Digitales Lernen ist mehr als ein Notnagel

Analyse 19.05.2020 Learning & Development

Gezwungenermaßen gehen wir derzeit auf Abstand zueinander. Damit wird auch das Fortbildungsgeschehen in den Kanzleien ausgebremst, zumindest wenn diese beim Lernen noch auf Präsenzveranstaltungen setzen. Doch mit digitalen Lernformaten kommen Sie rein wissensmäßig rasch wieder auf Tempo. Zudem schulen solche Formate soziale und digitale Skills, die in der neuen Arbeitswelt zunehmend gefragt sind.

Digitales Lernen ist mehr als ein Notnagel

Das Lernen wird digitaler

Digitale Lernformen werden schon lange neben dem üblichen Seminarbetrieb angeboten. Doch seitdem die Pandemie den Seminarbetrieb ausgeschaltet hat, stehen die digitalen Formate plötzlich konkurrenzlos da. Ob Schulungsvideo oder live-Webinar mit einem Referenten – digitale Lernformate lassen sich weiterhin wahrnehmen. Vom Arbeitsplatz genauso wie von zu Hause. In der Corona-Krise zeigt sich, was sich digital zumindest aufrechterhalten lässt und was mangels digitaler Alternative einfach ausfallen muss. Aber bietet digitales Lernen Vorteile über die aktuelle Krisenfestigkeit hinaus?

Die Vorteile digitalen Lernens

Digitale Lernformate sparen Reisekosten und Fahrzeit. Die Teilnehmer können ihr persönliches Lernumfeld nach individuellen Vorlieben gestalten und sind frei in ihrer zeitlichen Einteilung. Somit lassen sich digitale Lernformate viel flexibler in den Arbeitsalltag integrieren – in der Kanzlei genauso wie im Homeoffice, am Küchentisch oder in der Sofaecke. Die Flexibilität gilt auch für das Lernangebot selbst. Mitarbeiter können viel gezielter auf Maßnahmen zugreifen und Irrelevantes überspringen. Gerade in Zeiten des erzwungenen Homeoffices ist das ein unschlagbarer Vorteil der digitalen Formen: Sie stehen bereit, wenn spontan eine Wissenslücke geschlossen werden muss.

Und digitales Lernen hat Nebeneffekte: Es schult die Selbstdisziplin, sich zu konzentrieren, wenn keiner guckt. Es schult die Eigenorganisation, eigene Wissenslücken mit einem selbst geschneiderten Lernplan zu schließen und das Lernverhalten den aktuellen Umständen anzupassen. Zudem ähnelt die digitale Kommunikation auf den Lernplattformen der Kommunikation, die auch zunehmend in der Mandatsarbeit einzieht: Nachrichten schreiben auf Portalen, geduldig und verständnisvoll mit hastig kommunizierten Anliegen umgehen, spontane Videokommunikation und das Hantieren mit verlinkten Dateien, anstatt mit Papier.

Informelles Lernen besorgt den Löwenanteil

In der Didaktik – der Wissenschaft vom Lehren und Lernen – haben Forschungen zudem eine Diskrepanz zutage gefördert: Die Menschen lernen mehr „nebenbei“, als in offiziell als Lernsituation gestalteten Momenten. Man geht inzwischen von der 70-20-10-Regel aus. Sie besagt: Etwa 70 Prozent unseres Wissensschatzes eignen wir uns eigenständig während der Tätigkeit an, die wir ausüben sollen. Rund 20 Prozent lernen wir von anderen Personen wie Kollegen und Vorgesetzten und etwa 10 Prozent durch klassische Formen des Lernens – wie etwa Seminare oder durch die Lektüre von Büchern. Kurz gesagt: Den Löwenanteil des Wissens eignen sich Menschen mit dem so genannten informellen Lernen an – nicht mit offiziellen Lernveranstaltungen.

Gibt es ein digitales Gemeinschaftsgefühl?

So gesehen erzeugt das Präsenzlernen mit seinem 10-Prozent-Anteil einen Aufwand, der sich angesichts der verfügbaren Alternative schlecht rechtfertigen lässt. Doch zwei Asse hat das Präsenzlernen noch im Ärmel: das Gemeinschaftsgefühl und das direkte Gespräch von Mensch zu Mensch. Aber auch hier holen die digitalen Formate auf: Live-Webinare erlauben zumindest per Video das direkte Gespräch und das Auslesen der Körpersprache des Gegenübers, Teilnehmer können Gruppenarbeiten gemeinsam erledigen. In Avatar-Veranstaltungen nehmen die Lernenden mittels einer virtuellen Spielfigur an Schulungen teil und können mit Referenten und „Klassenkameraden“ interagieren. 

Gemessen am Aufwand und Investitionen liegt das Präsenzlernen vorn. Und nicht wegen des damit erzielten Lernerfolgs, sondern weil auch bei der Personalentwicklung zu gelten scheint: Never change a running System. 

Zeit für eine Lern-Revolution

Jetzt hat die Corona-Pandemie vieles auf den Kopf gestellt. Darin liegt auch die Chance, das eigene Denken an geänderte Gegebenheiten anzupassen. Der Managementberater Geoffrey Moore ruft dazu auf, das Momentum der Pandemie zu nutzen, wo sie doch viele kurzfristige Tätigkeiten nicht mehr zulässt, die sich sonst stets vor die langfristig wichtigen Tätigkeiten gedrängelt hätten. „Natürlich müssen Sie erst gesundheitsmäßig Ihr Haus schützen, aber offen gestanden: Das haben die meisten Unternehmen bereits erledig“, sagt er. „Jetzt tickt die Uhr. Jeder Tag bis zum Sommer gibt Ihnen die Chance, etwas zu tun, das Sie bisher nicht tun konnten.“


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Um nach der Krise wieder durchstarten zu können, wird es darauf ankommen, Wissen und Fähigkeiten in den Unternehmen auszubauen. Akkurates und aktuelles Fachwissen war in der Steuerberatung schon immer Grundvoraussetzung. Und auch in der restlichen Arbeitswelt wird sich der Fortbildungsbedarf verstärken, wie unter anderem der „ Jobs of Tomorrow Report“ des Weltwirtschaftsforums feststellt.

Selbst wenn die Kontaktregeln in absehbarer Zeit wieder gelockert werden: Eine Gruppe Menschen tageweise in einem geschlossenen Raum zu unterrichten, lässt sich schlecht mit den Abstands- und Hygieneregeln vereinen. Und eine verringerte Teilnehmeranzahl macht den Anbietern wiederum einen Strich durch ihre Rechnung. Die aktuelle Krise hat dem herkömmlichen Lernformen einen langfristigen Dämpfer verpasst.

Auch die Haufe Gruppe wird ihre Fortbildungsaktivitäten noch stärker als bislang auf das digitale Lernen fokussieren. Vielleicht gibt die Krise dem digitalen Lernen endlich den verdienten Auftrieb und etabliert es – nicht länger als Notnagel, sondern – als neues, zeitgemäßes und anderen Formen überlegenes Lernformat.

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