23.12.2014 | Interview

Wer nicht genug Frauen fördert, erhält weniger Bonus

Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe
Bild: Berliner Verkehrsbetriebe

Einige Unternehmen müssen sich noch auf die Frauenquote einstellen. Andere experimentieren schon länger freiwillig mit internen Quotenregeln. So stehen bei den Berliner Verkehrsbetrieben Frauenquoten in den Zielvereinbarungen der Manager. BVG-Chefin Sigrid Nikutta gibt Auskunft. 

personalmagazin: Frau Nikutta, Sie stehen seit 2010 an der Spitze der Berliner Verkehrsbetriebe. Was wollen Sie erreichen?

Sigrid Nikutta: Ich bin absolut ergebnisorientiert. Diesem Ziel ist alles untergeordnet. Wir investieren viel Vorstandszeit in persönliche Diskussionen, damit unsere Unternehmensziele auch bei jedem Mitarbeiter ankommen. Wir treffen nicht nur die Bereichsleiter, sondern auch Gruppen- und Teamleiter, also die direkten Vorgesetzten von Busfahrern und Werkstattmitarbeitern. Kommunikation ist der Schlüssel. Wir informieren über alle Kanäle. Wir haben die Mitarbeiter gefragt, welche Medien sie gerne lesen. Jetzt ist unsere Mitarbeiterzeitschrift aufgebaut wie eine Boulevardzeitung.

personalmagazin: Und dort halten Sie mit Appellen in fetten Lettern die Leistungssteigerung am Köcheln?

Nikutta: Aufrufe bringen wenig, Vorleben bringt viel. Beispiel Ergebnistreue: Die Mitarbeiter erleben, dass wir nachhaltig unsere Ziele verfolgen. Unser strategisches Ziel war eine schwarze Null im Jahr 2016. Nun haben wir dies zwei Jahre früher geschafft und erzielen 2014 erstmals in der Nachkriegsgeschichte ein ausgeglichenes HGB-Ergebnis. Die Mitarbeiter tragen dazu mit einem Tarifvertrag bei, der an unternehmerischen Erfolg gekoppelt ist. Im November konnten sie bereits durch einen guten Tarifabschluss von der Entwicklung profitieren. Künftig gibt es 2,5 Prozent plus in jedem Jahr, in dem die schwarze Null erreicht wird.

personalmagazin: Rechnen die Mitarbeiter mit Zahlenjongliererei?

Nikutta: Nein, denn wir stellen die wirtschaftliche Entwicklung auf Mitarbeiterversammlungen transparent dar. Nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westberlin waren wir 30.000, jetzt sind wir 13.400. Die Produktivitätssteigerung war enorm, denn wir machen mindestens das Gleiche. Aber kulturell muss sich etwas ändern: Eine ganze Organisation ist über Jahre darauf sozialisiert worden Mitarbeiter sozialverträglich abzubauen. Jetzt suchen wir qualifizierte Mitarbeiter und wollen sie halten. Dieser Kulturwandel muss in die Köpfe.

personalmagazin: Und deshalb schreiben sie Frauenförderung auf die Fahne?

Nikutta: Wir wollen dauerhaft Erfolg. Und das geht nur, wenn wir mehr Frauen in die BVG holen – auch in die technischen Bereiche. Gemischte Teams sind gut für den Unternehmenserfolg. Außer um Frauen werben wir auch um Ältere und um Menschen mit Migrationshintergrund. Kulturelle Heterogenität muss neben Alters- und Geschlechterheterogenität stehen.

personalmagazin: Aber Frauen haben Priorität?

Nikutta: Ja. Der Frauenanteil lag seit Jahrzehnten bei 16 Prozent. Jetzt wissen wir, dass bis 2025 rund 3000 Mitarbeiter in Rente gehen werden. Die müssen ersetzt werden. Wenn also in der U-Bahn-Instandhaltung im nächsten Jahr sechs Elektriker ausscheiden, muss der Abteilungsleiter sechs Arbeitnehmer einstellen, davon 50 Prozent Frauen. So konkret steht das in seiner Zielvereinbarung, die einen spürbaren Anteil am Bonus ausmacht. Für das Jahr Eins ging es Ende 2013 an die Zielabrechnung. Wir hatten ein ganzes Stück geschafft, aber nicht alles. In den Gesprächen hieß es: Es war zu schwierig, aber eine Frau habe ich eingestellt. Der Überhang, also zwei Frauen, wurde dann zu den Zahlen für 2014 addiert. Es reicht also nicht einmal einen Kotau zu machen, das Ziel bleibt. Und: Der Bonus wurde proportional gekürzt. So wird es jedes Jahr weitergehen. Jetzt haben wir 18 Prozent Frauen.

personalmagazin: Es bringt also Manager in Bewegung, wenn das eigene Portemonnaie betroffen ist?

Nikutta: Das Interesse am Girl’s Day und am Tag der offenen Tür steigt jedenfalls. Und wir werben jetzt dezidiert um Busfahrerinnen. 160 neue Fahrerinnen haben wir schon ausgebildet.

personalmagazin: Kann ich Karriere machen, wenn ich als Busfahrerin starte?

Nikutta: Wenn sich eine Busfahrerin intern weiterbildet, kann sie bis ins mittlere Management aufsteigen – Gruppenleiterin oder Teamleiterin werden, Dienstpläne gestalten und 60 bis 80 Fahrer und Fahrerinnen führen. Unsere internen Aufstiege sind ein starkes Karriereargument für alle Mitarbeiter.

personalmagazin: Wie stark beschäftigt Sie persönlich das Mann-Frau-Rollenspiel in der Wirtschaft?

Nikutta: Ich würde schon am liebsten in einer Berufswelt leben, in der das Geschlecht keine Rolle spielen würde. Aber wir müssen ja konstatieren, dass die vielen guten Abiturientinnen irgendwo bleiben, nur nicht in Führungspositionen. Veränderung ist da leider kein Selbstläufer.

Das Interview führte Ruth Lemmer.

Sigrid Nikutta ist Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe.

Schlagworte zum Thema:  Zielvereinbarung, Frauenquote, Frauenförderung

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