Anforderungen an die Steuerexperten der Zukunft

Welche Kompetenzen brauchen die Steuerexperten der Zukunft? Mit dieser Frage hat sich Walter Brenner, Wirtschaftsinformatiker und Design-Thinking-Experte von der Universität St. Gallen auseinandergesetzt.  

Herr Brenner, Sie haben in einem Vortrag auf der Tax Technology Conference von den Anforderungen an die Steuer-Persona der Zukunft gesprochen. Was verstehen Sie unter einer Steuer-Persona?

Walter Brenner: Der Begriff Persona kommt aus der Welt des Design Thinking. Darunter verstehe ich idealtypische Personen, die für eine ganze Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Persönlichkeitsausprägungen stehen. Wenn man sich das Universum der Personen ansieht, die an Steuerprozessen beteiligt sind, sind das auf der einen Seite die Steuerzahlenden, die Leute in der Steuerverwaltung, Beratungsunternehmen und noch weitere Stakeholder. 

Die Digitalisierung führt dazu, dass es in all diesen Gruppen neue Idealtypen, gibt, die Forderungen oder Bedürfnisse äußern, die stärker von der digitalen Welt geprägt sind. Das können zum Beispiel Menschen sein, die ihre Steuererklärung digital bearbeiten, und die es vielleicht nicht mehr verstehen können, warum der ganze Prozess nicht komplett digital und automatisch abgewickelt werden kann.  

Sind diese Idealtypen die Treiber der Digitalisierung in der Steuerbranche? 

Das kommt natürlich darauf an, zu welcher Gruppe diese Personas gehören. Steuerzahlende haben einen geringeren Spielraum als zum Beispiel Steuerbeamte oder der Leiter einer Steuerabteilung. Aber in der richtigen Position können diese Menschen Treiber der Digitalisierung sein. 

Welche Anforderungen ergeben sich daraus für die Menschen, die in der Steuerbranche arbeiten? 

Die Digitalisierung erfordert es, dass Leute sich mit den neu aufkommenden Technologien auskennen. Da reichen nicht einmal informationstechnische Kenntnisse, wie etwa Programmieren, aus. Für Anwendungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz beispielsweise, benötigen die Unternehmen Fachleute mit mathematischem und statistischem Wissen. 

Viele andere Kompetenzen, die die Steuer-Experten mitbringen sollen, fallen deshalb nicht weg. Es kommen laufend neue Kompetenzen hinzu.


Viele andere Kompetenzen, die die Steuer-Experten mitbringen sollen, fallen deshalb nicht weg. Das heißt, es kommen laufend neue Kompetenzen hinzu. Natürlich muss nicht eine Person alle diese Fähigkeiten in sich vereinen, aber eine Führungskraft muss sich zumindest teilweise dieses Wissen aneignen. Die Anforderungen an diese Personengruppen steigen also.  

Sie haben vier Anforderungen formuliert, die die Steuer-Persona der Zukunft erfüllen sollte: Fachkompetenz, Informatikkompetenz, Methodenkompetenz und Persönlichkeit. Welche dieser vier Anforderungen lernen angehende Steuerfachleute momentan während des Studiums, der Ausbildung oder bei der Prüfungsvorbereitung zum Steuerberater? 

An der Fachkompetenz führt kein Weg vorbei. Wenn sie sich in dem Fachgebiet Steuern, inklusive den aktuellsten Gesetzesänderungen, neuen Urteilen, et cetera nicht auskennen, dann sind sie verloren. Diese Fachkompetenzen werden an den Hochschulen gelehrt.

Walter Brenner

Was ist mit den anderen Anforderungen? 

Gewisse Elemente der Methodenkompetenz werden sicherlich schon heute gelehrt, Informatikkompetenz allerdings nicht. Die wird jedoch immer wichtiger, weil überall nach digitalen Tools und Softwarelösungen gesucht wird – auch in den Steuerkanzleien, Steuerabteilungen und Finanzverwaltungen. 

Zur Fachkompetenz zähle ich auch, dass Leute bereit sind, neue Wege einzuschlagen und kreativ sind.


Zur Fachkompetenz zähle ich auch, dass Leute bereit sind, neue Wege einzuschlagen und kreativ sind. Denn nur so kommen Unternehmen doch zu diesen dringend gesuchten Lösungen. Neue Herangehensweisen kann man immer dann finden, wenn man die Rahmenbedingungen in Frage stellt. Dabei helfen zum Beispiel Design-Thinking-Methoden.  

Überfrachten die von Ihnen neu geforderten Kompetenzen nicht die Inhalte des Studiums oder der Ausbildung? 

Ausbildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Viele Kompetenzen kann man sich nicht einfach über eine Weiterbildungsmaßnahme aneignen. Weiterbildungsangebote á la KI oder Design Thinking in drei Tagen halte ich für Quatsch. Weiterbildung kann in gewissen Fällen helfen, aber sehr oft sind Kompetenzen eben eine Frage der Ausbildung. Außerdem müssen all diese Kompetenzen nicht in einer Person gebündelt werden. Die Diversität in den Steuerabteilungen und Kanzleien wird also zunehmen.


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Auch, was die Arbeitsmethoden angeht? 

Ja, wieso sollte eine Steuerkanzlei zum Beispiel nicht mal mit agilen Arbeitsmethoden wie Scrum oder Design Thinking experimentieren – sowohl bei der Suche nach Innovationsthemen wie auch bei der Erschließung neuer Technologien. Diese Kompetenz kommt bei vielen Ausbildungen zu kurz. Der Fokus liegt auf den Inhalten und nicht so sehr, wie man gewisse Ziele erarbeiten kann. An der Stanford University, von der ja einige kluge und erfolgreiche Leute kommen, werden zum Beispiel nicht nur viele innovative Produkte entwickelt, dort wird auch mit neuen Methoden experimentiert, um eben diese Innovation zu fördern. 

Steuer-Experten haben nicht unbedingt das Image, innovativ und kreativ zu sein.  

Sie meinen so etwas wie den Steuerbeamten mit Ärmelschonern oder den penibel korrekten Steuerberater? Ich finde nicht, dass wir in diesen alten festgefahrenen Bildern denken sollten. Es ist doch einfach eine Frage der Persönlichkeit und des Ausbildungshintergrundes, ob diese Leute bereit sind, neue Dinge anzupacken. Ich erlebe das bei uns an der Universität immer wieder, dass Leute aus den unterschiedlichsten Branchen zu uns kommen und sich diese neuen Methoden aneignen wollen. 

Und sind Sie erfolgreich?  

Mit großen Beratungsunternehmen in der Größe der Big4 ist die Zusammenarbeit nicht immer einfach. So große Organisationen haben ihre etablierten Prozesse. Was wir immer wieder feststellen ist, dass diese Unternehmen Start-ups einkaufen, um dann zum Beispiel Teile der Design-Thinking-Welt von ihnen zu übernehmen. Manchmal ist das aber nicht mehr als ein Feigenblatt. Wenn mit den neuen Methoden nicht auch die Denkmuster angepasst werden, ist die Entwicklung nicht nachhaltig.   


Walter Brenner ist Professor für Informationsmanagement und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen. Er forscht unter anderem zu Industrialisierung des Informationsmanagements, Management von IT-Service-Providern, Customer Relationship Management, Einsatz neuer Technologien und Design Thinking.

Design Thinking ist ein Ansatz, der zum Lösen von Problemen und zur Entwicklung neuer Ideen führen soll. Dabei stehen die Nutzerwünsche und -bedürfnisse sowie nutzerorientiertes Entwickeln im Zentrum des Prozesses. Lösungen und Ideen werden in Form von Prototypen möglichst früh sichtbar und kommunizierbar gemacht, damit potentielle Anwender sie – noch lange vor der Fertigstellung oder Markteinführung – testen und ein Feedback abgeben können. Das Produkt oder der Service wird daraufhin angepasst oder die Idee verworfen.



Schlagworte zum Thema:  Agilität, Weiterbildung, Kanzleiorganisation