20.04.2012 | Produktionskosten

Kostengünstiger und flexibler produzieren: Von China nach Vietnam?

Bild: Haufe Online Redaktion

Aufgrund steigender Kosten zieht es immer mehr Unternehmen von China nach Vietnam. Auch als strategischer Markt bietet das Land Potenzial.

China verlassen? – 3 strategische Stoßrichtungen

Steigende Löhne und Inflation, das Erstarken des chinesischen Yuan und auslaufende staatliche Anreize für Niedrigpreismodelle führen bei immer mehr Unternehmen zum Umdenken. Rentiert sich die Produktion in China noch? Drei strategische Stoßrichtungen sind möglich:

  1. Umsiedlung in Chinas Westen
    In den weniger entwickelten westlichen Regionen des Landes locken Industriezonen mit Sonderkonditionen. Diese können steuerlicher oder regulatorischer Natur sein. Vor allem können sich hier oftmals auch arbeitsintensive Produktionsunternehmen niederlassen, die an der stärker entwickelten Ostküste Chinas nicht mehr zu den strategischen Industrien zählen und weniger Anspruch auf staatliche Förderung haben. Zu prüfen ist, inwiefern sich durch eine Umsiedlung Transportkosten erhöhen und wie attraktiv der lokale Absatzmarkt ist.
  2. Expansion an Chinas Ostküste
    Expansion in China ist ohne Frage weiterhin möglich. Allerdings verschiebt sich der Fokus immer stärker auf Bereiche mit höherer Wertschöpfung in strategischen Industrien. Damit einher gehen auch veränderte staatliche Förderungsmaßnahmen, die vor allem Forschung- und Entwicklung, moderne Dienstleistungen (z. B. Finanzen, Tourismus, IT) und High-Tech-Industrien (z. B. Biotechnologie, Automobil) begünstigen. Unternehmen sollten gezielt nach staatlicher Förderung Ausschau halten und Möglichkeiten suchen, die stark steigenden Kosten zu kompensieren.
  3. Weggang aus China
    Unternehmen sollten sich fragen, welche Alternativen es zu China als Produktionsstandort gibt. Wie wichtig ist es, vor Ort in China zu produzieren und den lokalen Markt zu bedienen? Oder sind die Produkte primär für den Export bestimmt und können auch woanders gefertigt werden? Es ist nicht immer nötig, alle Aktivitäten zu verlagern. Es ist möglich, sich auf besonders kritische Aspekte zu fokussieren oder mit einem Pilotprojekt zu beginnen.

Chancen in Vietnam

Im Zusammenhang mit dem Weggang aus China wird Vietnam als Alternative immer häufiger genannt. China wird deshalb seine dominante Position als „verlängerte Werkbank“ des Westens nicht sofort verlieren. Jedoch werden Ländern wie Vietnam aus Kostengründen wie auch aus strategischen Gründen zunehmend attraktiver. Vorteile von Vietnam sind vor allem:

  • Die Lohnunterschiede zwischen Vietnam und China sind signifikant. In Vietnam sowie auch in Indonesien, Indien oder Pakistan betragen sie gerade einmal die Hälfte des chinesischen Lohnniveaus. Gerade in den preisintensiven Textil- und Spielwarenindustrien machen sich diese Unterschiede bemerkbar.
  • Vietnams Flexibilität bei der Anpassung an unterschiedliche Produktionsbedürfnisse ausländischer Firmen sticht hervor. China ist auf große Volumina standardisierter Produkte spezialisiert. In Vietnam sind kleine, variantenreichere Produktionslinien eher möglich.
  • Vietnams Arbeitskräfte erreichen immer bessere Ausbildungsniveaus. So steigt die Anzahl gut ausgebildeter Universitätsabsolventen in Schlüsselindustrien. Außerdem werden die politischen und wirtschaftlichen Rahmendaten als stabil und verlässlich beschrieben.
  • Aufgrund Vietnams Nähe zu China ist das Land an die Bedürfnisse des chinesischen Marktes gewöhnt. Exportprodukte für Chinaließen sich also auch in Vietnam fertigen.

Auf der anderen Seit sollte berücksichtigt werden, dass die Infrastruktur in Vietnam teilweise weniger entwickelt ist als in China. Auch die Arbeitskräfte dürften in einigen Bereichen weniger erfahren sein als chinesische. Die Kapazitäten für einige Industrien, wie z.B. Schmuck und Bekleidung, müssen stärker ausgebaut werden. Auch das regulatorische Umfeld dürfte für ausländische Firmen vielfach neu sein.

Ein Selbstläufer ist die Produktion in Vietnam also bei weitem nicht. Sollten etablierte Strukturen in China durch Kostensteigerungen nicht mehr profitabel sein, so bietet Vietnam Unternehmen neue Chancen. Bei der Kosten-Nutzen-Analyse dieser Entscheidungen ist der Sachverstand der Controller besonders gefragt. Sie können die Zahlenbasis für die Entscheidung des Top-Managements liefern.

Beispiel Intel

Was veranlasste den US-amerikanischen Halbleiterhersteller dazu, schon vor Jahren mehrere Hundert Millionen US-Dollar in eine riesige Chip-Fabrik in Vietnam zu bauen? In dem Land mit rund 86 Millionen Einwohnern hatten 2006 gerade einmal 4 % der Haushalte PCs, was ungefähr 1,6 Millionen Geräten entspricht. Auf den ersten Blick keine gute Ausgangslage.

Beim genauen Hinschauen summieren sich aus Sicht von Intel jedoch die Vorteile. In Intels etablierten Märkten in Asien, vor allem in China, den Philippinen und Malaysia, steigen die Kosten kontinuierlich. Vietnam entpuppt sich hier als weißer Fleck in der Landschaft, der mit deutlich niedrigeren Löhnen lockt. Auch lockt die Regierung ausländische Investoren mit attraktiven Angeboten, wie z. B. der Unterstützung bei der Ansiedlung und der Infrastruktur in großen Technologie-Parks. Die vietnamesische Regierung ist sich bewusst, dass viele Unternehmen ihre Produktionen in China und anderen etablierten asiatischen Märkten u. a. aus Kostengründen überdenken und möchte von diesem Trend bestmöglich profitieren.

Mittel- bis langfristig dürfte sich die Investition für Intel nicht nur aus Kostengründen rechnen. Verläuft die wirtschaftliche Entwicklung von Vietnam weiterhin positiv, wird Intel auch den lokalen Markt erobern können.

Schlagworte zum Thema:  Outsourcing, Globalisierung, China, Produktionscontrolling

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