„Der Steuerberater soll für seine Mandanten deutlich mehr rausholen können“

Interview 27.08.2019 Strategy

Marcus Linnepe hat es sich zur Aufgabe gemacht, gute Betriebswirtschaftliche Beratung für die breite Masse an Unternehmen zugänglich zu machen – mit Hilfe einer Software. Warum es trotz der Technologie passende Berater braucht, erzählt er im Interview.

Betriebswirtschaftliche Beratung neu gedacht

Herr Linnepe, wissen Sie noch, wann und wo die Idee zu Ihrem Start-up entstanden ist?

Marcus Linnepe: Die Idee zu CANEI kam mir während eines Freundschaftsdiensts. Ich habe damals als Unternehmensberater/-sanierer gearbeitet. Ein Freund hatte mich gefragt, ob ich nicht dem Freund eines Freundes helfen könne. Es ging um ein kleines Unternehmen in Norddeutschland mit einer Million Euro Umsatz. Ich habe erstmal abgelehnt. In so kleinen Einheiten fehlt es meist schon an einer Struktur, mit der man arbeiten kann. Es fehlen Kennzahlen, Unterlagen und der Unternehmer kann das Honorar, das wir eigentlich verlangen, nicht bezahlen. Ich habe am Ende doch zugesagt und konnte dem Unternehmen in nur zwei Tagen helfen, Bank- und Gesellschafterprobleme zu lösen. Auf dem Rückweg von Norddeutschland nach Hause entstand dann die Idee.

Wie lautete die Idee?

Ich habe mir die Frage gestellt, ob man das, was die Betriebswirtschaftliche Beratung ausmacht, nicht komplett digitalisieren könnte. Wenn ich heute in der analogen Beratung in ein Unternehmen komme, brauche ich mit einem kleinen Team je nach Größe des Unternehmens zwei bis vier Wochen, um überhaupt erstmal eine Aussage treffen zu können. Ich brauche eine Benchmark-Analyse. Der Unternehmer ist so schon die ersten zwanzig- bis dreißigtausend Euro Honorar los. Und das, ohne zu wissen, was er dafür eigentlich bekommt. Deshalb wird die Beratung meist überhaupt erst im Krisenfall in Anspruch genommen und dann oft, weil die Bank das zur Voraussetzung macht.

Beratung wird meist überhaupt erst im Krisenfall in Anspruch genommen.


Mir ist es noch nie passiert, dass ein Unternehmer zu mir kommt und sagt: „Mensch, Herr Linnepe, mir geht es super gut. Wäre schön, wenn Sie mal vorbeikommen, mir vierzigtausend Euro abnehmen und schauen, ob ich irgendwas besser machen kann.” Das macht der mittelständische Unternehmer nicht. Mit der Software soll das möglich werden. Ich habe die Idee mit einem sehr guten Freund besprochen, der den Kontakt zu Jörg Niermann hergestellt hat. Wir beide haben dann die CANEI.digital AG gegründet.

Beratung soll automatisiert werden?

Mit der Software können wir durch das Hochladen und Verarbeiten einer einzigen Summen- und Saldenliste in sieben Sekunden das schaffen, was wir vorher in zwei bis vier Wochen für zehn-, zwanzig-, dreißig-, vierzigtausend Euro getan haben. Beratung wird so für den mittelständischen Unternehmer attraktiv. Er bekommt für sehr viel weniger Geld aufgezeigt, wo seine Potenziale liegen. Die Zahlen des Unternehmens werden dabei mit Benchmarks aus derselben Branche verglichen.

Woher hat die Software diese Vergleichswerte?

Wir bekommen die Zahlen, die wir auf einzelne Branchen runterbrechen können, aktuell von der Deutschen Bundesbank. Wir arbeiten außerdem sehr eng mit Auskunfteien zusammen und wir haben den Anspruch, die Datenbasis immer mehr zu verfeinern. Je größer unsere Plattform wird, desto mehr Daten haben wir. Ich möchte aber betonen: Wir werten nur Meta-Daten aus und sehen auch nur die relativen Daten.  

Machen Sie sich als Unternehmensberater mit CANEI überflüssig?

Gewisse Tätigkeiten eines Beraters werden überflüssig. Am Ende braucht es natürlich immer noch Personen, die einen Rat geben und den Unternehmer an die Hand nehmen.

Es gibt in mittelständischen Unternehmen mindestens eine Person, die bereits ohne die Software die Zahlen auf dem Schirm hat: Der Steuerberater.

Die Steuerberater werden sowohl in der Ausbildung als auch in der Berufspraxis darauf konditioniert, Stichtage zu betrachten: Sie denken in Monatsabschlüssen, Quartalsabschlüssen und Jahresabschlüssen.

Betriebswirtschaftliche Beratung schaut aber, wo die Reise hingehen soll. Und sie stellt Fragen wie: Was muss ich verändern? Wie sehen Zusammenhänge aus? Welche Werkzeuge habe ich zur Hand? Das sind keine Kernfragen, mit denen sich der Steuerberater in der Regel auseinandersetzt.

Trotzdem müsste der Steuerberater zumindest erkennen, ob ein Unternehmen gut oder schlecht läuft.

In vielen Sanierungsfällen, die ich betreut habe, mussten wir den Mandanten am Anfang sagen: „Wir brauchen einen anderen Steuerberater.” Das Problem ist eben oft, dass sich der Steuerberater unterjährig gar nicht für die Zahlen interessiert. Der Steuerberater bucht in den meisten Fällen aus steuerlichen Gründen. Er will seine Umsatzsteuervoranmeldung machen und er will am Jahresende seinen Jahresabschluss erstellen. Der Unternehmer denkt aber, er habe den Steuerberater an seiner Seite, der ihn schon informieren würde, sollte etwas nicht stimmen. Er hat eine völlig andere Erwartungshaltung.

Es reicht nicht mehr, nur zu verwalten, Steuerberater sollten auch Zukunft gestalten.


Diese Lücke soll HAUFE-CANEI schließen. Der Steuerberater soll die Möglichkeit bekommen, seine Werkzeugkiste mit ein paar zusätzlichen Werkzeugen zu füllen, und er soll eine Anleitung bekommen, wie er mit diesen Werkzeugen für seine Mandanten deutlich mehr rausholen kann.

Könnte der Steuerberater so den Unternehmensberater ersetzen?

Der Steuerberater ist natürlich am allernächsten dran am Mandanten. Der Mandant richtet sich in der Regel zuerst an den Steuerberater, wenn er ein Problem oder eine Frage hat.  Wenn wir den Steuerberater jetzt befähigen, diese Nachfrage zu bedienen, ist er auch besser für die Zukunft aufgestellt. Er kann Honorare generieren, die ihm an anderer Stelle wegfallen.


Über Haufe-Canei

Im Mittelpunkt des Angebots von Haufe-Canei steht die intelligente und automatisierte Aufbereitung von Daten und deren komfortable Nutzung für den Steuerberater und seine Mitarbeiter: Haufe Better Business ist eine Software für die betriebswirtschaftliche Beratung, die innerhalb weniger Sekunden bereits erste Empfehlungen liefert. Sie stellt der Kanzlei und dem Mandanten über die klassischen betriebswirtschaftlichen Auswertungen hinaus konkrete Handlungsempfehlungen bereit. 


Denn ich glaube, dass der Steuerberater dringend etwas tun muss. Sein Geschäftsfeld, mit dem er früher Geld verdient hat, bricht weg. Die Buchhaltung wird in den kommenden Jahren komplett digitalisiert und automatisiert. Es reicht nicht mehr, nur zu verwalten, Steuerberater sollten auch Zukunft gestalten.

Brauchen die Steuerberater dafür ein anderes Fachwissen?

Ich saniere und restrukturiere jetzt seit mehr als 25 Jahren Unternehmen. Und ich glaube, das Wesentliche dabei ist die Kreativität. Es reicht eben nicht, den Spruch „Sie müssen die Kosten anpassen“, aus der Schublade zu holen. Es geht doch darum, Zukunft zu entwickeln und Hoffnung zu geben. Ganz nach dem Motto: „Wenn du willst, dass die Truppen ein Schiff bauen, gib ihnen keine Baupläne, sondern schwärme ihnen von der großen weiten Welt der Meere vor.“

Sanierung und Restrukturierung sind zu siebzig Prozent Psychologie.


Sanierung und Restrukturierung sind zu siebzig Prozent Psychologie. Das Methodenwissen kriegt man relativ schnell. Aber vor allem muss man den Unternehmer und die Belegschaft mitnehmen und querdenken. Das lernt man in der Praxis.

Sie selbst sind auch als Quereinsteiger zur Beratung gekommen.

Ich habe irgendwann mal Schlosser und Industriekaufmann gelernt und dann eine Zeit in den Vereinigten Staaten gearbeitet. Ich bin zurückgekommen, um das Unternehmen meines Vaters zu sanieren. Anschließend wurde ich von den Banken gefragt, ob ich nicht weiter für sie in die Beratung von mittelständischen Unternehmen in Krisensituationen und Sanierungssituationen gehen möchte.

Mein Wissen habe ich mir in der Praxis angeeignet und ich hatte in den USA einen tollen Mentor, der Restrukturierung auf eine ganz andere Weise angegangen ist, als es üblich war und ist. Ihm ging es immer darum, den Unternehmen eine Vision für die Zukunft zu geben.

Und was ist Ihre Vision für die eigene Zukunft?

Mein großer Wunsch ist es, dass CANEI vielen Unternehmen helfen kann, bevor sie in eine Krise geraten. Das war ein Gedanke, der mich in meinem Beruf oft begleitet hat. Ich wurde immer erst gerufen, wenn eine Firma schon in der Krise war. Dabei wäre es doch so viel sinnvoller, dass sich die Unternehmen auch außerhalb von Krisenzeiten damit beschäftigen, was gut und was schlecht läuft und vor allem, was man verbessern kann, um erst gar nicht in eine Krise zu stürzen.

Wir wollen, dass viele verschiedene Branchen die Software nutzen können. Und wir beschäftigen uns damit, wie Künstliche Intelligenz die Software besser machen könnte.


Zur Person

Marcus Linnepe ist Co-Founder und Vorsitzender des Aufsichtsrats von CANEI digital AG. Er hat mehr als 25 Jahre lang Unternehmen bei der Sanierung und Restrukturierung beraten und war zehn Jahre lang Vorstand der CFC Industriebeteiligungen AG.

Sarah Beha
Schlagworte zum Thema:  Unternehmensberatung, Unternehmensstrategie