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In Kürze zusammengefasst
Zwei Unternehmen sind in der gleichen Branche tätig. Sie bieten ähnliche Gehälter und einen vergleichbaren Standort. Das eine kämpft um jede Bewerbung. Das andere kann bequem auswählen. Worin liegt der Unterschied? Es ist nicht der Obstkorb oder die bessere Kantine. Es sind häufig die angebotenen Freiheiten, wie z.B. flexiblere Arbeitszeiten, weniger Präsenzpflicht und mehr Selbstbestimmung. Wer heute als Arbeitgeber bestehen möchte, muss daher mehr bieten als ein gutes Gehalt. Das richtige Arbeitszeitmodell entscheidet mit darüber, ob Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, Mitarbeitende binden – und gesund halten. Doch welche Arbeitszeitmodelle gibt es? Welches passt zu welcher Branche? Und wie führen Sie ein neues Modell ein, ohne den Betrieb auszubremsen? Dieser Artikel verschafft Ihnen einen fundierten Überblick – von klassischen Strukturen bis zu den Modellen, über die gerade alle sprechen.
Inhaltsverzeichnis
Ein Arbeitszeitmodell legt fest, wann, wie lange und wo Beschäftigte arbeiten. Es sollte nicht nur die Bedürfnisse des Betriebs berücksichtigen, sondern auch die Wünsche der Mitarbeitenden einbeziehen. Das Spektrum ist breit: Es reicht vom starren Schichtplan bis zur vollständig eigenverantwortlich gestalteten Vertrauensarbeitszeit.
Egal, wie flexibel ein Modell klingt – es muss sich am Arbeitszeitgesetz (ArbZG) messen lassen. Die wichtigsten Regeln:
Auch wer auf Vertrauensarbeitszeit setzt, muss das Arbeitszeitgesetz einhalten und die Arbeitszeiten dokumentieren. Denn der EuGH hat 2019 festgelegt, dass Arbeitgeber ein objektives, verlässliches und zugängliches System zur Arbeitszeiterfassung einrichten müssen. Zusätzlich hat das BAG 2022 entschieden, dass sich aus dem ArbSchG eine Pflicht des Arbeitgebers zur Erfassung der gesamten Arbeitszeit ergibt (1 ABR 22/21).
Wichtig: Auch wenn das ArbZG selbst nur eine begrenzte Dokumentationspflicht vorsieht, müssen Arbeitgeber nach der BAG Rechtsprechung ein System zur Erfassung der gesamten Arbeitszeit vorhalten und nutzen.
Wie Unternehmen die Arbeitszeit der Beschäftigten organisieren, hat sich grundlegend verändert. Von traditionellen Modellen, die gut planbar sind, haben sich moderne Arbeitszeitmodelle entwickelt, die auf Vertrauen und auf die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden setzen. Beide Modelle haben ihre Vorteile – entscheidend ist, was zum Betrieb passt und was die Mitarbeitenden unterstützt.
Bei festen Arbeitszeiten sind Beginn und Ende meist klar geregelt, z. B. beginnen alle Vollzeit-Beschäftigten um 8 Uhr und gehen um 17 Uhr nach Hause, die Teilzeitbeschäftigten haben entsprechend früher Schluss. Diese typischen Modelle für die Vollzeit-Beschäftigten ist leicht zu organisieren und einfach zu verwalten – aber heute nur noch wenig vereinbar mit der individuellen Lebensrealität der Mitarbeitenden.
Schichtarbeit ist meist unverzichtbar, wenn Betriebe rund um die Uhr laufen müssen – von der Intensivstation bis zur Stahlproduktion. Zwei- oder Dreischichtsysteme decken bis zu 24 Stunden ab.
Modernere bzw. flexible Arbeitszeitmodelle zielen darauf ab, Lage, Dauer und Verteilung der Arbeitszeit nicht starr festzuschreiben, sondern an betriebliche Bedarfe und die Interessen der Mitarbeitenden anzupassen. Dabei haben die Mitarbeitenden einen Spielraum bei der Verteilung der Arbeitszeit, jedoch im Rahmen des ArbZG und der betrieblichen Erfordernisse. Typische flexible Arbeitszeitmodelle sind:
Gleitzeit und variable Arbeitszeit lockert den starren Rahmen: Beschäftigte entscheiden selbst, wann sie anfangen und aufhören – innerhalb eines definierten Rahmens. Eine Kernarbeitszeit stellt sicher, dass alle Mitarbeitenden zu bestimmten Zeiten erreichbar sind, z.B. für Kunden, aber auch untereinander.
Die Funktionszeit geht weiter und schafft die Kernzeit ab. Stattdessen gilt: Der Bereich muss funktionieren. Wer wann arbeitet, stimmt das Team eigenverantwortlich ab. Was zählt, sind Ergebnisse – nicht die Anwesenheit. Das fördert das unternehmerische Denken, aber auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden, weil sie Arbeit und Familie besser vereinbaren können. Allerdings ist ein gutes Teamwork Voraussetzung, damit das Modell funktioniert.
Homeoffice und Remote Work lösen die Arbeit vom Firmenstandort. Seit der Pandemie wünschen sich viele Beschäftigte, dass sie ihren Arbeitsort flexibel wählen können. Das gelingt nur mit ergonomischer Ausstattung, klaren Kommunikationsregeln und einer Kultur, die auf Vertrauen setzt.
Drei Modelle bestimmen gerade die Diskussion in HR-Abteilungen. Zu Recht – denn sie lösen genau die Probleme, die Unternehmen heute am meisten beschäftigen.
Hinter der 4-Tage-Woche stecken drei sehr unterschiedliche Varianten:
Die Variante 3 wird kontrovers diskutiert: Zwar berichten Befürworter:innen von stabilen Umsätzen bei kürzerer Arbeitszeit und höherer Arbeitgeberattraktivität. Kritiker:innen warnen jedoch vor steigenden Personalkosten und erschwerter Auftragsbearbeitung.
Wenn sich beim Jobsharing zwei Beschäftigte eine Vollzeitstelle teilen, stimmen sie Aufgaben und Zeiten untereinander ab. Der große Vorteil besteht darin, dass immer jemand ansprechbar ist, auch im Urlaub oder bei Krankheit. Besonders spannend wird es, wenn Unternehmen Führungspositionen im Jobsharing besetzen, die bisher als unteilbar galten. Was es hier braucht, ist eine exzellente Kommunikation und klar strukturierte Aufgaben.
Beschäftigte entscheiden selbst, wann sie beginnen, wann sie aufhören, wann sie pausieren. Nicht die Stunden zählen, sondern das Endergebnis, das beispielsweise über Zielvereinbarungen oder OKR gesteuert und gemessen wird. Das klingt verlockend, aber meist funktioniert es nur mit den richtigen Leitplanken.
Was Vertrauensarbeitszeit gelingen lässt:
Wer Vertrauensarbeitszeit einführt, muss vorher Vertrauen in dieses Modell aufbauen. Das Modell belohnt Unternehmen, die loslassen können und Beschäftigte, die sich gut selbst organisieren können und Verantwortung übernehmen wollen.
Nicht jedes Modell funktioniert überall. Was passt, hängt davon ab, wie lange der Betrieb läuft, wie viel Kundenkontakt die Teams haben und wie stark die Auftragslage schwankt.
Ein Arbeitszeitmodell einzuführen, das von den Mitarbeitenden wirklich angenommen wird, braucht mehr als eine Betriebsvereinbarung. Es braucht die Zusammenarbeit aller Beteiligten:
Praxis-Tipp: Wer Beschäftigte in Workshops persönlich einbindet, gewinnt mehr Akzeptanz und kann am Ende auf bessere Lösungen zurückgreifen.
Ein einziges Modell für alle funktioniert nicht mehr. Wer Fachkräfte gewinnen, Beschäftigte halten und produktiv wirtschaften will, muss Arbeitszeiten maßschneidern. Die gute Nachricht: Die Auswahl war nie größer. Von der bewährten Gleitzeit bis zur 4-Tage-Woche bei vollem Gehalt – für jede Branche, jede Unternehmensgröße und jede Lebensphase gibt es passende Ansätze.
Der Schlüssel liegt nicht im perfekten Modell auf dem Papier. Er liegt darin, den Mitarbeitenden zuzuhören, sie bei der Planung einzubinden, Neues auszuprobieren und ggf. anzupassen.
Nein. Einen generellen Anspruch gibt es nicht. Allerdings können Beschäftigte nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) verlangen, ihre Arbeitszeit zu verringern. Modelle wie Homeoffice oder Vertrauensarbeitszeit lassen sich individuell oder per Betriebsvereinbarung regeln.
Ja, denn auch die Vertrauensarbeitszeit entbindet nicht von der Einhaltung des Arbeitszeitgesetztes. Nach aktuellem Rechtsstand müssen Arbeitszeiten dokumentiert werden. Der EuGH hat den Mitgliedstaaten aufgegeben, Systeme zur Arbeitszeiterfassung sicherzustellen und das BAG hat entschieden, dass Arbeitgeber eine Pflicht zur Erfassung der gesamten Arbeitszeit haben. Unternehmen können die Erfassung an die Beschäftigten delegieren, zum Beispiel über eine Arbeitszeit-Software. Vorgesetzte müssen die Einträge zumindest stichprobenartig kontrollieren. Vertrauensarbeitszeit bleibt möglich, aber auf Basis vollständiger Arbeitszeiterfassung.
Beim Modell 3+1 arbeiten Beschäftigte drei Tage im Betrieb und einen Tag remote, etwa im Homeoffice. Es verbindet Teamarbeit vor Ort mit individueller Flexibilität und eignet sich besonders für Unternehmen, die beides fördern wollen.
Bei Gleitzeit müssen Beschäftigte während einer festen Kernzeit anwesend sein und können nur innerhalb der Gleitzeitspannen flexibel starten und enden. Bei Vertrauensarbeitszeit fällt die Kernzeit weg, Beschäftigte verteilen ihre Arbeitszeit vollständig eigenverantwortlich. Entscheidend ist, ob sie ihre Ziele erreichen, nicht wann sie am Schreibtisch sitzen.