Rz. 92

Agile Arbeitsorganisationen in Reinform lösen sämtliche Hierarchieebenen unterhalb des gesetzlichen Vertretungsorgans auf. Berichtslinien entfallen, es werden funktionsübergreifende Teams gebildet, die nach den jeweiligen Anforderungen der zu erledigenden Aufgaben und Projekte zusammengesetzt werden. Die Aufgaben werden in den Teams eigenverantwortlich erledigt. Die Rolle des Vorgesetzten wandelt sich hierbei zu der eines Moderators; das Delegieren und Kontrollieren – insoweit Gegenstand des fachlichen Weisungsrechts des Arbeitgebers – tritt in den Hintergrund.[132] Hierbei bringt es die Praxis mit sich, dass klassische Organisationsformen mit agilen kombiniert werden. Je nach Aufgabenstellung können Arbeitnehmer also zwischen weithin weisungsfreiem Arbeiten im agilen Team und Arbeiten in einer klassischen Weisungsstruktur wechseln.

 

Rz. 93

Für die Arbeitsvertragsgestaltung ergeben sich hieraus zwei Prämissen: Zunächst ist zwischen fachlichem und disziplinarischem Weisungsrecht zu unterscheiden. Fachliche Weisungen betreffen die Art und Weise der Arbeitsleistung einschließlich der Delegation von Aufgaben und der Kontrolle der Arbeitsergebnisse; disziplinarische Weisungen umfassen hingegen die klassischen Disziplinarbefugnisse (insbesondere Kündigung/Abmahnung) sowie die Ausübung solcher Rechte, die in der Gläubigerstellung des Arbeitgebers wurzeln. Das betrifft etwa die Erteilung von Erholungsurlaub, Entgeltfragen, Beurteilungen oder die Personalentwicklung.[133] Schon aus Compliance Gründen kann bei agilen Arbeitsformen nur auf das fachliche, nicht auf das disziplinarische Weisungsrecht "verzichtet" werden.[134] Des Weiteren macht es aus Sicht des Arbeitgebers wenig Sinn, generell und abschließend auf das fachliche Weisungsrecht zu verzichten. Zum einen ist daran zu denken, dass ein Arbeitnehmer beispielsweise nach einem in agiler Arbeitsgruppe bearbeiteten Projekt wieder in einen klassisch organisierten Bereich wechseln muss. Zum anderen ist auch bei agilen Arbeitsformen nicht auszuschließen, dass es im "worst case" fachlicher Weisungen bedarf.

[132] Günther/Böglmüller, NZA 2019, 273, 273 f. mit entsprechenden Nachweisen.
[133] Maschmann, NZA 2017, 1557, 1558.
[134] Günther, NZA 2017, 546, 547.

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