Nachhaltige Transformation

Nachhaltige Transformation: Unternehmen sind weiter als die Politik


Nachhaltigkeit: Unternehmen sind weiter als die Politik

Die Volten des US-Präsidenten, der Einfluss von Lobby-Verbänden und die konjunkturelle Lage führen dazu, dass die EU ihre Nachhaltigkeits-Regulatorik erheblich abspecken will und das Thema Nachhaltigkeit in der öffentlichen Debatte ins Hintertreffen gerät. Viele Unternehmen lassen sich davon nicht beirren. Denn sie sind längst weiter als die Politik.

Im Zuge des Omnibus-Verfahrens will die EU die schon sicher geglaubte EU-Regulatorik deutlich schleifen – mit dem Argument der Entbürokratisierung und ohne Rücksicht auf all jene Unternehmen, die seit Jahren viel Geld in Menschen, Technik und Prozesse investieren, um all die einst angekündigten Anforderungen tadellos zu erfüllen. Laut Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) könnten mit den neuen Regelungen bis zu 94 Prozent der Unternehmen aus dem Anwendungsbereich der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) fallen. Viele hätten sich also – zumindest mit Blick auf die Regulatorik – ganz umsonst so angestrengt. 

Statt abzuschwächen, zu lockern, zu drosseln und Fristen zu verschieben müsste die Weltwirtschaft viel, viel schneller werden, um die Folgen des Klimawandels zu mildern. Das, so Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin des BNW, mache „ganz kribbelig“. Wie es so weit kommen konnte? Das in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaute neue Verständnis von unternehmerischer Verantwortung werde in der öffentlichen Debatte mit Bürokratie gleichgesetzt, „es ist irrsinnig, dass es Industrielobbyisten geschafft haben, diese Begriffe so zu verdrehen“, sagt sie.
 
Oft seien es die noch im fossilen Zeitalter verankerten Industrieunternehmen, die in den großen Verbänden das Sagen hätten. Und so kämen bei der Politik die Aussagen an, die geplante Regulatorik überfordere die Unternehmen. „Würde man die Macherinnen und Macher im Maschinenraum der Unternehmen fragen – also diejenigen, die das Risiko- und Lieferkettenmanagement aufgebaut haben – wüsste man, dass die Unternehmen vieles schon wissen und beherrschen. Es gibt einen Gap zwischen denen, die es wirklich machen und denen, die mit der Politik reden“, ist Katharina Reuter überzeugt. 

Mehr Bürokratie, weniger Wirkung: Die Rolle rückwärts

Wie reagiert die deutsche Wirtschaft auf diese Rolle rückwärts? „Viele Unternehmen machen trotzdem weiter“, sagt die BNW-Chefin. Manche seien vielleicht ganz froh, dass sie noch ein bisschen mehr Zeit haben, Dinge zu durchdenken, „aber es ist auf keinen Fall so, dass die Unternehmen sagen ‚Jetzt lassen wir den Stift fallen‘. Das beobachten wir tatsächlich nur bei Unternehmen, die sich von den Industrieverbänden oder auch den Kammern haben einreden lassen, dass sie mit dem Geschäftsmodell der Vergangenheit weitermachen können. Ansonsten bleibt Nachhaltigkeit strategisch wichtig.“
  
Für die Wirtschaftsexpertin ist das derzeitige Hickhack um die EU-Regulatorik – gelinde gesagt – kontraproduktiv. Statt auf einheitliche Standards wie CSRD oder ESRS müssten sich Unternehmen nun auf einen Flickenteppich an unterschiedlichen Anforderungen von verschiedenen Stakeholdern einstellen: „Viele Unternehmen sehen die aktuellen EU-Vorschläge kritisch, weil sie mehr Bürokratie bei weniger Wirkung bedeuten.“

Katharina Reuter neu

Der BNW erfreut sich nach wie vor eines regen Zulaufs. Seit Jahresbeginn sind 53 Mitgliedsunternehmen hinzugekommen. „Das freut uns natürlich. Zugleich nervt mich kolossal, dass wir in der Debatte so viele destruktive Stimmen hören. Diese Stimmen haben in der öffentlichen Wahrnehmung viel mehr Gewicht als diejenigen, die konstruktiv sind und Lösungen entwickeln.“ Wenn beispielsweise Kanzler Friedrich Merz zum Thema Verbrennertechnologie und E-Antrieb sagt, man wisse noch nicht, welche Technologie Marktreife erlange, dann „merkt man, dass er nicht viel über diese Thematik weiß. Trotzdem verunsichert er mit seinen Aussagen Märkte“.

Wirtschaftlichkeit statt Altruismus: Nachhaltigkeit ist nicht tot

Auch wenn es sich so anfühlt, also wäre das Thema Nachhaltigkeit auf absehbare Zeit, pardon, verbrannt, gibt es ermutigende Zahlen. Zum einen auf Verbraucherseite – aller Stimmungsmache zum Trotz kauften die Menschen in Deutschland im ersten Halbjahr 2025 erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen und auch der Absatz von E-Autos stieg signifikant. 

Zum anderen auf Unternehmensseite: So meldet die Unternehmensberatung PwC in ihrem aktuellen State of Decarbonization Report, dass 83 Prozent der befragten Unternehmen in kohlenstoffarme Produkte und Services investieren. Laut einer Untersuchung von Morgan Stanley sehen 88 Prozent der Unternehmen weltweit Nachhaltigkeit als Werttreiber. Im EY-Dekarbonisierungsbarometer 2024/2025 ist nachzulesen, dass 41 Prozent der Unternehmen in der deutschen Industrie der Dekarbonisierung höchste strategische Priorität beimessen, direkt hinter Umsatz- und Gewinnentwicklung.
 
Unternehmen bekennen sich aber nicht nur in Studien zur Nachhaltigkeit, sondern zeigen auch öffentlichkeitswirksam Flagge. Tui-Chef Sebastian Ebel zum Beispiel bekräftigte im Juni auf einer Pressekonferenz, der Reisekonzern werde an seinen Nachhaltigkeitszielen festhalten. Nachhaltigkeit und Rendite seien kein Widerspruch: „Wir machen das nicht aus Altruismus. Wir machen das, weil es wirtschaftlich ist“, wird er im Handelsblatt zitiert. Mit der Kampagne Verbessern, nicht verwässern. machen sich über 130 Unternehmen für eine klare EU-Regulatorik stark, darunter die Otto Group, Tchibo und Lufthansa Industry Solutions (auf der Website finden sich auch zahlreiche Stimmen pro Regulatorik aus dem Mittelstand).

Wenn Konzerne um Regulierung bitten …

Die Allianz, Nestlé Deutschland, Lichtblick, die ING Bank und zwölf weitere Unternehmen forderten die Bundesregierung in einem gemeinsamen Statement auf, sich auf deutscher und europäischer Ebene für verlässliche und praxistaugliche Rahmenbedingungen für die nachhaltige Transformation einzusetzen, denn eine „weitreichende und undifferenzierte Deregulierung … beeinträchtigt unsere Planung und schadet unserer Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit“. 

Konzerne wie Ferrero, Danone oder Barry Callebaut verfassten eine Art Hilferuf an die EU, weil die die längst beschlossene Entwaldungs-Verordnung wieder aufschnüren will, dort heißt es: „A regulation that enshrines responsible sourcing, climate ambition, and legal certainty is not a burden — it is an opportunity for European leadership.“ Wer hätte noch vor ein paar Jahren vermutet, dass Konzerne um Regulierung bitten? 

Banken und Versicherungen fordern nachhaltiges Handeln 

Vielleicht hat das Bekenntnis vieler Branchen zur Nachhaltigkeit aber nicht nur mit den bereits investierten Millionen oder der steigenden Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz zu tun, sondern auch mit Druck seitens einer sehr wichtigen Branche: Was nämlich weder die US-Administration noch die EU oder Regierungen der Mitgliedsstaaten ändern können, ist die Rolle der Finanz- und Versicherungsbranche beim Einhegen des Klimawandels: Sie ist ein wichtiger Treiber des nachhaltigen Wirtschaftens, und zwar aus einfachem Grunde: „Banken und Versicherungen betrachten das Ganze aus der Risikoperspektive, und sie wissen, dass die Klimakrise den Kapitalismus zu zerstören droht“, sagt Katharina Reuter. 

Also fordern diese Branchen schon aus rein kapitalistischem Kalkül von Unternehmen nachhaltige Aktivitäten. Die Commerzbank zum Beispiel kündigte laut der BNW-Geschäftsführerin unlängst an, demnächst bei jeder Kreditanfrage von Unternehmen zu prüfen, wie sich deren Geschäftsbetrieb auf die Biodiversität auswirkt. Ihr Fazit: „Ich glaube immer noch an die Vernunft und am Ende auch an die Kraft der Finanz-und Versicherungsbranche: nicht-nachhaltige Lösungen werden irgendwann keine Kredite mehr bekommen und keine Versicherung mehr finden.“ 

Spätestens dann sind alle, die bereits Herz, Hirn und Geld in die Nachhaltigkeit ihres Unternehmens gesteckt haben, klar im Vorteil. 


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