KI in der Steuerberatung: Was Fachleute zum Wandel sagen
Ist KI längst kein Zukunftsthema mehr, sondern schon ein Wettbewerbsfaktor? Welchen Wert hat sie, welche Gefahren birgt sie, und welche Bedeutung hat sie für die Steuerberatung? Die Tax Talks 2026 griffen diese Fragen auf und setzten dabei auf die zehn Thesen des Deutschen Steuerberaterverbands (DStV) zur generativen KI als roten Faden. Acht Expertinnen und Experten beleuchteten das Thema aus verschiedenen Perspektiven – fundiert, praxisnah und mit klaren Impulsen für die Gestaltung der Zukunft.
Einsatz von KI: Verantwortung und Vertrauen bleiben beim Steuerberater
Eine Erkenntnis zog sich durch alle Beiträge: KI mag vieles automatisieren und beschleunigen, doch die Verantwortung bleibt beim Steuerberater. Und damit auch das Vertrauen der Mandanten. Mehrere Referentinnen und Referenten betonten, dass sich die Branche künftig in einer ähnlichen Situation befinden wird wie Ärzte: Mandanten informieren sich vorab bei KI-Tools, kommen mit Halbwissen und falschen Erwartungen in die Kanzlei. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, den richtigen Kontext zu liefern und Sachverhalte präzise einzuordnen.
KI verändert die Rolle der Steuerberatung fundamental
Luisa Stalla, Managerin Digitale Transformation beim DStV, eröffnete die Veranstaltung mit einem Blick auf die erste These: KI verändert nicht nur unsere Arbeit – sie verändert, wer wir sind.
Sie erläuterte, warum der Verband die zehn Thesen entwickelt hat: "KI war plötzlich in aller Munde und wir haben uns als Verband gefragt, was das für uns und den Berufsstand bedeutet und wie wir die richtigen Impulse setzen können."
Steuerberatung definiert sich klassisch über Fachwissen und Deklarationsarbeit. KI verschiebt dieses Rollenverständnis: Der Wert verlagert sich von der reinen Wissensverarbeitung hin zu qualitativer Beratung. "Ich arbeite heute ganz anders, als ich es vor ein paar Jahren ohne KI getan habe", sagte Stalla. Gleichzeitig betonte sie die Verantwortung, die bleibt: "KI kann uns viel Arbeit abnehmen, sie nimmt uns aber nicht die Verantwortung ab – und die ist in der Steuerberatung elementar wichtig."
Stalla machte deutlich, dass Vertrauen die zentrale Währung bleibt: "Wir sind die ersten Ansprechpartner für den Mittelstand. Vertrauen hat einen unglaublichen Stellenwert. Den können wir mit der neuen Technologie, unserem Fachwissen im Steuerrecht und Daten ausbauen." Wichtig sei, dass Kanzleiinhaber eine Strategie hätten und wissen, wo sie hinmöchten.
Kontext schlägt Wissen – die neue Macht der Steuerberatung
Tamara Krämer, Fachredakteurin für Steuerrecht und KI-Expertin bei Haufe, widmete sich weiteren Thesen: Zu KI automatisiert Standard stellte sie klar: "Diese These ist am wenigsten umstritten. Wo Abläufe klar strukturiert sind und wiederkehren, kann KI bereits jetzt gut eingesetzt werden." Doch Steuerberater bleiben die kontrollierende Instanz: "Man muss vorsichtig sein und darf sich eben nicht auf die KI verlassen."
Die These Wissen ist keine Macht mehr nannte Krämer sehr provokant. Sie differenzierte: Wissen sei zwar leichter zugänglich geworden, aber der Mehrwert liege darin, dieses Wissen mit konkreten Sachverhalten zu verknüpfen und in den richtigen Kontext zu setzen. „Kontext ist Key", betonte sie.
Krämer zog den Vergleich zur Medizin: Mandanten recherchieren bereits selbst, ähnlich wie Patienten ihre Symptome googeln. Aber sie könnten nicht immer alle relevanten Sachverhalte eingegeben oder den richtigen Kontext mitliefern. "KI gibt immer richtig klingende Antworten, schlechte Informationen sind überall verfügbar."
Die neue Macht liege in Kontext, Verifikation und Verantwortung. Krämer unterstrich: "Nicht die schönste Antwort zählt, sondern die richtige." Und: "Auch wenn sich vieles wandelt, ist Fachexpertise sehr wichtig. Die Antwort auf viele Fragen im Steuerrecht ist ‚Es kommt darauf an'." Durch KI schaffe man es, viel schneller zu Ergebnissen zu kommen. "Und es macht einen Unterschied, ob ich sie als Laie befrage oder als Experte."
Neue Preisgestaltung im KI-Zeitalter: Value Pricing statt Zeitabrechnung
Philipp Penkatzki, Geschäftsführer und Steuerberater, forderte ein radikales Umdenken in der Preisgestaltung.
Ausgehend von der vierten These – Vertrauen wird zur härtesten Währung in der KI-gestützten Steuerberatung – sprach er über das Paradoxon der Effizienz: "Wer von Ihnen stand schon mal in der Situation, dass eine Aufgabe schneller ging als früher und hat sich gefragt, wie er das abrechnen kann?"
Penkatzki kritisierte zeitbasierte Abrechnungsmodelle: "Das Problem ist nicht unsere Produktivität. Das Problem ist unser Preismodell." Er machte deutlich: Wenn eine Gestaltungsberatung dem Mandanten 60.000 Euro Steuerersparnis bringt, kauft dieser nicht die investierte Zeit, sondern das Ergebnis.
Sein Lösungsansatz: Value Pricing. Er stellte vor, wie seine Kolleginnen und Kollegen sich diesem Modell annähern können.
Technologiekompetenz wird zur Kernkompetenz in Steuerkanzleien
Elisa Lutz, Geschäftsführerin und Steuerberaterin, behandelte die fünfte These: Technologiekompetenz wird genauso wichtig wie Rechts- und BWL-Know-how Sie machte deutlich: "Digitale Souveränität ist Pflicht." Technologiekompetenz sei kein Selbstzweck, sondern werde zum Marktvorteil. "Mandanten erwarten von uns, dass wir Technologiekompetenz haben."
Doch auch Lutz betonte die bleibende Verantwortung: "Es geht vor allem um Verantwortung. Es muss eine Kompetenz entwickelt werden, um mit der KI zu arbeiten." Steuerberatung müsse sich mit Technologie auskennen, könne das aber nicht an die IT delegieren. "Wir tragen die Verantwortung für richtige und gute Ergebnisse."
Lutz identifizierte drei KI-Welten, in denen Steuerberater Grundkenntnisse benötigen:
Bei Sprachmodellen und Recherchetools brauche es Promptkompetenz, Prüfkompetenz und Datenschutzkompetenz. "Wir müssen wissen, was wir überhaupt an Daten eingeben dürfen und wie wir das Ergebnis bewerten."
Bei KI-Vorsystemen und -Lösungen warnte sie: "Ein Fehler, der automatisiert wird, ist ein Massenfehler und das birgt hohes Risikopotential. Das kann ich nicht der IT abgeben. Ich muss einschätzen können, ob die KI-Lösung sicher ist und mir etwas bringt." Sie empfahl, sich vor dem Invest in KI-Lösungen, folgende Fragen zu stellen: Spart es echte Prozessschritte? Wird die Datenqualität besser? Ist das Ergebnis erklärbar?
Automatisierungen und Agenten böten enormes Potential, aber auch die größten Risiken. "Hier herrscht aktuell der Wilde Westen." Lutz appellierte: "Der Unterschied zwischen Spielerei und professionellem Einsatz ist Kompetenz. Wir brauchen klare Leitplanken, wie es funktioniert, wie man es einsetzen kann und was die Risiken sind."
Ihr Fazit: "Datengetriebene Beratung verbindet Technik, Recht und BWL – das ist die zukunftsorientierte Steuerberatung. Recht bleibt das Fundament, BWL ist der Kompass, Technologiekompetenz wird der Hebel sein."
Ausbildung muss Handlungskompetenz in den Mittelpunkt stellen
Stefan Crivellin, Steuerberater und Diplom-Betriebswirt, diskutierte die sechste These: Ausbildung und Prüfung müssen radikal neu gedacht werden. Er betonte: "Wir müssen den Auszubildenden immer noch die klassische Buchführung beibringen."
Auch hier kommt die Verantwortung ins Spiel: Der Steuerfachangestellte im Buchhaltungsbereich werde immer mehr zum Datenmanager für den Mandanten, müsse aber Stichproben prüfen und Prozesse begleiten. "Ich habe bisher noch keinem Werkzeug blind vertraut", sagte Crivellin.
Die neue Ausbildungsordnung stelle Handlungskompetenz in den Vordergrund. Crivellin erläuterte: "Man hat Musterkanzleien und sehr praxisorientierte Fälle, die nicht nur steuerrechtlich bewertet werden müssen, sondern man muss den Fall komplett lösen für den Mandanten, und zum Beispiel auch präsentieren können." Was Azubis mitbringen müssen? "Gespür für Zahlen, Umgang mit der IT, Kundenorientierung, Flexibilität, Agilität, Umgang mit KI."
Der Steuerberater wird vom Deklarateur zum Unternehmensberater
Michael Wohlfart, Geschäftsführer der Kanzeibooster GmbH, griff die siebte These auf: Wertschöpfung verschiebt sich – aber sie wächst auch. Er prognostizierte drei Arten von Steuerberatern: Der Steuerdeklarateur, der Steuergestalter und schließlich der Unternehmensberater.
Wohlfart plädierte für den dritten Typ, den Unternehmensberater: "Er fragt sich, wie schaffe ich, dass meine Mandanten MEHR Steuern zahlen, also mehr Umsatz machen." So könne Umsatz abgesichert werden, höhere Honorare verlangt werden und man arbeite mit wirtschaftlich patenten Mandanten zusammen.
Welche Voraussetzungen müssten dafür gegeben sein? "Auf jeden Fall ein optimierter Mandantenstamm, dann eine ordentliche Honorarstruktur und eine Auslastung von maximal 80 Prozent. Das Kerngeschäft muss laufen, man braucht einen finanziellen Puffer und man muss bereit sein, die Extrameile zu gehen."
Software muss aus der Perspektive der Kanzlei entwickelt werden
Ulf Hausmann, Geschäftsführer der Kanzleipakt GmbH, behandelte die achte These: Der Markt wird zum Plattformmarkt. Er mahnte: "KI kann man nicht isoliert technologisch betrachten, sie ist ein Treiber für einen strukturellen Wandel." Man müsse verstehen, dass KI keine neue Funktionalität ist, sondern die Arbeit insgesamt verändert.
Hausmann warnte davor, alles den Softwarehäusern zu überlassen: "Softwareentwicklung kann nicht rein von Softwarehäusern betrieben werden, sie muss auch aus der eigenen Erfahrung heraus entstehen." Man müsse sich fragen, welchen Wert die Kanzlei schöpft und wodurch sie sich differenziert, wenn Technologie Teil des Leistungsmodells wird.
Die harte Nuss sei die Verbindung zwischen Kanzleidaten und KI-Tools: "Wie bekommt man die Daten in eine Cloud, die sicher ist und auf die ich dann KI und Automatisierung anwenden kann?" Es gebe immer mehr Kanzleien, die eigene ITler einsetzen, die für sie Software weiterentwickeln oder Tools bauen. "Gute Software muss aus der Perspektive der Kanzlei entwickelt werden. Als Führung muss man den Governance-Rahmen geben."
Technologische Souveränität: Anspruch und Realität
Moderator Florian D. Weber diskutierte die neunte These – Wirtschaftliche Unabhängigkeit entsteht durch technologische Souveränität – mit Tamara Krämer. Ihre Einschätzung fiel deutlich aus: "Technologische Souveränität ist schwierig umsetzbar. Wir sind in vielen Bereichen abhängig und man bräuchte extrem viel Know-how, um komplett unabhänig eine technologische Infrastruktur aufzubauen." Besser sei es, nach passenden Lösungen am Markt zu suchen. "Die Big4 können sich das eher leisten, aber für kleinere Kanzleien ist das nicht rentabel."
Damit war die neunte These die einzige, der in der Veranstaltung klar widersprochen wurde. Die Diskussion zeigte: Während technologische Kompetenz unverzichtbar ist, bleibt vollständige technologische Souveränität für die meisten Kanzleien eine Illusion.
Die Zukunft muss aktiv gestaltet werden
Torsten Lüth, Präsident des DStV, schloss die Veranstaltung mit der zehnten These: Die Zukunft unseres Berufs ist nicht garantiert – sie muss gestaltet werden.
Er warnte: "Die größte Gefahr liegt darin, dass wir Veränderung unterschätzen und aussitzen."
Gleichzeitig zeigte er sich optimistisch: "Wir haben einen enormen Vertrauensbonus, den wir für uns nutzen können, wir haben hohe fachliche Kompetenzen und eine gute Stellung im Mittelstand. Wenn wir das mit neuen Technologien und neuen Beratungen verbinden, haben wir da ein riesiges Potential."
Sein Fazit: "Zukunft entsteht nicht durch Abwarten, sondern durch Haltung klären und den Mut, Dinge anzugehen."
Vertrauen bleibt die Basis in der Steuerberatung
Die Tax Talks 2026 boten eine Fülle von Impulsen für Steuerberaterinnen und Steuerberater, die den Wandel aktiv gestalten wollen. Von der Rollenveränderung über neue Preismodelle bis hin zu Technologiekompetenz und strategischer Ausrichtung – die Veranstaltung zeigte, dass KI die Branche fundamental verändert.
Doch eine Botschaft zog sich durch alle Beiträge: Die Verantwortung bleibt beim Steuerberater. Das Vertrauen der Mandanten bleibt die härteste Währung. Und die Fähigkeit, Sachverhalte in den richtigen Kontext zu setzen, wird wichtiger denn je – gerade weil Mandanten sich künftig vorab bei KI-Tools informieren und mit Halbwissen in die Kanzlei kommen werden. Wer diese Veränderung als Chance begreift und die richtigen Weichen stellt, kann gestärkt aus dem Wandel hervorgehen.
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