28.08.2013 | Vorwurf der Diskriminierung

Jugendkult bei den Krankenkassen?

Diskriminieren Kassen Alte und Kranke wegen zu hoher Kosten?
Bild: Haufe Online Redaktion

Krankenkassen umwerben bevorzugt junge und gesunde Versicherte. Nun zeigt ein Tätigkeitsbericht der Kassenaufsicht: Die Krankenkassen benachteiligen Alte und Kranke. Was ist dran am Vorwurf der Diskriminierung von älteren oder kranken Versicherten?

Dass Krankenkassen vor allem junge und gesunde Versicherte umwerben, ist nicht neu. Das Alte und Kranke jedoch tatsächlich diskriminiert werden, zeigt jetzt der jüngst im Internet veröffentlichte Tätigkeitsbericht des Bundesversicherungsamtes (BVA).

Krankenkassen scheuen hohe Kosten

Nach dem BVA-Bericht benachteiligen die Kassen Versicherte mit hohem Kostenrisiko oft schon bei der Anwerbung. Es habe es aber auch Versuche gegeben, Ältere oder Kranke aktive aus einer bestehenden Versicherung heraus zu drängen.

BVA rügt Vorgehensweise der Kassen

Nach Darstellung des BVA hatten Mitarbeiter einer Krankenkasse kurzfristig sogar versucht, behinderte und chronisch kranke Menschen am Telefon zur Kündigung zu bewegen (s. News v. 20.12.2012). "Die dargestellte Verfahrensweise verstößt gegen grundlegende Prinzipien des Sozialgesetzbuches und wird der Verantwortung der gesetzlichen Krankenkassen gerade auch bei der medizinischen Versorgung von behinderten und chronisch kranken Menschen nicht gerecht", rügt das Bundesversicherungsamt.

Höhere Vertriebsprämie für einkommensstarke Versicherte

Scharfe Kritik übt das BVA auch an der systemischen Risikoselektion bei Neukundengewinnung. Viele Krankenkassen vereinbaren mit ihrem Vertrieb, vorrangig einkommensstarke und gesunde Versicherte zu akquirieren. "Oft zahlen die Krankenkassen ihrem Vertrieb keine Prämien für das Werben von einkommensschwachen oder kranken Versicherten oder verlangen Prämien zurück, wenn die Neumitglieder höhere Krankheitskosten verursachen als erwartet", heißt es in dem Bericht. Zuvor wurden vom BVA bereits zu hohe Prämienzahlungen einzelner Kassen kritisiert (s. News v. 31.5.2013).

Risikoselektion verstößt gegen das Solidaritätsprinzip

Durch die gezielte Versichertenauswahl "verstoßen die Krankenkassen gegen das Diskriminierungsverbot und das in der gesetzlichen Krankenversicherung zu beachtende Solidaritätsprinzip," so das BVA. Tritt eine Krankenkasse im Vertrieb mit einem potenziellen Neumitglied in konkreten Kontakt, muss jede Bevölkerungsgruppe gleich behandelt werden.

Nach Ansicht der Verbraucherzentrale Hamburg tragen die Krankenkassen nicht die Verantwortung für die Risikoselektion. "Schuld ist die Politik, die die Krankenkassen in den Wettbewerb gezwungen hat."

Verschleierungstaktik in der PKV

Auch in der Privaten Krankenversicherung (PKV) werden ältere Versicherte oft benachteiligt. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr kritisierte am 28.8.2013, dass es immer noch Versicherer gebe, die Älteren keine günstigeren Tarife anböten, obwohl das gesetzlich vorgeschrieben sei. Das seien aber "Ausreißer", betonte er.

PKV für alle öffnen

Minister Bahr fordert, die PKV für alle zu öffnen und lehnte es ab, älteren Privatpatienten die Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu eröffnen (s. News v. 27.8.2013).
Aus Sicht des Gesundheitsexperten Jürgen Wasem hätte eine PKV-Öffnung massive Konsequenzen. Wichtige, zahlungskräftige Versichertengruppen würden dann der GKV den Rücken kehren, die GKV ausbluten. "Für die verbleibenden GKV-Versicherten würden die Beiträge stark steigen", so Wasem.

Schlagworte zum Thema:  Kündigung, Diskriminierung, Solidaritätsprinzip, Bundesversicherungsamt, PKV, Prämienzahlung

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