State-of-Tech beeinflusst Kanzleiwert

Trendbericht 12.03.2020 Transformation & Change Management

Dass die Digitalisierung in kaum einem Geschäftsbereich folgenlos bleiben wird, ist unbestritten. Für Steuerberater mit einer Kanzlei geht es dabei allerdings um weit mehr als nur um Effizienzgewinne oder innovative Beratungsperspektiven - Spielmasse ist der Kanzleiwert selbst.

Kanzleiwert ermitteln: Digitalisierung ist wichtiger Faktor

Kanzleiverkauf: Digitalisierung ist auch hier das Gebot der Stunde

Antiquitäten haben ihren Reiz, das gilt auch für ältere Immobilien. Wer eintritt, den berührt manchmal die Atmosphäre des schon Gelebten, Geschichten scheinen greifbar in der Luft zu liegen. Doch was im Privaten oftmals etwas für Liebhaber schöner Dinge ist, wird im Geschäftsleben schnell zum Problem: Kanzleien, in denen die Dinge laufen wie anno dazumal finden zwar heute auch noch Mandanten, kaum aber einen Nachfolger. Deshalb gilt einmal mehr: Digitalisierung ist das Gebot der Stunde.

Weshalb das so ist, veranschaulicht der Fall einer eigentlich ganz gut gehenden Kanzlei in einer mittelgroßen Stadt. Der alte Eigentümer und sein designierter Nachfolger waren sich bereits handelseinig geworden, der Kaufpreis stand fest. Dann allerdings kam schnell noch mal ein IT-Berater auf Geheiß des Käufers ins Haus, der schätzte einen Investitionsstau in der Größenordnung einer hohen fünfstelligen Summe, und das führte zu unschönen Nachverhandlungen. Der Nachfolger hätte das anstehende Invest gerne vom Kaufpreis abgezogen, das sah der Verkäufer freilich nicht ein.

Wenn eine Kanzlei zum Beispiel noch keine digitale Fibu anbietet, dann verlangen einige Käufer durchaus Kaufpreisabschläge.


Was zugegeben ein Einzelfall ist, findet in der Praxis häufig in abgeschwächter Form und weniger offensichtlich statt. "Wenn eine Kanzlei zum Beispiel noch keine digitale Fibu anbietet, dann verlangen einige Käufer durchaus Kaufpreisabschläge", berichtet Alexander Jost, Vorstand der Jost AG, die seit mehreren Jahrzehnten Kanzleien vermittelt. Dabei gelte: Je jünger die potenziellen Nachfolger seien, desto genauer schauten sie hin.

Kanzleikauf: Neue Steuerberatergeneration ist kritisch

"Je stärker ein Kaufinteressent bereits selbst aus einem Umfeld kommt, in dem bereits stark digitalisiert gearbeitet wird, desto intensiver wird er darauf dringen, dass dies auch in der Kanzlei der Fall ist, die er letztlich übernehmen will", so Jost. Ein Phänomen, dass sich proportional zum Zeitverlauf immer weiter ausprägt, da die Generation der Nachfolgenden inzwischen an der Grenze zu den Digital Natives angelangt sei.

Die Faktoren, auf die Interessenten dabei achteten, seien immer dieselben: Setzt die Kanzlei bereits Unternehmen online oder eine vergleichbare Lösung ein? Wenn ja, wie wird diese von den Mandanten angenommen und genutzt? Was passiert mit den verbleibenden analogen Vorgängen? Werden die Belege in der Kanzlei digitalisiert?

Das fordert Steuerberaterinnen und Steuerberater, die in den kommenden Jahren ihre Kanzlei veräußern wollen, in besonderer Weise. Denn häufig wird gerade gegen Ende der aktiven Berufstätigkeit nicht mehr in dem Maße in neue Technologien investiert, wie dies eigentlich erforderlich wäre. "Der Nachholbedarf ist enorm", berichtet Kanzleivermittler Jost.

Kanzleiwert: Bei Investitionsstau droht Unverkäuflichkeit

Damit verbunden ist ein weiteres Problem: Da immer weniger Existenzgründer als Nachfolgekandidaten an einem Kanzleikauf interessiert sind, müssen sich die Verkaufswilligen auch auf bestehende Kanzleien auf Wachstumskurs als Zielgruppe einstellen. Diese seien möglicherweise noch kritischer, so Jost. Denn letztlich verstünden sie Digitalisierung als Zwischenschritt zur Automatisierung ihres Fibu-Geschäfts.

Kanzleien, in denen wesentliche Schritte der Digitalisierung bislang unterblieben sind, kämen für diese Gruppe als Kaufobjekt dann nicht in Frage. Die nachrückenden Kanzleien seien organisatorisch völlig anders aufgestellt, so dass sie nicht nur die hohen Investitionskosten scheuten, die gegebenenfalls auf sie zukämen, sondern schlichtweg auch mit den Mitarbeitern in einer noch analog arbeitenden Kanzlei wenig anfangen könnten.

"Das führt im Extremfall zur Unverkäuflichkeit einer Kanzlei", erklärt Jost. Auf der anderen Seite finden natürlich Investoren, die allesamt eine vollständig digitalisierte Kanzlei mit innovativer Technik und darin geschultem Team suchen, diese auch nicht allerorten. Das mache wiederum kompromissbereit - und bietet eine Chance für all jene, die noch ein paar Jährchen Zeit haben, ehe die Nachfolge tatsächlich ins Haus steht.

Ein Drittel der Beraterschaft müsste bei Nachfolgeregelung handeln

Betroffen sind davon in der Tat etliche Kanzleien: Denn ein knappes Drittel (29 Prozent) der deutschen Steuerberaterinnen und Steuerberater hat den sechzigsten Geburtstag bereits hinter sich, das Durchschnittsalter des Berufsstands liegt laut Statistik der Bundessteuerberaterkammer bei 52,7 Jahren. Das bedeutet, dass zumindest ein Drittel der Beraterschaft akut mit der Thematik der eigenen Nachfolgeregelung befasst sein müsste. Dass sie dies tatsächlich ist, darf bezweifelt werden.


Folgenlos allerdings wird eine verschleppte Digitalisierung für die wenigsten Kanzleien spätestens dann bleiben, wenn die Nachfolge ansteht.


Im Hinblick auf den Zusammenhang von Nachfolge und Digitalisierung, dürfte die Betroffenheit gar noch höher liegen. Denn es sind ja insbesondere die kleineren Kanzleien mit nur einem Inhaber oder einer Inhaberin, die besonders häufig auf eine externe Nachfolgeregelung angewiesen sind. Und gerade sie sind es, die den größten Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung aufweisen.

So will es zumindest der sogenannte Digitalisierungsindex aus dem "DATEV-Branchenmonitor 2019" nachweisen. Danach seien digitalisierte Prozesse bei kleinen Kanzleien insgesamt weniger stark ausgeprägt als bei größeren Einheiten. Das beginne beim Dateninput, der noch zu 62 Prozent in Papierform erfolge, gegenüber 45 Prozent bei großen Kanzleien, und setze sich in den weiteren Arbeitsschritten fort. Ein digitales Archiv habe nur gut ein Drittel der kleinen Kanzleien. Bei den großen Kanzleien arbeiteten dagegen 65 Prozent mit einem solchen.

Digitalisierung der Kanzlei - bitte sofort

Das mag mit einer geringeren Finanzkraft oder mangelnden personellen Ressourcen erklärbar sein. Folgenlos allerdings wird eine verschleppte Digitalisierung für die wenigsten Kanzleien spätestens dann bleiben, wenn die Nachfolge ansteht. Daher gilt gerade für die älteren Beraterinnen und Berater: Alles ist möglich, nur bitte nicht antiquiert.

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