New Work in der Steuerkanzlei

"Die 4-Tage-Woche? Haben wir wieder abgeschafft!"


New Work in der Steuerkanzlei

Workation am Gardasee, nachhaltige Prozesse und flexible Arbeitsmodelle: Kanzleiinhaber Armin Hampel und sein Team probieren vieles aus – doch nicht alles funktioniert. Die 4-Tage-Woche wurde nach einer intensiven Testphase wieder eingestellt. Im Interview erklärt Hampel, warum er lieber Unternehmer als klassischer Steuerberater ist und wie seine Mitarbeitenden von neuen Konzepten profitieren.

Herr Hampel: Die 4-Tage-Woche ist ein beliebtes New-Work-Konzept, warum haben Sie sich in ihrer Steuerkanzlei davon verabschiedet? 

Armin Hampel: Wir waren mutig genug, etwas Neues auszuprobieren und haben uns für den Versuch genügend Zeit gegeben, nämlich eineinhalb Jahre. In dieser Zeit haben wir die Wochenarbeitszeit um vier Stunden reduziert – von 40 auf 36 Stunden – um so den Freitag frei machen zu können. Aber viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben dann doch freitags gearbeitet oder abends länger gemacht, um alles unterzubringen. Deshalb haben wir die 4-Tage-Woche wieder abgeschafft.

Armin Hampel

Wie war das für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? 

Das wird sich im Laufe der Zeit zeigen. Es ist natürlich wieder erstmal eine Veränderung. Aber tatsächlich sind sie es schon von mir gewohnt, dass ich kein Stein auf dem anderen lasse und Dinge verändere oder einfach mal ausprobiere. Wie etwa aktuell die Workation am Gardasee, die ich den Mitarbeitern anbiete.

Eine Workation am Gardasee, wie kam es dazu?

Wenn man einen Bürojob hat und remote arbeiten kann – warum dann nicht mal von Italien aus? Ich hatte das Glück, dass ich zwei weitere Kanzleiinhaber gefunden habe, die ebenso von dieser Idee angetan waren und gemeinsam haben wir jetzt eine Wohnung am Gardasee gemietet. Unsere Mitarbeiter können dort an zwei eingerichteten Arbeitsplätzen arbeiten und oder Urlaub machen: Wenn sie arbeiten wollen, stellen wir ihnen die Wohnung kostenlos zur Verfügung; bei privatem Urlaub zahlen sie Selbstkostenpreise.


Eigentlich bin ich mehr Unternehmer als Steuerberater


Passt diese Experimentierfreude zu Ihrem Beruf des Steuerberaters?

Ich sage immer zu meinen Mitarbeitern: "Ich habe den Titel halt" – aber eigentlich bin ich mehr Unternehmer als Steuerberater. Für mich gehört dazu, neue Ideen auszuprobieren und den Mitarbeitenden etwas Gutes zu tun – sei es durch moderne offen gestaltete Arbeitsplätze, durch betriebliches Gesundheitsmanagement, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und eben unsere Workation-Möglichkeit. Aber zum Unternehmertum gehört für mich auch der Austausch mit anderen Kanzleien und das Voranbringen von inhaltlich spannenden Projekten im Bereich Digitalisierung oder Nachhaltigkeit. Das treibt mich an.

Wie tauschen Sie sich mit anderen Kanzleien aus? 

Netzwerken ist elementar für mich als Unternehmer. Ich lasse mir gerne über die Schulter schauen, weil man dabei meist auch erfährt, wie die andere Seite Prozesse umsetzt. Wir haben zum Beispiel schon mehrmals Mitarbeitende mit einer anderen Kanzlei getauscht – immer zwei für zwei Tage. So konnten wir sehen, wie sie arbeiten und welche Programme oder Abläufe sie nutzen. Auch einen Cheftausch haben wir gemacht: Mein Kollege war bei uns und ich bei ihm. Das war spannend, weil er durch seine größere Kanzlei viel strukturierter arbeitet – davon konnte ich einiges mitnehmen.

Nachhaltigkeit ist ein großes Thema bei Ihnen – was haben Sie konkret umgesetzt? 

Nachhaltigkeit bedeutet für uns mehr als nur Papierverbrauch oder CO₂-Reduktion. Natürlich haben wir unseren Papierverbrauch massiv reduziert – erst auf ein Drittel bis 2020 und dann letztes Jahr noch mal halbiert. Aber es geht auch darum, Prozesse effizienter zu gestalten und Worst-Case-Szenarien vorzubereiten: Was passiert bei einem plötzlichen Ausfall? Wo sind wichtige Informationen hinterlegt? Solche Themen geben nicht nur mir, sondern auch den Mitarbeitenden Sicherheit.

Was treibt Sie als Unternehmer an, immer wieder neue Konzepte auszuprobieren?

Ich finde Veränderung spannend. Es reizt mich, Neues auszuprobieren und herauszufinden, was funktioniert – sei es für die Kanzlei oder für meine Mitarbeitenden. Natürlich klappt nicht alles, aber genau das macht es ja interessant: zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Und am Ende geht es mir darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen und gerne arbeiten. Denn ich bin überzeugt: Wir arbeiten, um zu leben – nicht umgekehrt. Für mich steht immer der Mensch im Mittelpunkt – ob bei flexiblen Arbeitsmodellen wie Homeoffice oder Workation oder durch Maßnahmen wie unser betriebliches Gesundheitsmanagement. Wenn meine Mitarbeitenden gerne zur Arbeit kommen und wissen, dass ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden – dann habe ich mein Ziel erreicht.


Zur Person

Armin Hampel ist seit 2006 Geschäftsführer der Adlicca Steuerberatungsgesellschaft in Schongau. In der Kanzlei arbeiten mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an zwei Standorten.


Schlagworte zum Thema:  Steuerberatung , New Work
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