Generative AI und Steuerberatung

Vom ersten Prototyp zur marktfähigen Lösung: Die Garage für Tax & Legal von Deloitte soll den digitalen Transformationsprozess der Steuerabteilungen aktiv mitgestalten. Im Interview spricht Kristiina Coenen, Director der Deloitte Garage Tax & Legal, über die neue Entwicklung, die Bedeutung von Generative Artificial Intelligence (GenAI) und die Auswirkungen der KI-Fähigkeiten auf die Steuerberatungsbranche.

Frau Coenen, die Deloitte Garage dient im Unternehmen auch als eine Art „Höhle der Löwen“: Eine Fachabteilung kann innovative Ideen bei Ihnen einreichen und Sie bewerten, ob sie umsetzbar und für ihre Mandant:innen interessant sind. Wie präsent ist bei Ihnen das Thema Generative AI?

Da wir uns am Puls von Technologietrends bewegen, ist das Thema bei uns aktuell natürlich sehr präsent. Wir haben bei Deloitte eine große GenAI-Initiative gestartet, die sich mit den neuesten Trends auseinandersetzt und zukunftsorientierte Lösungen entwickelt, um unsere Mandant:innen sektorübergreifend zu unterstützen. 

Wie geht ein großes Beratungsunternehmen wie Deloitte mit dem Thema Generative AI um?

Wir sehen diese neuen Entwicklungen als große Chance, unseren Mandant:innen eine technologiefokussierte Beratungsleistung zu bieten, die am Puls der Zeit ist. Es zeichnet sich schon jetzt ab, das GenAI eine wertstiftende Technologie ist, die gekommen ist, um zu bleiben. Als Global Player verfügt Deloitte über Ressourcen, durch die wir neu aufkommende Anwendungen über bereits bestehende Allianzen hinweg skalieren können. Für uns als Beratung ist auch innerhalb des Unternehmens interessant, wie sich unser Arbeitsalltag durch solche neuen Entwicklungen potenziell verändern kann. Daher durchleuchten wir neue Tools vorab allumfänglich unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren und Anwendungsfälle. Im Hinblick auf unser Selbstverständnis als high-quality Beratungsdienstleister hat für uns neben dem Erkennen von Chancen auch die kritische Betrachtung von möglichen Herausforderungen und Risiken sowie deren transparente Kommunikation Priorität.


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In welchen Bereichen beschäftigen Sie sich bei der Deloitte Garage mit Generative AI?

Unser Garage-Team hat bereits verschiedene Formate eingeführt, in denen wir unsere Mandant:innen zur Nutzung von GenAI aktiv beraten sowie den Diskurs zu dem Thema anregen. Ausgehend von diesen Formaten, die uns die Möglichkeit geben, Einblicke in die Bedürfnisse der Mandant:innen zu erhalten, setzen wir konkrete Projekte um, um diese Anforderungen zu treffen. Wir gehen dabei aber immer von einem problemzentrierten Ansatz aus. Wir sehen den Mehrwert darin, gemeinsam mit unseren Mandant:innen Probleme zu identifizieren und Lösungen anzubieten, die wirtschaftlich sinnvoll und technisch schnell umgesetzt werden können. Es ist uns wichtig, Probleme zu lösen und nicht nur den Hype zu verkaufen. Nicht überall ist GenAI die Lösung.

KI in der Steuerberatung: Von Rechtssicherheit und Technology Pioneers

Wie stehen Ihre Mandant:innen zum Thema KI?

Viele unserer Mandant:innen sind sehr interessiert, treten dem Thema aber noch mit einer gewissen Skepsis gegenüber. 

Inwiefern? 

Zum einen gibt es grundsätzliche Bedenken gegenüber Anwendungen wie ChatGPT: Wie sehr kann man sich auf die KI überhaupt verlassen? Durch negative Erfahrungsberichte, die der KI falsche beziehungsweise unzuverlässige Antworten vorwerfen, wird Angst vor der Nutzung geschürt. Um solche Tools richtig zu nutzen, muss man verstehen, wie man die KI erfolgreich einsetzen kann und wo die Limitationen liegen. Die Rechtsicherheit des Outputs von Chatbots wie ChatGPT ist natürlich eine Herausforderung, die in unserem Bereich von zentraler Bedeutung ist. Die wesentliche Aufgabe lautet, einen Sweetspot zu finden, in dem man die Rechtssicherheit gewährleisten und gleichzeitig als Technology Pioneer voranschreiten kann.

Welche Hilfestellung können Sie Ihren Mandant:innen bieten?

Wir unterstützen sie insbesondere dabei, die individuellen Use-Cases für KI-Anwendungen zu identifizieren. In Formaten wie Workshops und Labs zeigen wir ihnen konkrete Praxisbeispiele. Das Interesse ist grundsätzlich sehr groß, da unseren Mandant:innen bewusst ist, dass sie sich eine Vorreiterrolle sichern können, wenn sie die neuesten technologischen Entwicklungen frühzeitig und aktiv in ihre Strategie einbinden. Letztlich befinden wir uns hier mitten in einem „iPhone-Moment“, bei dem jeder das Gefühl haben möchte, Teil dieser Veränderung zu sein. Das Motto: „Wir werden nicht verändert, wir verändern.“ Unser Ziel ist es, unsere Mandant:innen zu befähigen, Teil dieser Veränderung zu sein.

Kristiina Coenen

An welchen KI-basierten Projekten arbeiten Sie im Bereich Tax & Legal momentan für Ihre Mandant:innen? 

Viele der Projekte sind vertraulich. Eines der Tools, über die ich sprechen kann, ist unser RegMonitoring. Dieses Offering ermöglicht es unseren Mandant:innen, Änderungen von regulatorischen Vorschriften zu überwachen, zu bewerten und entsprechend umzusetzen. Gerade für global tätige Unternehmen ist es herausfordernd und zeitintensiv, in allen Ländern mit Niederlassungen über die aktuelle Regulatorik informiert zu bleiben. Das birgt neben dem Kostenaspekt ein großes Compliance-Risiko. Mit Hilfe einer smarten Verkettung unterschiedlicher Technologien können wir dieses Problem lösen: Unsere Expert:innen haben im globalen Kontext für unterschiedliche Jurisdiktionen offizielle Websites definiert, auf denen Rechtsänderungen veröffentlicht werden. Durch sogenanntes Web-Scraping erkennen wir, wenn es zu einer Änderung kommt, und extrahieren relevante Informationen. Über die GPT-4 API können wir automatisiert Management Summaries zu Publikationen im Kontext dieser regulatorischen Entwicklungen erstellen. Dabei ist die Ursprungssprache unerheblich. Ob Portugiesisch oder Mandarin, die KI kondensiert den gegebenen Text auf eine für Mandant:innen angenehme Länge in gewünschter Sprache. Die GPT-4 API ist dabei direkt in unsere IT-Infrastruktur integriert. Datengrundlage sind ausschließlich öffentlich verfügbare Informationen. Die Management Summaries stehen daraufhin den Kolleg:innen von Deloitte Legal als Entwurf zum Review zur Verfügung, bevor sie an externe Stakeholder weitergereicht werden. Das ist ein wichtiger Qualitätsschritt, um unserem Anspruch an unsere Leistung gerecht zu werden. Zwar liefert GPT-4 bei Rechtstexten schon eine beeindruckende Akkuratheit, trotzdem liefert KI nicht in 100 Prozent der Fälle ein optimales Ergebnis. Daher der Review.

Wie erfolgt der Review?

Der Review ist workflow-basiert in unser System integriert, sodass eine vollumfängliche Qualitätssicherung gewährleistet ist. Die jeweiligen Expert:innen begutachten den Entwurf und optimieren - falls nötig.

Wo sehen Sie das Potenzial von generativer KI, insbesondere von ChatGPT, für die Steuerberatungsbranche?

Für unsere Branche ist Qualitätssicherung entscheidend: In der Steuerberatung gilt schon immer das Vier-Augen-Prinzip. Generative KI kann also in der Steuerberatungsbranche eingesetzt werden, um zum Beispiel erste Entwürfe oder Textbausteine zu erstellen. Auch das führt zu Effizienzsteigerungen. Die Zusammenarbeit zwischen KI und menschlichen Steuerberater:innen ist hierbei entscheidend, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.

Mensch-Maschine-Interaktion wird immer wichtiger

Wie kann eine solche Zusammenarbeit aussehen?

Es gilt zu beachten, dass KI-Systeme als unterstützende Tools angesehen werden sollten, die von menschlichen Steuerberater:innen überwacht und validiert werden müssen. Die menschliche Expertise ist unerlässlich, um komplexe steuerliche Fragen zu verstehen, individuelle Situationen zu bewerten und strategische Entscheidungen zu treffen. Um die Zusammenarbeit weiter zu optimieren, wird in Zukunft eine weitere Expertise stark gefragt sein: der Skill Prompt Engineering. Das beschreibt die Fähigkeit, generative KI-Anwendungen wie ChatGPT so zielgerichtet zu befragen, dass sie die gewünschten Ergebnisse liefern. Auch das muss zuerst erlernt werden. Man kann sich das vorstellen, wie das Suchen mit einer Suchmaschine. Heutzutage googlen Menschen mit einer hohen Effektivität. Sie wissen, was sie tippen müssen, um zu finden, was sie suchen. Diese Selbstverständlichkeit ist das Ergebnis eines langen Lernprozesses.

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Welche Veränderungen kommen auf Steuerberater:innen  und Steuerabteilungen zu?

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz kann erhebliche Auswirkungen auf organisatorische Abläufe, Mitarbeitende und Tätigkeitsfelder haben. Repetitive Aufgaben können mit Hilfe von KI beispielsweise zeit- und ressourcenschonend umgesetzt werden. Die Integration solch starker Werkzeuge in den Arbeitsalltag erfordert eine Anpassung der Arbeitsweise und auch ein Umdenken. Unternehmen sollten sicherstellen, dass Mitarbeitende die erforderlichen Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben können, um diese effektiv einzusetzen. Die Mitarbeitenden wiederum müssen von ihrer Seite aus lernen, dass die Mensch-Maschine-Interaktion immer wichtiger wird. Auch für so klassische Berufsbilder wie die Steuerberatung. 

Wie sollte die Steuerberatungsbranche jetzt mit dem Thema KI umgehen?

Es sollte sich auf keinen Fall vor den Veränderungen verschlossen werden! Wie bei allen tiefgreifenden, disruptiven Neuerungen werden diejenigen, die diese Veränderung frühzeitig annehmen, eine führende Position einnehmen. Für das klassische Berufsbild der Steuerberatung heißt das aber auch, dass weitere Expert:innen dazu kommen müssen und sich neue Berufsbilder entwickeln werden, die zusätzlich zu den Steuerberater:innen und Jurist:innen eine Schnittstelle zu Technologie bilden werden. Technologie und Steuerberatung werden Hand in Hand gehen. Die Angst, dass Expertise „überflüssig“ wird, ist unbegründet. Vielmehr bieten solche Tools eine Unterstützung im Sinne von Arbeitserleichterung und somit die Möglichkeit, sich der Facharbeit intensiver widmen zu können. 

Worauf freuen Sie sich in den kommenden Monaten am meisten?

Bei der aktuellen Dynamik ist der Blick in die Zukunft tatsächlich gar nicht so klar. Diese unglaublich schnell fortschreitende Entwicklung, wie wir sie bei ChatGPT im letzten Jahr beobachten konnten, hat uns gezeigt, dass die Zukunft der technologischen Weiterentwicklung kaum vorhersehbar ist. Der uns noch bevorstehenden Evolutionsstufen der KI sollten wir uns aktiv und mit einem offenen Mindset annehmen.