So erreichen Steuerkanzleien Nachwuchskräfte mit Social Media

Helen Dieckhöfer und Sarah Klinkhammer sind im Internet mit ihrem Kanal „Wir lieben Steuern“ omnipräsent. Wie sie dank Social Media neue Fachkräfte für ihre Kanzlei finden, erzählen sie im Interview.

Helen, Sarah, ihr betreibt seit mehr als zwei Jahren den YouTube-Kanal „Wir lieben Steuern“. Hattet ihr dabei das Ziel im Blick, neue Fachkräfte für eure Steuerkanzlei zu gewinnen?

Helen: Nein. Zum einen, weil es die Kanzlei in der Form noch gar nicht gab. Und zum anderen war „Wir lieben Steuern“ einfach ein Experiment. Ich lernte damals für das Wirtschaftsprüferexamen und schaute viele Videos mit Lerninhalten auf YouTube. Dabei ist mir aufgefallen, dass es für die Bereiche BWL viele gut aufbereitete Videos gibt. Im Bereich Steuern sah die Sache aber ganz anders aus. So entstand bei mir und meiner jetzigen Kanzleipartnerin Franziska Beschorner die Idee, selbst frische, gut informierende Clips rund um Steuerthemen zu erstellen.

Sarah: Ich hatte dieselbe Idee im Kopf und hatte das Glück, Helen und Franzi kennenzulernen. Schließlich haben wir unsere Vision in die Tat umgesetzt. Wir wollten damit zeigen, dass das Thema Steuern und die Berufe, die dazugehören, gar nicht so ätzend sein müssen.

Ihr seid nicht nur auf YouTube, sondern auch auf Instagram, Facebook, TikTok und LinkedIn zu finden. Über welchen Kanal kommen die meisten Rückmeldungen?

Sarah: Auf Instagram hat sich auf unserem Kanal eine richtige Gemeinschaft gebildet. Dort haben wir die Möglichkeit, nicht nur unsere Videos zu posten, sondern wir nehmen die Follower mit in unseren Kanzleialltag. Außerdem können wir direkt angeschrieben werden. Das nutzen die Leute sehr intensiv.

Erhaltet ihr über Instagram die meisten Bewerbungen?

Helen: Ja. Als wir zum ersten Mal für unsere eigene Kanzlei eine Stelle besetzen wollten, haben wir einen Aufruf dazu auf Instagram gemacht. Erst da haben wir bemerkt, was für ein wirkungsvolles Recruiting-Instrument unsere Social-Media-Aktivität ist. Auf Instagram können die Leute ein Gefühl dafür bekommen, was für Persönlichkeiten wir sind und wie wir arbeiten. Sie können sich vorstellen, ob unsere Kanzlei passend für sie sein könnte.


Wir erhalten auf jeden Aufruf, den wir auf Instagram machen, zwischen 15 und 20 Bewerbungen.


Sarah: Wir erhalten auf jeden Aufruf, den wir auf Instagram machen, zwischen 15 und 20 Bewerbungen. Für eine Steuerkanzlei ist das nicht schlecht. Das heißt nicht, dass alle Bewerberinnen und Bewerber auf die ausgeschriebene Stelle passen, aber wir bekommen eine gute Auswahl.

Wie viele Stellen konntet ihr bereits dank eurer Aufrufe auf Social Media besetzen?

Helen: Wir konnten acht Stellen in unserer Kanzlei besetzen. Erhaltet ihr via Instagram richtige Bewerbungen inklusive Anschreiben und Lebenslauf?

Sarah: Wir erhalten selten ein Bewerbungsschreiben mit Lebenslauf. Meistens schreiben uns die Leute auf Instagram, Facebook oder LinkedIn eine Nachricht. Wir schreiben dann hin und her. Wenn wir merken, dass die Person geeignet sein könnte, laden wir sie ein, mit uns in einem Videocall zu sprechen. Auch dieses Gespräch läuft nicht so ab wie ein klassisches Bewerbungsgespräch. Wir plaudern, fragen die Person, was sie bisher so gemacht hat und was sie bei uns gerne machen würde. Wir erzählen ihr, was wir uns wünschen würden und wie die Zusammenarbeit bei uns in der Kanzlei abläuft. Wenn alles passt, erhält die Person einen Arbeitsvertrag zugeschickt. Unser Einstellungsprozess ist relativ locker.


Tax Talks 2023

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Wie können Sie Ihre Steuerkanzlei als attraktiven Arbeitsplatz für die junge Generation positionieren? Dieser Frage ging Haufe am 7. März 2023 in den Tax Talks nach.

Helen Dieckhöfer, Sarah Klinkhammer und weitere Referentinnen und Referenten betrachteten das Thema "Nachwuchskräfte finden und begeistern" aus verschiedenen Blickwinkeln.
Hier geht es zur Aufzeichnung.


Seid ihr daran schon einmal gescheitert?

Helen: Nicht alle Leute, die wir so eingestellt haben, arbeiten heute noch in unserer Kanzlei. Das hatte aber nichts mit dem Bewerbungsprozess zu tun. Wir können über die Direktnachrichten und die Videocalls sehr gut erkennen, ob eine Person für die ausgeschriebene Stelle geeignet ist.

Zeitmangel ist ein großes Thema in Steuerkanzleien. Wie findet ihr die Zeit für Social Media?

Helen: Zeitmangel haben wir auch, aber wahrscheinlich kann man sagen, dass wir neben Social Media nicht mehr viele andere Hobbys haben. Wir nutzen unsere freie Zeit eben dafür.


Wir recherchieren Themen, wir schreiben Skripte, wir drehen und schneiden Videos, wir schreiben Blogbeiträge auf unserer Homepage und wir erstellen Beiträge für die Social-Media-Kanäle. Es ist ein Vollzeitjob, der nebenher laufen muss.


Wie viel Zeit nehmen die Videos und das Posten von Inhalten auf den Social-Media-Kanälen in Anspruch?

Sarah: Lange Zeit haben Helen und ich die Videos zu zweit gemacht. Mittlerweile erhalten wir Unterstützung beim Vorschnitt der Videos. Am Anfang hat das Erstellen eines Videos bis zu 30 Stunden in Anspruch genommen. Jetzt sind wir routinierter. Trotzdem: Wir recherchieren Themen, wir schreiben Skripte, wir drehen und schneiden Videos, wir schreiben Blogbeiträge auf unserer Homepage und wir erstellen Beiträge für die Social-Media-Kanäle. Es ist ein Vollzeitjob, der nebenher laufen muss.

Helen: Aber wir würden es jederzeit wieder so machen.

Habt ihr schon schlechte Erfahrungen mit eurer Präsenz auf Social Media gemacht?

Helen: Eigentlich haben wir mit Social Media bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Manchmal erhalten wir merkwürdige Kommentare, aber darüber können wir herzlich lachen.

Im Finanz- und BWL-Bereich gibt es sehr viel mehr männliche Influencer als weibliche. Habt ihr mehr männliche als weibliche Follower?

Sarah: Wir haben etwas mehr männliche als weibliche Follower.


Nicht nur im Bezug auf Frauen muss man feststellen, dass die Branche es in den vergangenen Jahren versäumt hat, den Beruf in Steuerkanzleien als etwas Interessantes darzustellen.


Die Haufe Studie zur Generation Z hat ergeben, dass besonders junge Frauen die Steuerberatung nicht als attraktiven Arbeitsbereich betrachten.

Helen: Das ist in unserer Kanzlei nicht der Fall. Bei uns arbeiten nur Frauen, sowohl in der Belegschaft als auch auf der Führungsebene. Das war keine Absicht, sondern hat sich so ergeben. Aber es zeigt, dass die Branche attraktiv für Frauen sein kann, wenn Frauen für die Branche werben und wenn Frauen in Kanzleien auf allen Hierarchieebenen vertreten sind. Nicht nur im Bezug auf Frauen muss man feststellen, dass die Branche es in den vergangenen Jahren versäumt hat, den Beruf in Steuerkanzleien als etwas Interessantes darzustellen.

Als ihr eure Karrieren in der Steuerbranche begonnen habt, gab es noch keine Steuer-Influencer. Woher kam eure Begeisterung für das Thema Steuern?

Helen und Sarah: Das war kompletter Zufall.

Helen: Ich habe Agrar-Ökonomie studiert und habe danach gemerkt, dass ich eigentlich am liebsten selbstständig arbeiten möchte. Als Steuerberater kann man das. So habe ich nach dem Studium umgesattelt. Ich hatte das Glück, eine Kanzlei zu finden, die mich als Quereinsteigerin genommen hat, damit ich die zwei Jahre Berufserfahrung für das Steuerberaterexamen sammeln konnte.

Sarah: Ich habe Fahrzeugtechnik studiert und wollte Ingenieurin werden. Aber in der Praxis war mir das zu langweilig. Ich wollte dual studieren, hatte aber Angst, dass ich als Studienabbrecherin nirgends eine Chance bekomme. Deshalb habe ich mich auch für Studiengänge mit Steuerrecht beworben. Die Partnerin und der Partner der Steuerkanzlei, bei der ich ein Bewerbungsgespräch hatte, fand ich sehr sympathisch. So bin ich dann in der Steuerbranche gelandet. Aber solche Zufälle sind selten, deshalb hoffen wir, dass wir mit „Wir lieben Steuern“ mehr Interesse für Steuerthemen und die passenden Berufe dazu schaffen können.