Ein Geruch kann zum Stressfaktor werden, wenn er mit Sorgen über ein mögliches Gesundheitsrisiko verbunden ist. Die Gewöhnung an den Geruch bleibt aus. Stattdessen findet ein Sensitivierungsprozess statt. Dieser Prozess geht mit einer Steigerung der Empfindlichkeit einher, d. h., die Wahrnehmungsschwelle für den Geruch sinkt, sodass immer weniger Moleküle ausreichen, um den Geruch eindeutig zu erkennen. Gleichzeitig verändert sich die Aufmerksamkeit für Gerüche, d. h., man achtet stärker auf Gerüche als vorher. Die Erwartung negativer Auswirkungen auf die Gesundheit führt zu einer genaueren Überwachung der eigenen Körpersignale. Die Folge ist, dass auch unbedeutende Symptome, wie z. B. leichte Kopfschmerzen, die in einer anderen Situation vielleicht gar nicht bemerkt worden wären, im Sinne der Erwartung interpretiert werden. Die Symptome werden in diesem Fall nicht von dem Geruch verursacht, sondern dem Geruch als Ursache zugeschrieben ("Attribution").

Zudem lassen sich Gerüche besonders gut konditionieren. Konditionieren bedeutet "Reiz-Reaktions-Lernen" und kann bewusst, aber auch unbewusst erfolgen. Das zeitgleiche Auftreten eines Geruchs (z. B. Lackgeruch) und einer körperlichen Empfindung, z. B. Übelkeit aufgrund einer beginnenden Magen-Darm-Grippe, reicht aus, um eine dauerhafte starke Abneigung gegen diesen Lackgeruch zu entwickeln. Diese Abneigung kann sich auch entwickeln, wenn beide Ereignisse zeitversetzt auftreten und im Nachhinein der Geruch als Ursache für die Übelkeit interpretiert wird. Die Folge ist, dass der Lackgeruch anschließend selbst Übelkeit auslösen kann.

Die zugrunde liegenden psychobiologischen Mechanismen dieser Verstärkerprozesse gehören zu unserem evolutionären Erbe und sollen uns bei Gefahr schützen. Leider sind diese Mechanismen störanfällig. Die Verstärkerprozesse können über das Ziel hinausschießen und außer Kontrolle geraten.

Einige Studien stützen die Theorie der stressvermittelten Entstehung von körperlichen Symptomen durch die Wahrnehmung von Gerüchen. So wurden beispielsweise bei Betroffenen, die sich durch Gerüche stark belästigt fühlten, erhöhte Cortisolwerte bzw. erniedrigte Werte des Immunglobulins A (sIgA) gefunden. Das Stresshormon Cortisol hat eine dämpfende Wirkung auf das Immunsystem. IgA gehört zu den wichtigsten Antikörpern, da sie das Eindringen von Krankheitserregern in den Körper verhindern.[1]

 
Wichtig

Krankmachende Gerüche

Die Idee, dass schlechte Gerüche Erkrankungen verursachen, ist schon sehr alt. Hippokrates (um 460–375 v. Chr.) hatte die Vermutung, dass durch faulige Prozesse in der Luft und im Wasser eine "krankheitsverursachende Materie" entstünde. Noch bis ins 19. Jahrhundert glaubte man mangels Wissen über Bakterien und Viren, dass Seuchen wie Cholera durch üble Gerüche, sog. Miasmen, verursacht würden.[2]

[1] Sucker/Westphal/Bünger/Brüning (2014): Gute oder schlechte Luft?, IPA-Journal 02/2014, www.ipa-dguv.de/ipa/publik/ipa-journale/index.jsp.
[2] Halliday (2001): Death and miasma in Victorian London. An obstinate belief, British Medical Journal 323(7327): 1469–1471.

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