"Existenzberechtigung von Jobbörsen ist ungebrochen"
Personalmagazin: Jobware war neben Jobpilot und Stellenanzeigen.de eine der ersten Jobbörsen, die in Deutschland online gingen. War es mutig oder sogar ein bisschen verrückt, im beschaulichen Paderborn eine Online-Jobbörse ins Leben zu rufen, als nur wenige überhaupt einen Internetzugang hatten?
Wolfgang Achilles: Paderborn war beim Thema IT schon immer etwas weiter vorn. Jobware-Gründer Randolph Vollmer machte die Bekanntschaft mit dem Internet über das Telefon, weil ein guter Freund in den USA seinen neuen Job im akademischen Bereich über das Internet gefunden hatte. Das machte ihn neugierig und er ging hier zur Hochschule, um sich zeigen zu lassen, was das ist. Darauf aufbauend hat er die Jobbörse gegründet. Das war zu einer Zeit, in der weder viele Unternehmen im Internet waren noch viele Stellensuchende. Deshalb kann man sagen: Zum Gründen gehört ein gewisser Wahnsinn dazu.
Personalmagazin: Wann war der Wendepunkt? Was hat dazu beigetragen, dass immer mehr Unternehmen und Stellensuchende die Online-Anzeige für sich entdeckten?
Achilles: Dazu hat die Flatrate beigetragen, als man nicht mehr pro Minute für das Internet zahlen musste, sondern zu einem festen Preis immer drin sein konnte. Das war um das Jahr 2000. Auf Seiten der Unternehmen tauchten dann die ersten Möglichkeiten auf, die Beschaffung zu vereinfachen, sich mit anderen Unternehmen per E-Mail auszutauschen. E-Mails gab es schon früher, aber zu der Zeit erkannte man, dass das besser geht als per Fax und schneller als per Brief. Damit ging es richtig los.
2004 wurden Online-Jobbörsen erstmals profitabel
Personalmagazin: Seitdem sind viele Jobportale gekommen und gegangen. Was haben Sie anders gemacht als andere?
Achilles: Der Gründer hat von Anfang an Wert auf Qualität gelegt. Im Vordergrund stand immer die Zufriedenheit von Inserenten und Stellensuchenden. Wir waren nie die Lautesten auf dem Stellenmarkt. Wir haben keine riesigen Kampagnen gemacht, die manchmal zu Problemen führten und dazu beitrugen, dass manche Startups wieder verschwanden. 2004 war das Jahr, in dem es einen großen Wendepunkt gab und das Geschäft im Internet für Stellenmärkte überhaupt profitabel wurde.
Personalmagazin: 2024 gab es auch einige turbulente Marktentwicklungen, zum Beispiel übernahm Monster aus den USA Jobpilot. Damals ging es offenbar darum, sich Marktanteile in Deutschland zu sichern?
Achilles: Genau. Monster hat die heute kaum noch bekannte Marke Jobpilot gekauft. Stepstone hat in Deutschland viele kleinere Börsen gekauft, die heute kaum einer kennt. Auch wir selbst sind in große Schwierigkeiten geraten in dieser Zeit. Aber wir haben nachhaltig gewirtschaftet und sind vielleicht auch ein wenig ostwestfälisch, indem wir uns ordentlich darum gekümmert haben, dass Qualität das Oberste ist und nicht auf Masse gegangen sind, was uns damals von anderen differenzierte und was uns heute noch auszeichnet.
Seit 2007 am Ruder des Jobportals
Personalmagazin: Sie selbst sind seit knapp 20 Jahren dabei, waren zuvor als Gründer der Refline AG auch im E-Recruiting tätig und haben 2007 den Staffelstab von Randolph Vollmer übernommen. Was hat Sie dazu bewogen, zu einem Online-Jobportal zu wechseln und aus dem Rheinland nach Paderborn zu ziehen?
Achilles: Ich kannte Randolph Vollmer und einen Teil der Führungsmannschaft schon seit 2000. Als ich Refline verkaufte, habe ich das an einen Partner von Jobware verkauft: Mr. Ted. Randolph Vollmer sprach mich an, weil er mit mir kooperieren wollte. Doch ich hatte schon die Verkaufsgespräche geführt und sagte ihm: Wenn er mit mir kooperieren will, soll er bei dem bleiben, wo er ist. So erfuhr er, dass ich ging, und erzählte mir, dass er vorhat, sich bei Jobware zurückzuziehen. Dann war ich ein- oder zweimal in Paderborn und habe mir alles angeschaut. Meine Frau kommt aus dem Sauerland. Für die war die Vorstellung nicht so schlimm, aus dem Rheinland nach Paderborn zu ziehen. So ist die Entscheidung gefallen, dass wir hierherkommen. Es war eine spezielle Zeit, bis wir alle zusammengefunden haben. Aber fast alle, die damals dabei waren, sind heute auch noch an Bord.
Wie Smartphone, Social Media und KI das Recruiting veränderten
Personalmagazin: Was sehen Sie als die grundlegenden Veränderungen im Recruiting der vergangenen Jahre an?
Achilles: Da gab es unglaublich viele Veränderungen: Das Smartphone kam, Social Media kamen und jetzt kommt KI. Es ist unglaublich, was da heute möglich ist, angefangen bei mobiler Jobsuche bis hin zu Video-Interviews und Unterschriften per PDF. Das war 2007 noch nicht denkbar. Das waren viele Kleinigkeiten, die zusammengerechnet die Welt verändert haben. Aber es gibt eine Sache, die gleichgeblieben ist.
Personalmagazin: Welche?
Achilles: Wir haben damit zu kämpfen, dass viele junge Menschen, die von den Hochschulen neu in den Job kommen, ins Recruiting gehen. Daher haben wir immer wieder einen Ausbildungsauftrag: Wie schreibe ich eine Stellenanzeige? Wie gehe ich mit Bewerbungen um? Was macht einen guten Bewerbungsprozess aus? Da hat sich in den vergangenen Jahren wenig getan und die Unternehmen fallen immer wieder zurück in alte Muster, dass etwa Bewerber keine Antwort bekommen. Das wirkt sich nachhaltig auf das Arbeitgeberimage aus. So entstehen immer wieder die gleichen Probleme, die auch von der Technik nicht gelöst werden.
"Wir haben damit zu kämpfen, dass viele junge Menschen, die von den Hochschulen neu in den Job kommen, ins Recruiting gehen. So entstehen immer wieder die gleichen Probleme."
Personalmagazin: Sie haben schon das Thema KI angesprochen: KI verändert die Jobsuche. Zusätzlich schreiben die Unternehmen deutlich weniger Stellen aus als noch vor einigen Jahren. Es wird wieder von einer „existenzbedrohenden Lage“ für Jobbörsen gesprochen. Ist es diesmal wirklich existenzbedrohend?
Achilles: Vor drei, vier Jahren wurde gesagt: „Post and Pray funktioniert nicht mehr. Man stellt eine Stellenanzeige ein und niemand bewirbt sich.“ Jetzt stehen wir vor dem Problem: Unternehmen schalten eine Stellenanzeige und es bewerben sich ganz viele. Das hatten wir lange nicht mehr. Und das unterstreicht die Existenzberechtigung von Jobbörsen. Es gibt keinen Kanal, über den Unternehmen günstigere Kandidaten gewinnen können. Auch deswegen, weil sie sich im Unternehmen bewerben. Wenn ich jemanden per Active Sourcing anspreche, kann ich vielleicht die Stellenanzeige einsparen, aber ich habe eine ganz andere Verhandlungsbasis. Ich kann Kandidaten, die ich anspreche oder anrufe, nicht nach ihrer Motivation fragen. Denn die ist schlimmstenfalls nur monetär. Das wird am Ende viel teurer, als wenn jemand im Unternehmen vorstellig wird und sagt: „Ich möchte hier arbeiten, weil…“ Früher kosteten Bewerbungsmappe, Kopien und Porto Geld. Heute ist der Aufwand geringer und KI macht es noch einfacher. Aber immerhin hat sich die Person aufgerafft und abgeschickt.
"Aktuell stehen wir vor dem Problem: Unternehmen schalten eine Stellenanzeige und es bewerben sich ganz viele. Das hatten wir lange nicht mehr. Und das unterstreicht die Existenzberechtigung von Jobbörsen."
Personalmagazin: KI macht Bewerbungen auch austauschbar.
Achilles: Der Schrecken setzt dann ein, wenn jemand der KI sagt: „Schicke Bewerbungen an 100 mögliche Arbeitgeber.“ Dann wird interessanterweise der kleine Rechtschreibfehler in der Bewerbung zu einem positiven Signal: Diese Person hat die Bewerbung zumindest teilweise selbst geschrieben und verschickt. Denn die KI macht selten Fehler.
Das Anschreiben ist zurück, um sich von der Masse abzuheben
Personalmagazin: Inzwischen erhalten die Unternehmen wieder verstärkt Bewerbungen mit Anschreiben.
Achilles: Die KI macht es natürlich viel leichter, ein Anschreiben zu schreiben. Als man es noch selbst schreiben musste, hat man eher darauf verzichtet. Abgesehen davon hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt geändert: Wenn Hochschulabsolventen 100 Bewerbungen verschicken, um dann immer noch keinen Job zu haben, müssen sie sich differenzieren. Da ist das Anschreiben genau der Faktor, mit dem sie sich von der Masse abheben können.
Personalmagazin: KI kann auch den Arbeitgebern die Arbeit erleichtern. Wie unterstützen Sie beim Recruiting?
Achilles: Wir haben intern Tools, mit denen wir Stellenanzeigen auf Potenziale analysieren. Darauf aufbauend beraten wir Unternehmen, wie sie ihre Anzeige verändern sollten, damit es mehr passende Bewerbungen gibt. Das Tool steht unserem gesamten Vertriebsteam zur Verfügung und die Kunden bekommen von uns Vorschläge. Sie können per Knopfdruck zustimmen. Dann ist die Anzeige geändert. Das ist ein Teil unserer Leistung. Wir haben zudem ein Selbstschaltungstool, mit dem wir das Problem der weißen Seite lösen: Jemand gibt einen Titel ein schreibt, welche Qualifikationen gewünscht sind, und dann entsteht die Stellenanzeige ganz von alleine. Das nutzen viele der Unternehmen, die bei uns online schalten.
Personalmagazin: Gibt es weitere Pläne?
Achilles: Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema dialogorientiertes Recruiting, aber das hat auch Barrieren. Man muss schauen, dass man die Gespräche in gewissen ethischen Grenzen hält und dass es eine sehr gute Beratung dazu gibt. Da wird demnächst etwas von uns zu sehen sein. Aber bei uns geht Qualität vor Geschwindigkeit. Auch Datenschutz wird wichtig genommen. Wir klemmen nicht einfach ein fremdes LLM aus den USA an, damit würden wir uns sehr unwohl fühlen. Wir hosten auch alles in Deutschland auf eigenen Rechnern.
Personalmagazin: Wo wird Jobware beim 40-jährigen Jubiläum stehen?
Achilles: Als ich 2007 dazukam, standen wir auf Platz fünf der Jobbörsen. Wir haben uns ordentlich nach oben bewegt und sind gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Wir gehen unseren Weg und hoffen, dass wir immer die richtige Entscheidung treffen. Wir haben Zeit.
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