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Interview mit Reinhard K. Sprenger: "Kontrolle ist nur ein Gefühl"

Reinhard K. Sprenger warnt vor zu viel genauso wie vor zu wenig Kontrolle.
Bild: Haufe Online Redaktion

In Unternehmen ist Kontrolle ein wichtiges Thema, wenn nicht das wichtigste überhaupt. Können Führungskräfte Kontrolle ausüben, fühlen sie sich weniger gestresst. Reinhard K. Sprenger, Bestsellerautor und Managementberater, ist der Ansicht: Kontrolle braucht Vertrauen und umgekehrt.

Haufe Online Redaktion: Laut einer in deutschen Medien zitierten Studie der Universität Harvard verringert das Gefühl, Kontrolle zu haben, den Stress von Führungskräften bei Behörden und dem Militär deutlich. Lässt sich das verallgemeinern und sind Sie bereit, dem Misstrauen doch auch eine gute Seite zuzusprechen?

Reinhard K. Sprenger: Die Studie ist mit Vorsicht zu genießen. Da gibt es zum einen die Schwierigkeiten der Übersetzung: Control ist nicht identisch mit Kontrolle. Und dass die Menschen sich um so entspannter fühlen (ja sogar länger leben), je höher sie hierarchisch stehen, ist lange bekannt. Ob das allerdings ursächlich dem Gefühl der Kontrolle zuzurechnen ist, scheint fraglich. Und sollte sich dieser Faktor isolieren lassen, müssten wir doch realistischer Weise von einer "Kontrollillusion" sprechen, eben dem "Gefühl" der Kontrolle. Davon unbenommen bleibt: Es gibt kein Vertrauen ohne Misstrauen. Es kommt auf das Verhältnis an. Und ein Mehr an Misstrauen ist immer dort am Platz, wo Vertrauen naiv wäre.

Haufe Online Redaktion: Gibt es Einrichtungen, wie Behörden, das Militär oder Unternehmen, bei denen eine Misstrauens- und Kontrollkultur angebracht wäre?

Sprenger: Weder Behörden noch militärische Einrichtungen kommen ohne Vertrauen aus. Nur ist das Verhältnis gegenüber dem Misstrauen anders zu kalibrieren als bei der Heilsarmee. In dem einen wie dem anderen Fall darf es nicht möglich sein, dass ein Angestellter mit einem Streichholz den ganzen Laden in die Luft sprengt. Und diese Grenze verläuft in einer Pommesbude anders als in einem Atomkraftwerk. Ein Problem gibt es, wenn sich jede Pommesbude an der Gefahrenklasse eines Atomkraftwerks orientiert. Und um genau diese Grenze geht es in "Radikal führen".

Haufe Online Redaktion: Sie sprechen damit Ihr neues Buch an, das vor kurzem erschienen ist. Darin beschreiben Sie die fünf Kernaufgaben einer Führungskraft. Die fünfte Kernaufgabe lautet "Mitarbeiter führen". Wenn ein Unternehmer Ihrem Rat folgt und Kontrollsysteme spürbar abbaut, wie sollte er seine Führungsmannschaft darauf vorbereiten, dass sie mehr Stress fühlen wird? Gibt es ein ideales Minimum an Kontrollkultur oder wäre Kontrolle in der normalen Führungsaufgabe enthalten?

Sprenger: Vertrauen und Kontrolle schließen sich nicht aus, sondern bedingen einander. Insofern gehört zur Führungsaufgabe immer auch Kontrolle. Zu reden ist darüber, was kontrolliert werden muss, wann oder wie oft und wie groß der rechtfertigungsverschonte Raum ist. Diese Entscheidungen sind kontextbezogen zu treffen. Und sie wird einen Manager mit einem hohen Selbstvertrauen anders treffen als einen Manager mit einem geringen. Denn es ist unmöglich, jemandem zu vertrauen, wenn man an seiner Stelle das Vertrauen gebrochen hätte.

Das Interview führte Gudrun Porath.

Haufe Online Redaktion

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