HPLR – Hitze wirtschaftlich begreifen
Extreme Hitzeereignisse sind längst keine Ausnahmesituation mehr. Der Europäische Sommer 2025 zeigt erneut: Steigende Temperaturen belasten nicht nur Gesundheit und Infrastruktur, sondern auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Unternehmen quer durch alle Branchen. Bisher fehlte eine betriebswirtschaftlich greifbare Kennzahl, um diese Effekte messbar zu machen. Hier setzen wir mit der Heat Productivity Loss Ratio (HLPR) an. Wir arbeiten mit diesem neu entwickelten Indikator, der erstmals aufzeigt, wie stark Hitze die Wertschöpfung eines Unternehmens beeinflusst.
In diesem Artikel stellen wir die HPLR-Methodik vor, die wir auf Basis unserer Erfahrung aus Beratung und Gesundheitsmanagement entwickelt haben. Sie beschreibt ihre Anwendungsbereiche und zeigt anhand konkreter Branchenbeispiele, wie Unternehmen die Kennzahl nutzen können, um gezielt in Klimaanpassung zu investieren.
Was misst HPLR und warum ist das relevant?
Die Heat Productivity Loss Ratio lehnt sich an bekannte Nachhaltigkeitskennzahlen wie die LTIF (Lost Time Injury Frequency) an. Die Kennzahl gibt an, wie viel Prozent der betrieblichen Wertschöpfung durch Hitze verloren gehen, sei es durch langsameres Arbeiten, technische Ausfälle oder gestörte Lieferketten.
Die Formel lautet: HPLR (%) = (Produktivitätsverluste durch Hitze in 5 Dimensionen / Jahresumsatz) x100
Ein einfaches Beispiel: Ein produzierendes Unternehmen mit 200 Millionen Euro Jahresumsatz identifiziert den Verlust durch Hitze: Arbeitsausfälle mit einem Wert von zwei Millionen Euro und drei Millionen Euro Schaden durch qualitative Mängel. Außerdem kommt es zu Verzögerungen wegen Engpässen in der Lieferkette in Höhe von drei Millionen Euro Die HPLR liegt damit bei vier Prozent. Das entspricht acht Millionen Euro jährlichem Verlust. Diese Zahl schafft Klarheit und Entscheidungsdruck zugleich.
Die HPLR-Variablen im Überblick
Die HPLR basiert auf fünf Verlustdimensionen, die sich in Unternehmen auf Grund von Hitze besonders stark auswirken:
1. LA – Arbeitsausfall
Mitarbeitende fallen aus oder arbeiten langsamer, zum Beispiel wegen Kreislaufproblemen, Erschöpfung oder schlechter Schlafqualität. Auch die Krankmeldungen steigen.
Beispiel: In einem Bauunternehmen belastet Hitze die Mitarbeitenden besonders. Die Mitarbeitenden arbeiten langsamer, brauchen zusätzliche Pausen und machen mehr Fehler. Die Allianz vergleicht den Produktivitätsverlust an einem Hitzetag sogar mit einem halben Streiktag.
2. LQ – Qualitätsverluste
In sensiblen Produktionsprozessen, wie in der Pharma-, Chemie- oder Lebensmittelindustrie, kann Hitze die Produktqualität beeinträchtigen.
Beispiel: In der Bauindustrie gibt es bei höheren Temperaturen schnellere Trocknungsprozesse, die zu Rissen führen können.
3. LO – Output-Verzögerungen
Wegen reduzierter Schichten, verlängerter Pausen oder Einhaltung von Hitzeschutzrichtlinien verlangsamt sich der Output.
Beispiel: Auf der Baustelle dürfen ab 32 Grad Celsius bestimmte Arbeiten nicht mehr durchgeführt werden.
4. LIT – Systemausfälle & Effizienzverluste
Server überhitzen, IT-Systeme verlangsamen sich, Maschinen stoppen automatisch bei zu hohen Temperaturen.
Beispiel: In einer automatisierten Fertigung fallen Kühlsysteme regelmäßig aus, was Stillstandszeit und Kosten verursachen kann.
5. LLog – Logistik- und Lieferverzögerungen
Niedrigwasser bremst den Schiffsverkehr. Blow-Ups beschädigen Straßen. Fahrpläne werden ausgedünnt.
Beispiel: Ein Zementwerk muss wegen Hitzeschäden auf Schienen seine Lieferkette umplanen und es kommt zu entsprechenden Verzögerungen.
Branchen-Benchmarks: Wo HPLR besonders hoch ist
Die HPLR-Werte beziehen sich stets auf die durchschnittlichen lokalen Hitzetage der letzten fünf Jahre. Damit wird klar, wie stark sich die Kosten bei steigenden Temperaturen in den nächsten Jahren steigern werden.
Je nach Branche, Region und Exposition variiert die HPLR natürlich erheblich. Es gilt diese Kennzahl unternehmens-spezifisch zu analysieren, damit Klarheit für die eigene Ausgangslage und den Investitionsanreiz geschaffen wird.
Auf Basis aktueller Studien, Interviews und Praxiserfahrungen ergeben sich folgende typische Bandbreiten als erste Referenzwerte:
Branche | Typischer HPLR | Begründung |
Bauwirtschaft | 3,0–7,0 % | Arbeit im Freien, Materialveränderung, Sicherheitsrisiken |
Industrieproduktion | 1,0–4,5 % | Maschinenstillstand, Qualitätsminderung |
Gesundheitswesen | 1,5–5,5 % | Belastung des Personals, erhöhtes Patientenaufkommen, Kühlaufwand |
Chemie & Pharma | 2,0–6,0 % | temperatursensible Prozesse, Gefahrenstoffe |
Landwirtschaft | 4,0–10,0 % | Ernteausfälle, körperliche Belastung |
Diese Zahlen sind konservativ geschätzt. Studien wie die der ILO („Working on a Warmer Planet“) oder des Lancet Countdown on health and climate change bestätigen jährliche Verluste in Milliardenhöhe allein durch Hitzefolgen auch in Industrieländern wie Deutschland.
Ein Blick in die Praxis: Facility-Management trifft HPLR
Wie kann ein Unternehmen konkret mit der HPLR arbeiten? Betrachten wir eine Facility Managerin eines produzierenden Mittelständlers in Baden-Württemberg als Beispiel. Bisher installierte sie einfache Klimageräte reaktiv je Gebäude, was oft zu spät und letztlich sehr teuer war. Nun nutzt sie HPLR-Daten:
- Die HPLR identifiziert die Bereiche mit der höchsten hitzebedingten Ausfallquote.
- Auf Basis vergangener Sommerdaten und eines intelligenten Forecasting simuliert sie die Verluste je Gebäudeteil.
- Sie erkennt, dass ein einzelner Produktionsstrang für 45 Prozent der Verluste verantwortlich ist.
- Investitionsentscheidung: Der Kühlbedarf wird dort mit nachhaltigen Maßnahmen wie adiabater Kühlung und Verschattung gezielt reduziert.
Die HPLR ermöglicht erstmals eine zielgerichtete Investitionsplanung auf Basis wirtschaftlicher Verluste.
Welche Daten braucht es zur Berechnung der HPLR?
Die Stärke der HPLR liegt in ihrer Einfachheit. Dennoch erfordert ihre Berechnung eine fundierte Datengrundlage. Die gute Nachricht ist: Die meisten Unternehmen haben diese Informationen bereits vorliegen oder können sie mit geringem Aufwand erheben.
Typische quantitative Datenquellen zur HPLR-Ermittlung:
Mitarbeitende / Human Resources:
- Erhöhte Krankenstände
- Produktivitätsreports oder Leistungskurven
- Reports aus betrieblichen Gesundheitsmanagementsystemen
Facility Management / Technik:
- Temperaturverläufe in Gebäuden
- Energieverbrauch und Kühlkosten
- Ausfallzeiten von Maschinen, Lüftung und Servertechnik
Produktion / Qualitätssicherung:
- Fehlerraten an heißen Tagen
- Produktionsunterbrechungen und Stillstände
- Ausschussmengen bei temperatursensiblen Prozessen
Logistik / Supply Chain Management:
- Lieferverzögerungen durch hitzebedingte Einschränkungen der Lieferkette
- Zeitverluste bei Anlieferung und Abtransport
- Störungen durch Niedrigwasser, Straßensperrungen etc.
Diese Daten können mit externen Wetterdaten (Temperaturverlauf, Hitzewellenintensität et cetera) korreliert und über ein Jahr aggregiert werden. Dabei helfen Werkzeuge wie der Heatwave Impact Forecast Monitor, den DSR & Partners gemeinsam mit dem kanadischem Start-up EHAB entwickelt haben. Er zeigt tagesaktuell, wie viel Produktivitätsverlust auf Bundes- oder Standortebene durch Hitze zu erwarten ist. Die Werte liegen aktuell zwischen 600 –900 Millionen Euro Verlust pro Hitzewelle allein in Deutschland.
Daneben ist ein qualitatives Hitzeverständnis in den Unternehmen zu erarbeiten. Welche vulnerablen Gruppen gibt es und wodurch sind diese besonders gefährdet? Welche kritischen Prozesse sind besonders temperatursensibel? Sind diese und weitere Fragen beantwortet, kann auch angemessen auf Hitze reagiert werden.
Strategischer Nutzen: Vom Risiko zur Chance
Unternehmen, die ihre HPLR verstehen, können gezielt reagieren, statt pauschal zu investieren oder abzuwarten. Der strategische Mehrwert liegt in folgenden Ebenen:
1. Zielgerichtete Investitionen
Investitionen in effiziente Kühlung, Begrünung oder flexible Arbeitsmodelle lassen sich mit HPLR-Kalkulationen wirtschaftlich begründen. Und zwar standortspezifisch in Bezug auf die durchschnittlichen Hitzetage der letzten 5 Jahre und den entsprechenden lokalen Klimaszenarien.
2. Regulatorik & Nachhaltigkeit
Die Integration von Klimaanpassung in die Unternehmensstrategie ist Teil der EU-CSRD, Taxonomie und Klimarisikoberichterstattung. HPLR-Daten helfen, diese Anforderungen mit konkreten Zahlen zu unterlegen.
3. Resilienz & Wettbewerbsfähigkeit
Wettbewerbsfähig ist, wer seine Produktivität auch bei Extremwetter aufrechterhält. Die HPLR zeigt auf, wo der größte Hebel liegt und mit welchem Aufwand Risiken reduziert werden können.
Wie HPLR den Arbeitsalltag verändern kann Sven, Facility Manager bei einem Mittelständler in der Chemieindustrie, ist zuständig für drei Standorte. Nach dem Sommer 2025 will er verhindern, dass es wieder zu Maschinenstillständen, überforderten Mitarbeitenden und Fehlproduktionen kommt. Mit Unterstützung von DSR & Partners analysiert er die letzten fünf Jahre:
Ergebnis: Eine HPLR von 3,6 Prozent – das entspricht über vier Millionen Euro Produktivitätsverlust bei 110 Millionen Euro Umsatz. Die entsprechenden Klimaszenarien lassen bis zu 20 Hitzetage erwarten (+33 Prozent oder +1,3 Millionen Euro Verlust zusätzlich) Sven priorisiert Maßnahmen:
Ein Jahr später: Mit nur noch fünf Maschinenstillständen im Normsommer und reduziertem Krankenstand konnte die HPLR auf 1,8 Prozent gesenkt werden - Payback-Time: 1,5 Jahre und resilienter für mehr heißere Tage aufgestellt. |
Hitzeschutz ist Wirtschaftsschutz
Die Heat Productivity Loss Ratio macht sichtbar, was Unternehmen bisher oft nur vage spüren: Hitze wirkt tief in die betrieblichen Abläufe hinein. Und sie kostet viel. Die gute Nachricht: Wer HPLR kennt, kann handeln. Gezielt, faktenbasiert und strategisch. Damit wird Klimaanpassung nicht zum Pflichtprogramm, sondern zum Invest in die Zukunftsfähigkeit.
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