Wie Arbeitgeber mit „unsichtbarer“ Nachhaltigkeit punkten
„Mit der Nachhaltigkeit ist es wie mit Wetter und Klima“, meint Zaborowski, der mit seinem Unternehmen Fachkräfte für HR, CSR und Leadership vermittelt. „Aktuell hat das Thema keine Priorität, aber langfristig ist der Trend eindeutig.“ In der jetzigen Krise beobachtet der Berater, dass Bewerber:innen vor allem auf Gehalt und Sicherheit achten; Purpose spiele kaum eine Rolle. „2022 kamen noch viele zu uns und sagten: Ich will einen Job mit Sinn. Jetzt fragen die Leute: Wo kriege ich überhaupt einen Job?“, so Zaborowski.
Falsche Schlüsse aus Umfragen
Nachhaltigkeit als Nice-to-have? Vor ein paar Jahren hörte sich das anders an, zum Beispiel in einer Umfrage von Stepstone 2023: Drei Viertel der Erwerbstätigen gaben an, sich lieber bei „nachhaltigen“ Unternehmen zu bewerben. 40 Prozent würden bei „sehr umweltschädlichem“ Handeln ihres Arbeitgebers über eine Kündigung nachdenken. Zaborowski sieht diese Zahlen mit Skepsis: „Wenn ich online ohne Druck gefragt werde, sage ich natürlich: ‚Nachhaltigkeit ist mir total wichtig!‘ Aber wenn ich meine Brötchen irgendwie verdienen muss, oder wenn der neue Job gleich um die Ecke ist, dann nehme ich den doch ganz gerne – Nachhaltigkeit hin oder her.“
Nachhaltigkeit nicht einseitig betrachten
Aus seiner Sicht liefern solche Umfragen vor allem politisch korrekte Antworten. Viel relevanter als diesen Kritikpunkt findet Zaborowski allerdings die Frage, was Unternehmen unter Nachhaltigkeit verstehen. Betrachtet man das gesamte Panorama der UN-Nachhaltigkeitsziele, zählen dazu schließlich auch soziale Themen wie Gleichberechtigung, gute Arbeit, Gesundheit und Bildung. „Solche Kriterien sind im ureigenen Interesse von Mitarbeitenden“, betont der Berater. Und anders als bei Umwelt- und Klimathemen fühlen sich Menschen von sozialen Bedingungen direkt betroffen, nicht erst in Zukunft.
Druck und Kontrolle sind Alltag
Wie gut schneiden deutsche Unternehmen bei sozialen Kriterien ab? Forsa hat dazu 2023 im Auftrag von DEKRA rund 1.500 Beschäftigte befragt: Engagiert sich ihr Arbeitgeber für Arbeitszufriedenheit, Gesundheit und Sicherheit? Sage und schreibe 40 Prozent stellten ihrem Unternehmen ein (eher) schlechtes Zeugnis aus. „Was wir in der Praxis zum Beispiel immer wieder sehen, ist Unzufriedenheit mit der Führung, mit ständigem Druck und Kontrolle“, bestätigt Zaborowski. „Unter anderem sehen wir eine Rückkehr zur Präsenzkultur. Viele Arbeitgeber wollen ihre Beschäftigten wieder vor Ort sehen.“
Employer Branding: mehr als Schlagworte
Unternehmen, die sich anders positionieren und das auch sichtbar machen, seien schon heute im Vorteil. „Wenn ich als Bewerberin oder Bewerber das Gefühl habe, hier wird wirklich auf die Leute geschaut, ist das ein Pluspunkt.“ Doch was löst dieses gute Gefühl aus? Vor allem konkrete Einblicke, rät der Experte. Leider würden viele Unternehmen immer noch mit Schlagworten um sich werfen. „Der Klassiker ist ‚flexibles Arbeiten‘ – was heißt denn das konkret?“, kritisiert Zaborowski. Als einfachen ersten Schritt empfiehlt er, Szenarien zu beschreiben: „Kann ich zum Beispiel ohne schlechtes Gewissen im Homeoffice arbeiten, wenn mein Kind krank ist?“ Und weil man ja viel versprechen kann, sollten am besten Mitarbeitende zu Wort kommen.
Bis zu 7,2 Millionen Arbeitskräfte weniger
In den nächsten Jahren geht die geburtenstarke Generation der „Babyboomer“ in Rente. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnet vor, dass 2035 bis zu 7,2 Millionen Erwerbspersonen weniger bereitstehen als heute – falls nicht deutlich mehr Menschen aus dem Ausland einwandern und ihren Platz im Erwerbsleben finden. „Seien wir realistisch, der Arbeitnehmermarkt wird kommen“, urteilt Zaborowski. „Gerade die junge Generation wird dann wieder mehr Wert auf Nachhaltigkeit legen.“
Wer es ernst meint, zeigt Ausdauer
Stellenanzeigen zu optimieren oder die Karriereseite aufzuhübschen, wird aus seiner Sicht kaum reichen, um konkurrenzfähig zu sein. „Vertrauen wächst langfristig. Es nützt zum Beispiel wenig, wenn ich einmal bei einer Karrieremesse an einer Uni auftauche“, sagt der Berater. „Das muss ich schon ein paar Jahre lang machen. Auf Social Media ähnlich. Erst mit der Zeit realisieren die Leute, dass man es ernst meint.“
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