Unternehmen stehen bei der Entwicklung einer nachhaltigen Unternehmensstrategie vor der Herausforderung, jene Nachhaltigkeitsthemen zu identifizieren, die für das Unternehmen zu priorisieren sind. Gleichzeitig werden damit auch Themen als unwesentlich eingestuft, sodass es Unternehmen hilft, den entsprechenden Fokus im Bereich Nachhaltigkeit zu setzen. Die Wesentlichkeitsanalyse ist das geeignete Instrument, um diese Priorisierung vorzunehmen und ermöglicht Unternehmen, klare Ziele zu definieren, Ressourcen zu bündeln und die Qualität der Berichterstattung zu verbessern. Oftmals wird dieses Potenzial von Unternehmen für das strategische Management nicht genutzt und lediglich für die nichtfinanzielle Berichterstattung herangezogen. Zudem wird die Durchführung der Wesentlichkeitsanalyse oft als Herausforderung gesehen, die durch unterschiedliche Begriffsdefinitionen, widersprüchliche anzuwendende Standards sowie unklare Vorgehensmodelle zu unternehmensindividuellen Lösungen führen.[1]

Ursprünglich umfasste der Begriff der Wesentlichkeit den Einfluss des Themas auf die Performance des Unternehmens sowie die Relevanz für Stakeholder in der Interpretation der Unternehmensergebnisse, reflektierte also in erster Linie die Shareholder-Perspektive. Dieser Ansatz ist im Bereich Nachhaltigkeit nach wie vor in amerikanischen Unternehmen weit verbreitet.[2] Ein erweiterter Ansatz wird durch den GRI Standard (Global Reporting Initiative) vertreten, wobei hier nicht nur die Auswirkungen der Themen auf das Unternehmen (Outside-in), sondern zudem der Einfluss des Unternehmens auf das Thema (Inside-out) im Vordergrund steht. Die Outside-in Perspektive wird also durch eine Inside-out Perspektive ergänzt. Dieses Konzept der zweifachen Materialität nach GRI definiert die Wesentlichkeit auf Basis von zwei Dimensionen:[3]:

  • Der Einfluss des Themas auf die Entscheidungen von Stakeholdern hinsichtlich des Unternehmens
  • Die Erheblichkeit des Impacts des Unternehmens auf ein Thema.

Auch der aktuell von EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group) mit erarbeitete Entwurf der CSRD folgt dem Konzept der zweifachen Materialität.[4]

Zudem schlagen mehrere Organisationen zum Setzen von Standards im Bereich des Nachhaltigkeitsmanagements, darunter CDP, GRI, IIRC und SASB das Konzept der dynamischen Materialität vor, dass derzeit erarbeitet wird. Abb. 6 gibt einen Überblick über das Konzept der dynamischen Wesentlichkeit. In diesem Konzept soll berücksichtigt werden, dass Themen aus dem Bereich Nachhaltigkeit in ihrer Bedeutung auf das finanzielle Ergebnis von Unternehmen zulegen oder verlieren können. Dieses Konzept soll Unternehmen dabei helfen, die künftige Wesentlichkeit von Themen zu antizipieren und dementsprechend frühzeitig die richtigen Maßnahmen zu setzen bzw. Stakeholder frühzeitig informieren zu können.[5]

Abb. 6: Konzept der dynamischen Materialität[6]

Mit Blick auf die Themen, die als wesentlich zu beurteilen sind, ist das Spektrum grundsätzlich äußerst breit und sehr divers. Ausgangspunkt können hier die 17 UN SDGs (Sustainable Development Goals), also die global anerkannten Ziele, die für die Menschheit insgesamt als relevant gesehen werden und für die von Unternehmen ein Beitrag geleistet werden kann, bieten (s. Abb. 7). Hinter diesen 17 Zielen stehen 169 Zielvorgaben, die unterschiedlichste Themenstellungen adressieren. Die Ziele sind ein erster Anhaltspunkt für die Identifikation von wesentlichen Themen für Unternehmen.

Abb. 7: UNSDG – United Nations Sustainable Development Goals

In der Durchführung einer Wesentlichkeitsanalyse können sich Unternehmen an verschiedenen vorhandenen Standards und Methoden orientieren. Ein klares Vorgehensmodell wird von den Standards allerdings nicht bereitgestellt. Im Weiteren wird daher ein pragmatisches Vorgehen beschrieben, das sich bereits in der Praxis bewährt hat. Dieses modellhafte Vorgehen orientiert sich am GRI-Standard und gliedert sich in 3 Schritte:

  1. Erstellung einer Long-List:

    Unternehmen erstellen eine erste Liste, die alle Nachhaltigkeitsthemen enthält, die für das Unternehmen grundsätzlich relevant sein können. Diese Long-List umfasst bei großen Unternehmen in der Regel etwa 100 Themen und deckt alle Ziele der UNSDG ab.

  2. Vorauswahl und Erstellung einer Short-List:

    Die 100 Themen der Long-List werden durch interne Fachexperten auf etwa 30-40 Themen reduziert. Dabei werden Themen, auf die das Unternehmen keinen oder nur geringen Einfluss hat, nicht übernommen. Oftmals werden bei mitteleuropäischen Unternehmen Themen rund um den Schutz des Lebens unter Wasser oder zur Vermeidung von Kinderarbeit in der Erstellung der Short-List depriorisiert.

  3. Priorisierung der wesentlichen Themen:

    Die Priorisierung der wesentlichen Themen erfolgt anhand der 2 von GRI vorgegebenen Kriterien. Jene Themen, die in beiden Kriterien hoch eingestuft werden, sind als wesentliche Themen zu dokumentieren.

    • Einfluss auf Stakeholder Entscheidungen und Beurteilungen:

      Dieses Kriterium wird im Rahmen von Befragungen mit i...

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