"Wir müssen uns im Steuerrecht besser auskennen als die KI"
Herr Crivellin, die Bundessteuerberaterkammer hat kürzlich zehn KI-Thesen veröffentlicht – darunter die These, dass Ausbildung und Prüfung „radikal neu gedacht“ werden müssten. Sie leiten den Ausschuss Ausbildung der Steuerberaterkammer Südbaden. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Stefan Crivellin: Grundsätzlich stimme ich der Aussage zu. Wir sind allerdings schon auf einem guten Weg. Ich durfte mitverfolgen, wie die Ausbildungsordnung für Steuerfachangestellte neu aufgestellt wurde – und wesentliche Elemente dieses radikalen Neudenkens sind darin enthalten.
Sie sagen, es ist bereits viel passiert – und trotzdem klingt es nach einem Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Was heißt „radikal neu denken“ aus Ihrer Sicht konkret?
Wir werden uns in der Ausbildung – wie überall im Job – permanent anpassen müssen. Flexibilität, Resilienz und Agilität sind die Themen unserer Zeit. Lebenslanges Lernen war schon immer ein wichtiger Bestandteil in der Steuerberatung. Niemand kann heute sagen, wie der Beruf in zehn Jahren aussieht. Wir müssen beobachten, was sich verändert, und darauf reagieren. In der Ausbildungsordnung tragen wir dem schon Rechnung, indem wir einen noch stärkeren Fokus auf die Anwendung des Wissens legen.
Wissen ist, auch dank KI, heute schneller abrufbar als noch vor einigen Jahren. Was bedeutet das für die Ausbildung?
Tatsächlich müssen wir weniger auswendig lernen, weil wir Informationen nachschlagen können – sei es in Datenbanken oder mithilfe von KI. Aber wir müssen verstehen, was wir tun. Wir müssen die Funktionsweise der Dinge verstehen. Wie funktioniert eine Steuerart? Wie funktioniert Buchführung? Wie funktioniert eine Steuererklärung? Was bringt mir das beste Steuer-Know-how, wenn ich es nicht schaffe, den steuerlichen Sachverhalt des Mandanten zu lösen? Wir müssen unser Handwerk perfekt beherrschen, damit wir es auf alle Anforderungen anwenden können – wenn möglich digitalisiert, automatisiert oder mit Unterstützung von KI.
Das heißt: KI ersetzt das Know-how nicht – sie verändert nur, wie man damit arbeitet?
Genau, KI ist ein Assistent, der uns unterstützt – wie früher schon die IT. Entscheidend bleibt: Wir müssen uns im Steuerrecht besser auskennen als die KI, um Fehler zu erkennen. Routinetätigkeiten werden dank der Digitalisierung oder auch der KI automatisiert, aber die komplexen Aufgaben bleiben. Das macht den Job spannender und interessanter.
Was bedeutet diese Entwicklung konkret für Steuerkanzleien, die ausbilden?
Kanzleien sollten sicherstellen, dass Auszubildende Prinzipien, Logik und Vorgehensweisen verstanden haben. Kanzleien sollten Gespräche mit Auszubildenden führen und ihnen immer wieder die Gelegenheit geben, ihre Arbeit zu erklären und zu präsentieren. So zeigt sich, ob sie Zusammenhänge verstanden oder nur Anweisungen übernommen haben.
Blicken wir auf die Steuerberaterprüfung: Die kann inzwischen auch digital abgelegt werden. Ist das aus Ihrer Sicht ein echter Fortschritt?
Es bringt Vorteile für diejenigen, die Schwierigkeiten mit handschriftlichem Schreiben hatten. Eine Herausforderung der schriftlichen Prüfung war immer, in sechs Stunden alles zu Papier zu bringen. Grundsätzlich ändert sich dadurch aber nichts. Entscheidend bleibt: Hat der Prüfling Zusammenhänge, Logik und Aufbau verstanden? Die Prüfung sollte noch stärker darauf ausgerichtet sein, Wissen anzuwenden, statt auswendig zu lernen. Ob analog oder digital – das macht keinen Unterschied.
Wenn wir beim Thema Ausbildung bleiben: Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die jungen Menschen selbst in diesem Wandel?
Nicht nur die Ausbildungsbetriebe sind gefordert. Auch die Auszubildenden müssen aktiv werden. Sie sind Digital Natives und mit Digitalisierung aufgewachsen. Sie sollten ihre Ideen einbringen und Vorschläge machen, wie man Dinge verbessern könnte.
Zur Person
Steuerberater Dipl.-Betriebswirt (BA) Stefan Crivellin war 17 Jahre lang als Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen tätig. Seine Beratungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Umsatzsteuer und digitales Rechnungswesen. In diesen Bereichen hält er Seminare für Steuerberater, Steuerfachangestellte und Auszubildende. Zuvor war er geschäftsführender Gesellschafter der WSS Aktiv Beraten Steuerberatungsgesellschaft in Rottweil. Außerdem ist er im Vorstand der Steuerberaterkammer Südbaden, wo er den Ausschuss Ausbildung leitet.
Tipp aus der Redaktion
Sehen und hören Sie, was Stefan Crivellin und andere Expertinnen und Experten aus der Steuerbranche zu KI sagen haben. Bei den Tax Talks 2026 dreht sich alles um die zehn KI-Thesen des Deutschen Steuerberaterverbands. Ausgehend von der Frage, wie generative KI den Berufsstand wandelt, beleuchten unter anderem DStV-Präsident Torsten Lüth, Kanzleiinhaber Michael Wohlfart und weitere interessante Gäste das Thema von ihrer Warte aus: fundiert, praxisnah und kurzweilig.
-
"Wir müssen uns im Steuerrecht besser auskennen als die KI"
05.02.2026
-
Reform der Steuerberaterprüfung: Das ist geplant
29.01.2026
-
Podcast: Wie Steuerkanzleien die richtigen Mandate gewinnen
27.01.2026
-
Wie Steuerberater zu Unternehmensnachfolgen beraten
22.01.2026
-
So sichern Sie wertvolles Kanzleiwissen
15.01.2026
-
Podcast: Achtsamkeit im Steueralltag
13.01.2026
-
Steuerberatung 2026: Drei Entwicklungen, die das Kanzleijahr prägen werden
07.01.2026
-
2025: Der Beginn der "KI-Ära" in der Steuerberatung
23.12.2025
-
Steuerfachangestellte nur noch "zu 50 Prozent automatisierbar"
22.12.2025
-
Warum Steuerberater heute auch Unternehmensberater sein müssen
11.12.2025