Corona-Krise: Stimmungsbild aus den Steuerkanzleien

Über mangelnde Arbeit können sich Steuerberater in diesen Tagen nicht beklagen. Die Telefone laufen heiß, die Sorgen und Anfragen der Mandaten wachsen und wechseln nahezu täglich. Eine besondere Situation, aus der sich schon jetzt erste Erkenntnisse ziehen lassen.

Steuerkanzleien bieten wegen Corona ein großes Beratungsangebot

„PMPG bleibt auch in der Krise für Sie erreichbar. Auch wenn niemand weiß, in welche Richtung sich die Situation verändern wird, werden wir unseren Betrieb aufrechterhalten.“ So heißt es auf der Website der Steuerberatungsgesellschaft PMPG Pies, Martinet & Partner.

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Die große Kanzlei mit ihren 23 Steuerberatern und 160 Mitarbeitern macht ihre Mandanten bereits auf der Startseite der Kanzlei-Homepage auf ihr Hilfsangebot in der Corona-Krise aufmerksam. Die Beratungsangebote reichen von der Beantragung von Kurzarbeitergeld über steuerliche Unterstützung bis hin zum Umgang mit Krediten, denn Unternehmen stehen vor nie geahnten Herausforderungen: Einnahmen bleiben aus, Rechnungen müssen bezahlt werden und Lieferketten zerbröseln. Egal ob Restaurantbetreiber, Einzelhändler, Handwerker oder Reiseanbieter:

Es sind existenzielle Sorgen, die nahezu alle Firmen in diesen Tagen umtreiben. Eine der ersten Anlaufstellen für die neuen finanziellen Sorgen sind die Steuerberater. Egal ob kleine, mittlere oder große Kanzlei: Die gesamt Steuerberater-Branche erlebt in diesen Tagen  hautnah, was das Wort „Dynamik“ bedeutet.

Corona-Krise: Steuerberater werden zu Seelsorger der Mandanten

Bei der Steuerberatung Birkenmaier & Kusel im Allgäu laufen seit Tagen die Telefone heiß. Viele Fragen, hauptsächlich lohnsteuerrechtliche, müssen telefonisch beantwortet werden. Gleichzeitig muss die Kanzlei die interne Zusammenarbeit sicherstellen. Mit Schichtbetrieb und Heim-Arbeitsplätzen reagiert man auf die neuen Herausforderungen. Die Hauptsorgen der Mandanten: Liquidität, Lohnabrechnungen und staatliche Fördermaßnahmen.


Es wurden Körbe vor der Eingangstür aufgestellt, in denen Mandanten ihre Papierbelege ablegen können.


Im thüringischen Jena ist die Situation ähnlich. „Wir sind jetzt auch Seelsorger unserer Mandanten“, sagt Danilo Hergt. Der Steuerberater ist einer der beiden Partner der Ronald Enke Steuerberatungsgesellschaft. Am Donnerstag hat man Zettel aufgehängt, dass Mandanten die Kanzlei nicht mehr betreten dürfen. Und es wurden Körbe vor der Eingangstür aufgestellt, in denen Mandanten ihre Papierbelege ablegen können. Ein Mitarbeiter nimmt sie dann entgegen.

Die gesamte Kommunikation ist nun auf E-Mail und Telefon beschränkt, was dazu führt, dass die verbliebenen Mitarbeiter den ganzen Tag an das Telefon gefesselt sind und E-Mails der Mandanten beantworten. Zeit für andere Tätigkeiten? Fehlanzeige. Außentermine und interne Besprechungen wurden bereits vor Tagen bis auf weiteres ausgesetzt. Immer mehr Mitarbeiter verlassen das Büro in Richtung Home-Office. Für diese digitale Teamarbeit ist die Kanzlei gut aufgestellt. In den vergangenen zwei Jahren hat die Kanzlei-Führung das Thema Digitalisierung stark vorangetrieben.

Digitalisierungsschub bei den Mandanten scheint sicher

Während die interne Zusammenarbeit nun umorganisiert wird, spitzt sich mit der Schließung der Restaurants und der kleinen Geschäfte die Lage weiter zu und die Sorgen der Firmen wachsen, insbesondere bei Ladenbesitzern und Handwerksbetrieben. Erschwerend kommt hinzu: Während nahezu alle großen Unternehmen die Zusammenarbeit mit der Steuerkanzlei weitgehend digitalisiert haben und nun wie gewohnt weiter mit der Steuerberatungsgesellschaft zusammenarbeiten können, hatten sich vor allem kleine Firmen wie Handwerksbetriebe, einer Digitalisierung oft verweigert. Das ist nun ein Nachteil – für alle Beteiligten. So müssen die Körbe mit den Belegen weiter geleert und eingescannt werden – irgendwie, mit der Notmannschaft in der Kanzlei – und per Hand. Eine Lösung die nicht optimal ist. Hergt ist jedoch davon überzeugt, dass viele Digitalisierungsverweigerer ihre Ansichten ändern werden, sobald die Krise überwunden ist. „Die Coroana-Pandemie wird der Digitalisierung einen gewaltigen Schub verleihen – sowohl in der gesamten Steuerberaterbranche als auch der Digitalisierung der Mandanten.“

Doch die Sorgen der Mandanten sind momentan ganz andere: War anfangs ihre Hauptbefürchtung, dass sie ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen können, wurde diese Angst durch die Änderungen und Vereinfachungen beim Kurzarbeitergeld etwas abgefedert. Nun sind es existenzielle Ängste, die Firmen zum Hörer greifen lassen. Wie kommt man über die nächsten Monate, wenn die Einnahmen wegfallen? „Hier können wir nur auf die angekündigten Zuschussprogramme von Land und Bund warten“, sagt Hergt, der sich immer wieder damit konfrontiert sieht, dass Mandanten sofort Lösungen wünschen. Doch das ist oft nicht möglich, viel zu dynamisch ist die Entwicklung.

Steuerkanzleien richten den Blick nach vorne

„Die Mandanten sind stark verunsichert und können die aktuelle Entwicklung nur schwer fassen und verarbeiten. Kein Unternehmen wird mit so langen Ausfällen und drastischen Maßnahmen gerechnet haben“, sagt Marco Wehmeier, Rechtsanwalt und Steuerberater der Kanzlei Meschede & Wehmeier in Bielefeld. Daher sind momentan die Liquidität, anstehende Steuerzahlungen und Personalkosten die Hauptsorgen seiner Mandanten. Die Kanzlei unterstützt seine Mandanten momentan unter anderem bei dem Thema Kurzarbeit.

Auch die Kommunikation mit dem Finanzamt ist wichtig und die Vorauszahlungen werden herabgesetzt. „Die jetzige Lage macht den Unternehmen deutlich, dass ein funktionierendes Risikomanagement in den Unternehmen überlebenswichtig ist. Der Großteil der mittelständischen Unternehmen hat so etwas nicht“, sagt Wehmeier. Jetzt stellten sich existentielle Fragen für diese Unternehmen, die man bei einem vorhandenen Risikomanagement schon geklärt haben könnte.

„Wir richten aktuell aber den Blick schon weiter. Themen wir geförderte Kredite und die dafür benötigten Unterlagen versuchen wir schon für unsere Mandanten vorzubereiten“, sagt Wehmeier. Ebenso seien Fördermittel während der Krise und danach ein Thema, mit dem sich die Kanzlei bereits beschäftige.

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 Da Meschede & Wehmeier auch bisher sehr digital mit ihren Mandanten zusammengearbeitet hat, sind die Einflüsse der aktuellen Lage diesbezüglich gering. Da in der Beratung beispielsweise Videokonferenzen genutzt werden, können sogar dringende Beratungstermine online abhalten werden, ohne direkt mit den Mandanten in Kontakt zu treten. „Auf diese Weise können wir das persönliche Gespräch so gut wie möglich aufrechterhalten“, sagt Wehmeier.

Homeoffice ermöglicht Kinderbetreuung und Einzelbüros

Auch für die interne digitale Zusammenarbeit ist die Kanzlei für die kommenden Wochen gut gerüstet, denn in den vergangenen Jahren wurden die Themen Homeoffice und mobiles Arbeiten weiter vorangetrieben. Entsprechend haben die Partner nun Mitarbeiter mit den entsprechenden Möglichkeiten „nach Hause“ geschickt, damit sie von dort aus arbeiten. Das hat gleich zwei positive Effekte: Auf diese Weise können Mitarbeiter mit Kindern die Betreuungssituation besser meistern und gleichzeitig hat man den Rest der Kanzleiräumlichkeiten frei bekommen, um den verbliebenen Mitarbeitern ohne Homeoffice Einzelbüros zur Verfügung zu stellen. Somit war die Kanzlei auf die Maßnahmen und Anforderungen bereits gut vorbereitet. Für eventuelle Abstimmungen kommen die Kollegen eventuell kurz ins Büro. Ansonsten nutzt man auch intern die Möglichkeiten der modernen Kommunikation: Online-Meetings oder Videotelefonie.


„In der jetzigen Zeit wird sich zeigen, wer als ‚Berater‘ zur Seite steht, oder nur der ‚Deklarateur‘ der Mandanten ist."


Was die kommenden Wochen für Mandanten und Berater bringen werden, weiß niemand. Aber eines scheint sicher: Vieles wird und muss sich ändern. „Nach der Krise muss in den Unternehmen ein deutliches Umdenken stattfinden. Jedes Unternehmen braucht Notfallpläne. Diese sollten in Zusammenarbeit mit den Steuerberatern entwickelt werden“, sagt Wehmeier, der sich als Krisenmanager für die Mandanten der Kanzlei versteht. Aus seiner Sicht müssen die Mandanten jetzt diese Beratungsleistung einfordern und die Kanzleien als Teil der Unternehmensführung sehen. „In der jetzigen Zeit wird sich zeigen, wer als ‚Berater‘ zur Seite steht, oder nur der ‚Deklarateur‘ der Mandanten ist." Nach Ansicht von Wehmeier kann es für Steuerberater jetzt nur ein Motto geben: „Die Krise gemeinsam mit den Mandanten meistern.“

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