Entgrenzungstechnologien in der Arbeitswelt

Das Menschengehirn mit WLAN-Schnittstelle oder lebendige Roboter mit Gefühlen? Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung untersucht, welche Auswirkungen die wechselseitige Entgrenzung von Technolgie und Biologie auf die Gesellschaft haben könnte. Die Politikwissenschaftlerin Geraldine de Bastion, Mitglied des BMBF-Zukunftskreises, entwirft verschiedene Szenarien für den Einsatz von Entgrenzungstechnologien in der Arbeitswelt und beleuchtet Chancen aber auch Risiken.

Vor wenigen Wochen wurde dem ersten US Amerikaner im Rahmen der "Command"-Studie von Synchron am Mount Sinai Health System in New York City eine revolutionäre neue Gehirn-Computer-Schnittstelle (BCI) implantiert. Mit dieser klinischen Studie wurde die erste Genehmigung in den USA für ein Unternehmen erteilt, dauerhafte Implantationen von Gehirn-Computer-Schnittstellen vorzunehmen. Auch wenn das Unternehmen damit zunächst medizinische Zwecke verfolgt, durch die zunehmende Konvergenz biologischer und technologischer, insbesondere digitaler Systeme, zeichnet sich eine neue Dimension der Entgrenzung ab. Dies bringt unterschiedliche Implikationen und Anwendungsfelder für die Arbeitswelt.

Auswirkungen von Technologie auf die Arbeitswelt war schon immer ambivalent

Die Auswirkungen von Technologie auf Arbeit und Berufe waren schon immer ambivalent. Einige Technologien werden eingesetzt um menschliche Arbeit zu ersetzen, während andere neue Berufsfelder schaffen und nicht nur Produktivitäts- sondern auch Kreativitätssteigerung ermöglichen. In Zukunft werden sogenannte Entgrenzungstechnologien eine zunehmend relevante Rolle bei der Veränderung von Arbeitswelten spielen. Zum einen verbinden biodigitale Technologien wie zum Beispiel smarte Kontaktlinsen, Neuroprothesen und Exoskelette, Gehirnschnittstellen wie die von Synchron, intelligente Medikamente oder künstliche Organe den menschlichen Körper mit der digitalen Welt und es findet eine zunehmende Technisierung von Biologie statt. Zum anderen wird Technologie in Form von hybriden Nanorobotern, Biocomputern oder biologisierte Technologie als Produktionsmittel zum Beispiel Zellfabriken zunehmend lebendiger und kompatibel mit lebenden Körpern. Ein prominentes Beispiel hierfür sind die Pacman-ähnelnden Xenobots, die aus den Stammzellen des afrikanischen Krallenfrosches gebildet werden und in Experimenten zeigten, dass sie sich nicht nur reproduzieren sondern auch bewegen, in Gruppen zusammenarbeiten und sich selbst heilen können.

Entgrenzung von Technologie und Biologie: Studie im Auftrag des BMBF

Diese technologischen Fortschritte untersucht die Studie "Die wechselseitige Entgrenzung von Technologie und Biologie" und analysiert die gesellschaftlichen Entwicklungen, die zukünftig zu einer Entgrenzung von Biologie und Technologie beitragen könnten. Die Studie hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Strategischen Vorausschau in Auftrag gegeben. Ein Zwischenfazit ist, dass sich die zunehmende beidseitige Verschmelzung und das Entstehen hybrider biodigitaler Entitäten als sehr wahrscheinliches Zukunftsszenario abzeichnet. Auch wenn "Mischwesen" noch weit von der Realität entfernt sind, ist in diesem Gebiet eine zunehmende Forschungsdynamik zu verzeichnen.

Welche Potenziale und Chancen ergeben sich durch die zunehmende Entgrenzung von Biologie und Technologie für die Arbeitswelt und was sind die Gefahren in Anbetracht der gesellschaftlichen Bedürfnisse und technologischen Möglichkeiten?

Der in der Studie beschriebene technische Fortschritt trifft auf veränderte Bedürfnisse und Einstellungen der (Arbeits-) Gesellschaft, wie demografischer Wandel, Fachkräftemangel und der allgemeine digitale Wandel unserer Lebenswelten. Neben Umwelt und Energie identifiziert die Studie die Bereiche Gesundheit und Arbeit als die wichtigsten Anwendungsfelder von Entgrenzungstechnologien. Welche Potenziale und Chancen ergeben sich durch die zunehmende Entgrenzung von Biologie und Technologie für die Arbeitswelt und was sind die Gefahren in Anbetracht der gesellschaftlichen Bedürfnisse und technologischen Möglichkeiten?

Einsatz von Entgrenzungstechnologien am Arbeitsplatz

Szenario 1: Exoskelette in der Pflege  

Frau Helm ist 87 Jahre alt. Sie lebt in einer betreuten Wohnung in einem Senioren-Wohnheim. Um 3:32 Uhr meldet ihre smarte Windel, dass sie ins Bett gemacht hat und wach ist. Ein Pflegeroboter kommt und wechselt ihr mit Hilfe ihres smarten Betts die Windel. Am nächsten Morgen geht Frau Helm mit Hilfe ihrer Exoskelett-Gehhilfe ins Bad und duscht. Der Pflege-Roboter assistiert ihr beim Anziehen und bringt Kaffee. Die Pflegerin kommt und unterhält sich 15min mit Frau Helm, während sie Kaffee trinkt. Im Anschluss kontrolliert die Pflegerin die Funktion der Sensoren und schaut sich die Daten von Frau Helm an, während Frau Helm mit der Gehilfe zum Frühstück geht und der Roboter das Zimmer reinigt.

Szenario 2: Das Büro der Zukunft

Sven schließt die Bürotür auf, indem er seinen Arm über das Schloss bewegt - der miniaturisierte Schaltkreis auf seiner Haut, den er als digitales Tattoo trägt, macht es möglich. Im Büro verbindet er sich über die Gehirn-Computer Schnittstelle mit der Cloud und synchronisiert per Mind-Upload die Unterlagen, an denen er von Zuhause aus gearbeitet hat, bevor er an der Erstellung von 3D-Modellen durch seine Vorstellungskraft weiterarbeitet. Mit seiner AR-Brille geht er in den Meetingraum und bereitet seine Präsentation vor. Sven ist froh, dass er gestern noch beim Arzt war und seine regelmäßige Fusion mit künstlichem Blut und Nanobots zur Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit erhalten hat.

Entgrenzungstechnologien: Chancen und Risiken für die Arbeitswelt

Viele technische Entwicklungen, die eine Verschmelzung von Mensch und Maschine beziehungsweise von Biologie und Technologie mit sich bringen, können erhebliche Vorteile zur Entlastung von physisch anstrengenden Tätigkeiten haben. Zum Beispiel helfen Exoskelette in der Pflege dem medizinischen Personal bei schweren körperlichen Tätigkeiten. Gleichzeitig sind manche Entwicklungen noch abstrakt und für viele Menschen wenig greifbar, andere scheinen aus freiheitsrechtlicher Perspektive problematisch. Was wir gesellschaftlich als Entgrenzung wahrnehmen, "verändert sich stetig mit dem aktuellen Entwicklungsstand der Technologie sowie ihrer Verbreitung und Akzeptanz", heißt es auf Seite zwei des Studienberichts. Umso wichtiger ist es, frühzeitig eine breite gesellschaftliche Debatte rund um die ethischen Implikationen der zunehmenden Entgrenzung anzustoßen. Dabei ist es notwendig, Entgrenzungstechnologien in unterschiedliche Risikokategorien zu unterteilen, zum Beispiel ob Entgrenzungstechnologien reversibel oder irreversibel in ihrer Anwendung sind, ob sie intern (operativ oder medikamentös) oder extern angewendet werden oder ob sie dual-use Kategorien unterliegen und zum Beispiel auch für Überwachungstätigkeiten genutzt werden könnten.

Was wir gesellschaftlich als Entgrenzung wahrnehmen, verändert sich stetig mit dem aktuellen Entwicklungsstand der Technologie sowie ihrer Verbreitung und Akzeptanz.

Wearables sollen Mitarbeitende produktiver und leistungsfähiger machen

Es gibt unterschiedliche Beweggründe, Entgrenzungstechnologien in der Arbeitswelt anzuwenden. Aktuell sind Produktivitätssteigerung und Sicherheit die Hauptanliegen von Unternehmern. Laut der Unternehmensberatung Deloitte sehen Unternehmen in sogenannten Wearables, also tragbaren Technologien, vor allem die Chance, Mitarbeitende produktiver und leistungsfähiger zu machen. Neben vielen anderen Aspekten ist beim Einsatz solcher Anwendungen kritisch zu prüfen, ob Datensammlung und Datenmanagement im Sinne des Arbeitnehmenden stattfinden.

Entgrenzungstechnologien sorgen auch für mehr Sicherheit

Sicherheit ist ein weiterer Hauptgrund zum Einsatz von Wearables. Hierzu gehören auch Exoskelette, die durch ihre Muskelunterstützung Arbeiterinnen und Arbeitern helfen können, Überanstrengung zu vermeiden - die Hauptursache für Arbeitsunfälle in den USA, für die Unternehmen jährlich fast 14 Milliarden US-Dollar Entschädigungskosten aufbringen müssen. Bei Autoherstellern wie Ford oder in den Baumärkten von Lowe’s helfen Exoskelette Arbeitenden in den USA bereits heute dabei, schwere Gegenstände zu heben. In einer Fujitsu-Fabrik in Kawasaki, Japan warnen intelligente Armbanduhren bei Anzeichen von Hitzestress. In Bergbauunternehmen verbessern intelligente Helme die Sicherheit der Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Frage stellt sich, wie insbesondere in Ländern mit schwachen Arbeitnehmerinteressensvertretungen gewährleistet werden kann, dass bei der Einführung solcher Technologien gleichermaßen die Interessen der Arbeitnehmenden und der Gesellschaft berücksichtigt werden und nicht nur Profitmaximierung im Vordergrund steht.

Gesellschaftliche Implikationen der Entgrenzung von Arbeit

Die Entgrenzung der Arbeit wird durch Digitalisierung, Technologisierung und auch durch die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie vorangetrieben. Hierbei spielen Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Räumen eine große Rolle. Der Soziologe Gerd-Günter Voß beobachtet, dass betriebliche Rationalisierungsstrategien verstärkt auf die Fähigkeit der Arbeitskräfte zur Eigenmotivierung und selbständigen Sinnsetzung abzielen und Entgrenzung damit auch bei der Motivation Arbeitnehmender zu beobachten ist. Ein Aspekt, der auch in der Suche der Generation Z nach sinnstiftender Arbeit zutage und zum Tragen kommt.

Eine Kernfrage mit Hinblick auf Implikationen für zukünftige Arbeitswelten wird sein, ob Entgrenzungstechnologien primär genutzt werden um Menschen eine Teilnahme und Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen oder ob sie genutzt werden, um die Leistungsfähigkeit des Einzelnen zu steigern.

Entgrenzungstechnologien können unterschiedliche Auswirkungen auf unsere Arbeitswelten haben, je nachdem, wie und zu welchem Zweck sie in Zukunft eingesetzt werden. Eine Kernfrage mit Hinblick auf Implikationen für zukünftige Arbeitswelten wird sein, ob Entgrenzungstechnologien primär genutzt werden, um Menschen eine Teilnahme und Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen oder ob sie genutzt werden, um die Leistungsfähigkeit des Einzelnen zu steigern. Denn das Potential von diesen Technologien kann ebenso für gemeinwohlorientierte Zwecke genutzt werden, statt nur Beschleuniger für eine zunehmend automatisierte und gleichzeitig immer anspruchsvollere Leistungsgesellschaft zu sein.

Entlastung und Teilhabe statt Optimierungswahn

Entgrenzungstechnologien müssen nicht zwangsläufig nur zu immer steigenden Effizienz-Anforderung führen, die Individuen unter Druck setzen, sich zu "optimieren". Statt dieser Optimierungsprämisse zu folgen, könnten Innovationen im Bereich Entgrenzungtechnologien zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen, indem sie eingesetzt werden, um Arbeitende bei physisch anspruchsvollen Berufen zu entlasten, Zeit für qualitatives Arbeiten schaffen und Inklusion in unterschiedliche Berufsbereiche ermöglichen. Hierzu bedarf es jedoch bestimmter Rahmenbedingungen und entsprechender gesellschaftlicher Diskurse. Diese Diskurse sollten die Perspektiven nachfolgender Generationen berücksichtigen. Insbesondere die gestiegenen Bedürfnisse in Hinblick auf Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Gerechtigkeit sowie Ansprüche an sinnstiftende Arbeit.


Hintergrund der Strategischen Vorausschau

Wir können die Zukunft nicht vorhersagen, aber wir können nach Trends und Entwicklungen suchen, die in Zukunft wichtig werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung tut mit der Strategischen Vorausschau genau dies: Mit wissenschaftlichen Methoden Zukunftstrends identifizieren und ihre Auswirkungen beschreiben. Ziel ist es, die richtigen Weichen zu stellen, um künftigen Herausforderungen frühzeitig zu begegnen und Chancen zu nutzen. Mehr dazu unter: vorausschau.de.


Zur Autorin

Die Politikwissenschaftlerin Geraldine de Bastion ist geschäftsführende Gesellschafterin des Beratungsunternehmens Konnektiv und Gründerin des Global Innovation Gathering (Netzwerk aus Grassroots Innovators, Social Entrepreneurs, Makerspaces, Hackerspaces und Innovation Hubs). Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Beratung von öffentlichen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen zum strategischen Einsatz digitaler Technologien, zu neuen Medien und neuen Geschäftsmodellen. Geraldine de Bastion gehört zum 16-köpfigen Zukunftskreis, der das Bundesministerium für Bildung und Forschung zu Zukunftstrends berät.


Quellen:

„Die wechselseitige Entgrenzung von Technologie und Biologie“, BMBF, Zukunftsbüro des Foresight Prozesses (Foresight III) der Prognos AG und der Z_punkt GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), Referat Strategische Vorausschau; Partizipation; Soziale Innovationen. 

“Workforce superpowers: Wearables are augmenting employees’ abilities” David Schatsky, Navya Kumar, 2018

Grace Browne, “The Age of Brain-Computer Interfaces Is on the Horizon”, Science, Aug 1, 2022

"Arbeitende Roboter – Arbeitende Menschen. Über subjektivierte Maschinen und menschliche Subjekte" Gerhard Voss, in: Alexander Friedrich et al (Hrsg.): Arbeit und Spiel. Jahrbuch Technikphilosophie 2018. Baden-Baden: Nomos 2018, ISBN 978-3-8487-4279-0, S. 139–180.


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