Diversity: Studie zu islamischer Bank in Deutschland

Nicht immer sind eindeutige, klare Zielformulierungen und Leitbilder der einzige Weg zum Unternehmenserfolg. Besonders in sehr diversen Teams, mit Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft, können auch andere Strategien sinnvoll sein. Das zeigt die Fallstudie einer islamischen Bank in Deutschland. 

Traditionell betonen Führungstheorien die Wichtigkeit einer klaren, zentralen und starken Vision sowie einem einheitlichen Ziel für die Angestellten. Neben reinen Umsatzzielen werden allerdings auch immer öfter Ziele formuliert, die zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen sollen – die Gefahr von potenziellen Zielkonflikten innerhalb des Unternehmens ist groß. Um unterschiedlichen Zielen gerecht zu werden, wird in der Literatur bisher empfohlen, entweder diese zu separieren (zum Beispiel durch Gründung einer neuen Abteilung), oder eine gemeinsame Identität innerhalb des Unternehmens zu entwickeln. Doch was tun, wenn das nicht möglich ist, weil sie zu gegensätzlich oder zu viele sind?

Diversity: Studie untersucht erste islamische Bank in Deutschland

Genau dies untersuchten WU-Wissenschaftler Ali Aslan Gümüsay und seine Kollegen Michael Smets und Tim Moris von der University of Oxford mit einer Fallstudie. Die Forscher begleiteten die erste islamische Bank in Deutschland und der Eurozone von der Idee bis zu ihrer Gründung - zwei Jahre lang. In dieser Zeit nutzten sie 60 Tage für ethnographische Beobachtungen, führten 73 Interviews und werteten 1.350 Dokumente aus. Ihre Ergebnisse haben sie kürzlich in einem Artikel im "Academy of Management Journal" veröffentlicht.

Islam trifft auf westliche Form des Bankwesens

Wie die Studienautoren in ihrem Paper „God at work: engaging central and incompatible institutional logics through elastic hybridity“ deutlich machen, wirkt die Unvereinbarkeit von Religion, den Lehren des Islams und westlichen, konventionellen Formen des Bankwesens im Falle der islamischen Bank im ersten Augenblick besonders groß. „Eine große Herausforderung für eine islamische Bank ist sicherlich der multikulturelle und unterschiedlich religiöse Hintergrund der Angestellten. Die Vor- und Einstellungen, wie sich eine islamische Bank zu positionieren hat, können sehr unterschiedlich ausfallen“, so Studienautor Gümüsay. Neue Wege zur Vermeidung von Zielkonflikten wurden gesucht und gefunden.

Einheit in Vielfalt: Zielkonflikte durch Mehrdeutigkeit vermeiden

Die Studie zeigt auf, dass die Führung für Zielformulierungen, strategische Positionierung und Leitbilder, aber auch in der internen und externen Kommunikation Mehrdeutigkeit und Ambiguität nutzt. „Mehrdeutigkeit wird dabei nicht nur sprachlich eingesetzt, sondern betrifft die gesamte Identität“, so Gümüsay. Dadurch sollte Angestellten die Flexibilität gegeben werden, sich durch entsprechende persönliche Auslegung mit der Bank besser identifizieren zu können. Anstelle einer klaren Balance zwischen Religion und Marktlogik, ermöglichte die Bank den Angestellten eine persönliche Balance zu entwickeln und mit ihr zu arbeiten. 

Religion vs. Marktlogik: Polysemie und Polyphonie ermöglichen persönliche Balance

Gümüsay und seine Kollegen benennen hierfür zwei Mechanismen, die sich die Bank zunutze machte. Polysemie, wörtlich „mehrere Zeichen“, beschreibt, wie Führungskräfte ganz bewusst Mehrdeutigkeit um das Organisationsziel kultivierten und auch mehrdeutige visuelle und wörtliche Zeichen nutzen – seien es Symbole, Bilder oder Begriffe. Slogans wie „Islamisch. Sinnvoll. Handeln.“ arbeiteten gezielt mit der Doppelbedeutung des Wortes ‚handeln’ für ‚tun’ einerseits sowie ‚Handel treiben’ anderseits. Letzteres ist aufgrund des Zinsverbotes ein Kernelement des islamischen Bankwesens.

Der zweite Mechanismus ist Polyphonie, wörtliche „mehrere Stimmen“, der es erlaubte, dass Angestellte sich durch die Nutzung von verschiedenen physischen Orten, flexiblen Arbeitszeiten und Mehrsprachigkeit, individuell mehr oder weniger religiös verhalten konnten und damit die Bank unterschiedlich religiös und profitfokussiert erlebten.

Elastische Hybridität: Biegen ohne Brechen

„Das Zusammenspiel dieser beiden Mechanismen ermöglicht es, dass in der Bank ganz unterschiedliche Einstellungen, Meinungen, Werte und Praktiken zugleich gelebt werden können, die Bank abertrotzdem eine Einheit in Vielfalt herstellen kann“, erklärt Gümüsay.

Diese dynamische Balance nennen die Autoren elastische Hybridität. Die Organisation stellt ein Hybrid mit verschiedenen Zielen dar, erreicht so Resilienz und kann sich in ihrer Vision und Praxis „biegen ohne zu brechen“ und damit Einigkeit durch Mehrdeutigkeit herstellen. „Die Studie weist auch politische Implikationen auf, inwiefern Gesellschaften Einheit in Vielfalt erstellen und erhalten können. Wenn weder eine Zerstückelung der Gesellschaft in ‘Abteilungen’ noch eine homogene Identität möglich sind, bieten Polysemie und Polyphonie die Möglichkeit, Vielfalt zu inkludieren. Gesellschaften werden so elastisch und können besser mit Vielfalt umgehen, ohne ihre Einheit aufzugeben“, so die Autoren.

Hintergrund: Islamisches Bankwesen

Als „islamisches Bankwesen“ wird die Führung von Bank- und Finanzgeschäften bezeichnet, die im Einklang mit den Regeln und dem religiös-ethischen Wertekanon des Islams und seinen Verpflichtungen zu sozialer Verantwortung stehen. Das bedeutet: konsequenter Verzicht auf verzinslichen Geldverleih, jegliche Geschäfte mit Glücksspielcharakter und Investitionen in Unternehmen, die nicht mit den ethischen Grundsätzen des Islam vereinbar sind. Dazu gehören hoch verschuldete Unternehmen sowie solche, die unter anderem in Bereichen wie der Rüstungs-, Tabak-, Porno- oder Alkoholindustrie sowie in der Verarbeitung von Schweinefleisch und dem Handel damit tätig sind. Ebenso widersprechen intransparente und hochriskante Spekulationen den ethischen Grundwerten des Islam.

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