Lernens

Eigenverantwortung und Selbstorganisation des Lerners sind wesentliche Elemente bei dieser Änderung. Da Lernen immer an einen Menschen ‒ wir lassen die aktuellen Entwicklungen bei künstlicher Intelligenz, Deep-Learning-Systemen etc. außen vor ‒ gebunden ist, wird der Lerner zum "Kunden" im agilen Lernsystem. Gleichzeitig ist er Entscheider, Organisator und Auditor seines Lernprozesses. Diese Mehrfachrolle zu bewältigen, ist nicht einfach, vor allem, wenn Lernen bisher eher als Konsum vorgefertigter Angebote erfolgte. Deshalb werden viele Lerner eine begleitende Unterstützung durch die Personalentwicklung bzw. die eigene Führungskraft benötigen. Deren Rolle verändert sich somit ebenfalls. (Lesen Sie hierzu auch: Neue Rollen in der Personalentwicklung).

Vom Ergebnis her denken

Lernen wird im agilen Kontext vom Ergebnis hergedacht, wodurch die Themen Zieldefinition und Messbarkeit des Lernfortschrittes eine Aufwertung erfahren. Da die Messbarkeit von Lernerfolgen schon lange kontrovers diskutiert wird und bisher (und wohl auf absehbare Zeit) keine überzeugenden und einfach zu handhabenden Messsysteme entwickelt wurden, ist bei der Konzeption von Lernen intensiv darauf zu achten, wie die Ergebnisdefinition und die Messung aussehen können. (Lesen Sie hierzu auch den Beitrag "Nachfrageorientierte Personalentwicklung", in dem es darum geht, wie sich die Bewertungsgrundlage der PE in der agilen Arbeitswelt verändert.)

Grundlegende Neuausrichtung der Personalentwicklung

Werden die hier dargestellten agilen Lernprinzipien als sinnvoll angestrebt, bedeutet dies für viele existierende System der Personalentwicklung eine signifikante Veränderung, die eine grundlegende Überarbeitung der Personalentwicklung erfordert. Diese wird dann bereits eine »Nagelprobe« für das Verständnis des agilen Mindsets sein. Ein Tipp: Die grundlegende Überarbeitung und Definition einer »neuen PE« ist sehr Old School und nicht agil. Agile Personalentwicklung entsteht auch agil, d. h. durch kurze Entwicklungsschritte, die sofort zu funktionsfähigen Prototypen führen, die von kleinen Nutzergruppen (Pilotanwender) ausprobiert und verbessert werden.

Social Learning: Soziales Lernen wird wichtiger

Ein praktikabler erster Schritt kann in vielen Organisationen die Stärkung des sozialen Lernens sein. Dieses ist in vielen Unternehmen unterrepräsentiert, spielt in der agilen Welt aber eine deutlich größere Rolle. Im folgenden Kapitel stellen wir verschiedene agile Lernformate vor, von denen einige auch den Prinzipien des sozialen Lernens folgen.

Buchtipp: Agiles Lernen

Der obige Text ist ein Auszug aus dem Buch "Agiles Lernen" von Nele Graf, Denise Gramß und Frank Edelkraut, das 2017 bei Haufe erschienen ist.  Hier können Sie das Buch im Haufe-Shop bestellen.

 

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Schlagworte zum Thema:  Agilität, Lernen, Personalentwicklung

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