Studien ergaben erneut, die Angaben zum Kraftfahrstoffverbrauch von Autos sind meist geschönt Bild: MEV-Verlag, Germany

Trotz ständiger Besserungsbeteuerungen der Automobilindustrie und schmerzhaften Erfahrungen mit Folgen von Compliance-Verstößen, scheint es mit dem Bewusstsein der Wahrheitspflicht gegenüber dem Verbraucher noch nicht weit her zu sein. Eine unabhängige ICCT-Studie zeigt, dass der tatsächliche Verbrauch der angebotenen Fahrzeuge deutlich höher ist, als im Prospekt angegeben wird.

Die  renommierte  „International Council on Clean Transportation“ (ICCT) überprüft seit Jahren weltweit die Angaben der Automobilhersteller unter anderem zum Kraftstoffverbrauch und zum Schadstoffausstoß auf ihren realen Gehalt.

Realitätsgehalt der Angaben der Automobilhersteller überprüft

Schon die Aufdeckung des Abgasskandals war wesentlich auf die Tätigkeit der ICCT zurückzuführen. Mit einer neuen, gemeinsam mit der „Niederländischen Organisation für angewandte Wissenschaft“ durchgeführten Studie hat die Organisation erneut den Realitätsgehalt der Angaben der Automobilhersteller zum Kraftstoffverbrauch ihrer Fahrzeuge überprüft. Die Zeitungen der Funke Mediengruppe haben die Studie am 6.11.2017 dem öffentlichen Publikum zugänglich gemacht.

Verbrauchsangaben sind noch unrealistische als früher

Das angesichts des noch nicht bewältigten Abgasskandals erschreckende Ergebnis der jetzigen Untersuchung: Die Abweichungen des tatsächlichen Verbrauchs der Fahrzeuge von den Prospektangaben sind im Vergleich zu einer im Jahr 2013 durchgeführten Studie nicht kleiner, sondern größer geworden.

  • Lag die Differenz des tatsächlichen Verbrauchs zu den Prospektangaben im Jahre 2013 noch bei durchschnittlich 25 %, so verbraucht der Durchschnitt der verkauften Kraftfahrzeuge im täglichen Straßenverkehr laut der neuen Studie rund 42 % mehr Kraftstoff als von den Herstellern angegeben.
  • Nach Einschätzung der ICCT ist dieses Resultat auf eine immer ausgeklügeltere Ausnutzung der Schlupflöcher in der Testprozedur durch die Fahrzeughersteller zurückzuführen.
  • Die für die Tests präparierten Fahrzeuge unterschieden sich teilweise deutlich von den später an die Kunden ausgelieferten Fahrzeugen. 

Hohe Belastung für die Umwelt

Die ICCT zieht aus der Studie den Schluss, dass mit dem Mehrverbrauch auch der die Umwelt belastende CO2 -Ausstoß der Fahrzeuge entsprechend höher liegt und die Automobilindustrie damit einen nicht zu unterschätzenden Teil der Verantwortung für die immer unwahrscheinlicher werdende Erreichbarkeit der weltweiten Klimaziele trägt.

Abweichungen kosten den Durchschnittsfahrer jährlich 400 Euro

Die Organisation weist auf den Kostenfaktor der unrealistischen Verbrauchsangaben für den Verbraucher hin. Für den Durchschnitt aller untersuchten Fahrzeuge und unter Zugrundelegung der durchschnittlichen Jahresfahrstrecken betragen die Mehrkosten laut ICCT für jedes Fahrzeug jährlich 400 Euro.

Das Premiumsegment ist besonders betroffen

Die Auswertung der Daten von immerhin 1,1 Millionen Fahrzeugen aus 8 europäischen Ländern differenziert zwischen verschiedenen Fahrzeugkategorien. Nach der Untersuchung sind die Abweichung im Prämiumsegment besonders hoch.

  • Luxusfahrzeuge verbrauchen hiernach über 50 % mehr als die Hersteller angeben.
  • Aber auch bei den Hybrid- und Plug-in-Hybrid Fahrzeugen liegen die Abweichungen über dem Durchschnitt.

Außerhalb Europas sind die Angaben realistischer

In China, Japan und den USA haben die Automobilhersteller laut Studie zur Wahrheit ein intimeres Näheverhältnis. Die dort festgestellten Abweichungen zwischen Prospektangaben und Realität sind deutlich geringer als in Europa.

  • Der Geschäftsführer der ICCT, Peter Mock, führt dies zum Teil darauf zurück, dass in den USA seit Jahren unabhängige Nachtests durchgeführt würden, die die Hersteller zu realistischeren Angaben zwängen.
  • Demgegenüber sei in Europa immer noch die Laborsituation des Prüfstandes maßgeblich für die angegebenen Verbrauchswerte.

Allerdings darf hierbei nicht übersehen werden, dass realistische Angaben zwar wünschenswert sind, aber allein noch nicht zu einer tatsächlichen Senkung des Verbrauchs führen.

Die Automobilindustrie verweist auf die Zukunft

Insbesondere die deutsche Automobilindustrie verweist auf die erheblichen, seit Aufdeckung des Abgasskandals unternommenen Anstrengungen. Die eingeleiteten Anpassungsprozesse erforderten aber eine gewisse Zeit.

  • Bereits seit September diesen Jahres würden sämtliche neue Fahrzeugtypen in Europa strengeren Testverfahren unterworfen.
  • Die im Vergleich dazu noch strengeren Richtlinien des „Worldwide-Harmonized-Light-Vehicles-Test-Procedure“ seien ab Herbst 2018 dann weltweit auf alle Fahrzeuge anzuwenden.

Die neuen Testverfahren versprächen erheblich praxisnähere Ergebnisse. Anzumerken ist an dieser Stelle allerdings auch, dass auf der kürzlich stattgefundenen IAA in Frankfurt noch kein einziges nach auch nur einem der neuen Verfahren zertifiziertes Modell vorgeführt wurde.

Ehrgeizige CO2-Grenzwerte ab 2021

Darüber hinaus verweist die Automobilindustrie auf die ab dem Jahre 2021 geltenden neuen, äußerst strengen CO2-Grenzwerte der EU. Diese neuen Grenzwerte wurden durch die international tätige Beratungsgesellschaft MSCI aber bereits in Frage gestellt, da bisher die damit verbundenen technischen Probleme noch nicht gelöst seien und es nach jetzigem Stand zweifelhaft sei, ob diese technischen Probleme technischen Probleme in der vorgegebenen Zeitspanne überhaupt zu lösen seien.

Kundenvertrauen als Großbaustelle der Automobilindustrie

Trotz aller Kritik bleibt die Erkenntnis, dass nur eine wirtschaftlich starke Automobilindustrie in der Lage sein wird, die Voraussetzungen für eine umweltfreundliche Mobilität weltweit zu schaffen. Die Ansätze nicht zuletzt bei VW und Audi zur Nachrüstung verkaufter Fahrzeuge sind hier zumindest ein Anfang. Trotz aller berechtigten gesetzgeberischen Aktivitäten wird es ganz ohne Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Automobilindustrie nicht gehen. In Sachen Innovation und Leistungsfähigkeit befand sich die deutsche Automobilindustrie bisher immer auf den vorderen Plätzen. Es wäre für die Verantwortlichen daher an der Zeit, endlich zu zeigen, dass die Automobilindustrie auch bei dem Kriterium „Kundenvertrauen“ in der Lage ist, einen der vorderen Plätze einzunehmen.

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Rechtliche Konsequenzen

Abweichung der Verbrauchswerte gelten als eine erhebliche Pflichtverletzung des Herstellers im Sinne von § 323 Abs. 5 Satz 2 BGB, die den Käufer zum Rücktritt berechtigt. Eine solche Pflichtverletzung ist regelmäßig anzunehmen, wenn der im Verkaufsprospekt angegebene Verbrauchswert um mehr als 10 % überschritten wird (OLG Hamm, Urteil v. 09.06.2011, 28 U 12/11).

Schlagworte zum Thema:  Benzin, Kraftfahrzeug, Prospekt

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