10.06.2016 | Menschenrechtsverstöße

Oxfam klagt an: Gruselige Zustände auf Ananas- und Bananenplantagen

Das Obst aus Deutschen Lebensmittelketten verspricht mit Gütesiegeln oft bessere Arbeitsbedingungen, als die Plantagen halten
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Die Hilfsorganisation Oxfam klagt die großen deutschen Lebensmittelhandelsketten Edeka, Rewe, Aldi und Lidl an. Hoher Preisdruck auf die Produzenten führe zu massiven Menschenrechtsverstößen auf den Obstplantagen in Ecuador und Costa Rica. So würden Pestizide aus der Luft über Arbeiter versprüht.

Der Rauch um die Skandale um die Menschenrechtsverstöße in der Textilindustrie  in Indien ist noch nicht verzogen, schon werden ähnlich klingende Menschenrechtsverstöße bei den Produzenten von Ananas und Bananen in Costa Rica und Ecuador laut.

Obst fragwürdiger Herkunft bei Edeka, Rewe, Aldi und Lidl?

Die deutschen Supermarkthandelsketten - so behauptet jedenfalls Oxfam - lassen sich von Produzenten beliefern, die nicht einmal minimale Standards bei der Produktion und bei den Arbeitsbedingungen einhalten. Sollten diese Vorwürfe zutreffen, so wäre dies ein Armutszeugnis für die in der Selbstdarstellung dieser Handelsketten seit einiger Zeit hochgehaltene angeblich makellose Unternehmensethik und Werbung mit fairem Handel.

Nachhaltigkeitssiegel auf fast allen Bananen

Die großen Lebensmittelketten in Deutschland bewerben unisono besonders ihre Bananen als nachhaltige Produkte.

  • Fast ausnahmslos werden die Bananen mit Nachhaltigkeitssiegeln versehen.
  • Am häufigsten wird hierbei der grüne Frosch aufgeklebt, das Siegel der „Rainforest Alliance“.
  • Das Siegel garantiert angeblich faire Produktionsbedingungen und eine hohe Qualität der Produkte.

Trotz grünem Frosch-Nachhaltigkeits-Siegel sind nicht alle Bananen mit menschenwürdigen Arnbeitsbedingungen in Kontakt gekommen.
Bild: Haufe Online Redaktion

Siegel nur Schall und Rauch?

Oxfam hat nach eigenen Angaben in Ecuador und Costa Rica insgesamt ca. 200 Arbeiter interviewt. Diese berichteten geradezu Unglaubliches:

  • Jeder zweite Arbeiter gab an, dass aus der Luft über Flugzeuge Pestizide auf den Plantagen versprüht würden, während die Arbeiter dort arbeiten;
  • die Arbeiter klagten in großer Zahl über ständige Übelkeit, Schwindel, Atemnot, Hautausschlag und Allergien;
  • die Arbeiter behaupteten, im direkten Umfeld der Plantagen sei die Zahl der Fehlgeburten, der Geburt missgebildeter Kinder und der Krebserkrankungen besonders hoch, wobei exakte Zahlen nicht wissenschaftlich ermittelt sind, ebenso wenig ein auf den Einsatz von Pestiziden zurückführender Kausalzusammenhang;
  • die Mehrzahl der Arbeiter berichtete, dass Gewerkschaften unterdrückt und Gewerkschaftsmitglieder benachteiligt oder sogar bedroht würden;
  • Mindestlöhne würden häufig unterschritten.

Der von den Handelsketten erzeugte Preisdruck frisst die Arbeiter

Während die Bedingungen für die Arbeiter in den Plantagen nach deren Angaben eher schlechter als besser werden, fallen in Deutschland die Preise enorm. Seit dem Jahr 2000 ist der Ananaspreis um ca. 35 % gefallen bei einer Verdreifachung des Konsums.

Entgegen den gesetzlichen Vorgaben wird in Ecuador für die Kiste Bananen häufig nicht der gesetzliche Mindestpreis von etwas über sechs Dollar gezahlt sondern häufig ein um 10-20 % niedrigerer Preis.

Die letzten Opfer des Preisdrucks sind dann die Arbeiter auf den Plantagen, die mit ihrem Lohn kaum sich selbst, geschweige denn eine ganze Familie ernähren können.

Ist Menschenwürde nur eine leere Compliance-Worthülse?

Wenn solche Produktionsbedingungen das Ergebnis der Unternehmensethik der Handelsketten sind und  die aufgeklebten Nachhaltigkeitssiegel im Ergebnis für nachhaltige Unterdrückung und Verletzung der Menschenwürde stehen, stellt sich ernsthaft die Frage, was es mit dem ganzen Gerede von Compliance und Unternehmensethik überhaupt auf sich hat. Geht es bei den Siegeln nur um Werbeeffekte und sind Inhalt und Wahrhaftigkeit völlig gleichgültig?

Rainforest Alliance kündigt Konsequenzen an

Der Fairness halber ist darauf hinzuweisen, dass die Oxfam-Studie nicht ganz unumstritten ist. Die „Rainforest Alliance“ betonte, dass sie die Studie sehr ernst nehme. Man habe sofort in den Plantagen eigene Nachforschungen angestellt, die Vorwürfe allerdings - von Einzelfällen abgesehen - nicht bestätigt gefunden.

  • Rainforest Alliance hat aber herausgefunden dass einzelne Produzenten vor dem Versprühen von Pestiziden den Arbeitern lediglich über einen Lautsprecher einen allgemeinen Warnhinweis erteilen, ohne darauf zu bestehen, dass die Arbeiter das Feld verlassen.
  • Gegen diese unannehmbare Praxis will man energisch vorgehen. Die Siegelvergabe setze voraus, dass zwischen dem Versprühen von Pestiziden und dem Einsatz von Arbeitskräften Sicherheitszeiträume eingehalten werden.

Die Handelsketten wehren ab

Ähnlich äußerten sich auch die Handelsketten Edeka, Rewe, Aldi und Lidl. Die Ketten kündigten rigorose Überprüfungen der Vorwürfe an, wiesen allerdings ebenfalls darauf hin, dass diese sich bisher bei Stichproben nicht bestätigt hätten. Einen Zusammenhang mit der rigorosen Preispolitik, insbesondere der Discounter, wollte man nicht erkennen. Rainforest Alliance hat unterdessen eine gemeinsame Begehung der Plantagen mit Vertretern von Oxfam vorgeschlagen.

Oxfam: Besser „Fair-trade“ kaufen

Die Hilfsorganisation selbst weist darauf hin, dass eine Überprüfung der Angaben der befragten Arbeiter grundsätzlich schwierig sei. Einige der Befragten hätten große Angst gehabt, überhaupt Angaben zu machen. Gespräche hätten teilweise nur über Verbindungsleute stattfinden können. Man habe auch den redewilligen Arbeitern unmittelbar die Angst vor einem Rauswurf angemerkt.

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Oxfam weist darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit für eine faire Entlohnung der Arbeiter und angemessene Arbeitsbedingungen bei der Bio-zertifizierten Fair-Trade-Ware deutlich höher sei.

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