Künstliche Intelligenz: So arbeiten Steuerberater damit

Interview 08.04.2019 Transformation & Change Management

Künstliche Intelligenz erlebt gerade einen Hype. Auch in Steuerabteilungen und Beratungskanzleien können maschinelles Lernen, Big Data Analytics und Co. zu digitalen Helfern werden. Wie und wo KI im Tax-Umfeld genutzt werden kann, erklärt KI-Experte Peter Fettke im Interview. 

Künstliche Intelligenz: So arbeiten Steuerberater der Zukunft

Was Künstliche Intelligenz bedeutet

Herr Fettke, wenn von künstlicher Intelligenz die Rede ist, wird oft zwischen starker und schwacher KI unterschieden. Wovon sprechen wir, wenn wir über KI sprechen?

Peter Fettke: Ich unterscheide zwischen der engen und der generellen KI. Eine enge Auffassung von KI ist die Vorstellung, dass eine Maschine eine bestimmte Aufgabe ausführt, die ein Mensch mithilfe von Intelligenz lösen kann – zum Beispiel Schach spielen oder Bilder erkennen. Die universelle oder generelle KI hingegen kann nicht nur eine bestimmte Aufgabe lösen, sondern sie bildet die komplette menschliche Intelligenz nach. Von so einer universellen KI sind wir noch weit entfernt.

Sprechen wir also über die enge KI und welche Anwendungen es dafür in der Steuerbranche gibt.

Hier möchte ich nochmal spezifizieren. Von John McCarthy, einem der Gründerväter der KI-Forschung, gibt es den schönen Ausspruch, dass eine Technologie nur so lange den Namen KI trägt, so lange sie noch nicht funktioniert. Schachcomputer, Navigationssysteme, Software zur optischen Texterkennung und Extraktion von Informationen aus Dokumenten oder Bildern – das alles sind Beispiele für Technologien, die auf Forschungsergebnissen der künstlichen Intelligenz beruhen, die aber gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden.

Das heißt, künstliche Intelligenz trägt viele Namen.

Es ist ein ganzes Bündel an Technologien. Manche davon können rein quantitative Daten verarbeiten andere werten Text- oder Bilddaten aus.  Diesem Bündel an Technologien stehen die unterschiedlichen Aufgaben einer Steuerabteilung gegenüber. Bei den operativen Steueraufgaben trifft man zum Beispiel auf Massendaten, die mit KI-Technologien wie Big Data Analytics oder Process Mining analysiert werden können.

Künstliche Intelligenz in der Steuerberatung

Was macht man mit diesen Daten?

Man kann sie zunächst einmal sortiert erfassen, Muster und Abweichungen erkennen. Eine Anomalie-Erkennung kann von Steuerabteilungen in Unternehmen genutzt werden, um zum Beispiel im Zollbereich zu identifizieren, ob gewisse Erklärungen nicht den Regularien entsprechen oder Freihandelsabkommen nicht optimal genutzt werden. Es geht darum, aus den Daten Zusammenhänge zu erkennen oder auch ganze Datenströme, also einen kompletten betrieblichen Ablauf transparent zu machen. Gerade in den Steuerabteilungen ist diese Transparenz spannend, weil daraus eine ganze Reihe von steuerlichen Besonderheiten resultieren können. Man kann etwa verschiedene Varianten bei Freigabe-Prozessen oder Compliance-Maßnahmen relativ schnell und einfach analysieren, ohne dass man sich manuell durch die entsprechenden Prozessdateien quälen muss.

Wo sehen Sie noch KI-Anwendungsbereiche bei den operativen Steueraufgaben?

Mit KI-Technologien können Daten nicht nur erfasst und analysiert, sondern auch Arbeitsschritte automatisiert werden. Diese Automatisierung läuft unter dem Schlagwort Robotic Process Automation, kurz RPA. Das sind solche Arbeitsschritte, die typischerweise von einem Sachbearbeiter erledigt werden und einen Routinecharakter haben, wie zum Beispiel Rechnungsdaten von der einen in die andere Datei zu extrahieren. Auch maschinelles Lernen kann in Steuerabteilungen zum Einsatz kommen, etwa um die Ermittlung der Umsatzsteuer zu automatisieren.

Neben den operativen Steueraufgaben gibt es auch solche, die mehr mit Beratungstätigkeiten oder strategischen Aufgaben zu tun haben. Bleibt dort alles in der Hand der menschlichen Intelligenz und individueller Entscheidungsspielräume?

In diesen Bereichen können KI-Technologien den Menschen bei der Arbeit unterstützen. So eine Unterstützung kann beispielsweise die maschinelle Übersetzung eines Vertrages sein oder kognitive Dienste, die dem Berater durch eine Datenanalyse Hilfestellungen bei der Entscheidung geben können. Und wie in allen Bereichen, in denen Menschen miteinander arbeiten, kann im Steuerbereich Wissen automatisiert werden. Dafür gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Techniken.

Zum Beispiel?

Das beginnt schon mit einfachen Workflow-Technologien, mit deren Hilfe Arbeit koordiniert werden kann. Sie können zum Beispiel Sprachassistenten entwickeln, der Anfragen zu bestimmten Themen der entsprechend zuständigen Person zuordnet, Standardanfragen automatisiert beantwortet oder ein Tool, das Arbeitsaufgaben und Fristen abbildet.

Einsatzgebiete für Künstliche Intelligenz im Steuer-Bereich

Sind all diese Technologien heute schon im Einsatz?

Es gibt diese Technologien und man könnte sie sicherlich auch alle anwenden, allerdings sind das meist keine Standard-Produkte, die einfach irgendwo eingekauft und dann direkt genutzt werden können. Wie bei einem ERP-System müssen auch die genannten Technologien an die betrieblichen Besonderheiten angepasst werden und das braucht Zeit und eventuell auch Schulungen. Trotzdem werden einige der Technologien, die ich genannt habe, schon in Unternehmen getestet und angewandt.

Peter Fettke

Gibt es bestimmte Aufgaben, die sich besonders gut anbieten, um dort eine KI-Technologie zu etablieren?

Dort, wo viele Daten anfallen und ein Prozess einen repetitiven Charakter hat, wie etwa im Bereich Zoll, Umsatzsteuer oder Lohnsteuer gibt es sicherlich gute Ansatzbereiche. Ich möchte das aber nicht pauschalisieren, weil diese Entscheidung vom Unternehmens-Kontext abhängig ist. Auch die Größe eines Unternehmens beziehungsweise die Größe der Steuerabteilung spielt eine wichtige Rolle. In einer großen Steuerabteilung macht die Automatisierung der Wissensarbeit mehr Sinn als in einer kleinen Abteilung, in der ein Austausch einfacher möglich ist. Aber auch dort kann es Aufgaben geben, die durch den Einsatz von KI-Technologien effizienter gestaltet werden können.

Der Nutzen von KI ist also Effizienz?

Effizienz ist ein Nutzen von KI. Das Beispiel Anomalie-Erkennung im Bereich Zoll zeigt aber auch, dass mit dem Einsatz von KI neue Prüfungsmöglichkeiten im Steuerbereich entstehen, die vorher nicht machbar waren. Nicht zuletzt kann KI den Steuerabteilungen dabei helfen, rechtssicher zu agieren.

Spielt KI auch in der Finanzverwaltung eine Rolle?

Natürlich kann auch die Finanzverwaltung KI-Technologien nutzen, etwa um bei Betriebsprüfungen Auffälligkeiten zu analysieren. Gerade im Bereich der Lohnsteuer wurden die Prozesse bei den Finanzverwaltungen bereits stark digitalisiert. Das sind beste Voraussetzungen für Automatisierungen, die zum Teil auch schon genutzt werden. In Zukunft könnte ich mir durchaus vorstellen, dass der Gesetzgeber von den Unternehmen verlangt, bestimmte KI-Technologien zu nutzen, um rechtssicher zu handeln. Etwa die Anwendung einer Anomalie-Erkennung, um auffällige Buchungen sofort identifizieren zu können.


Peter Fettke ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes und leitender Wissenschaftler sowie DFKI Research Fellow am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken.

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