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Die Renaissance der Genossenschaften

Raiffeisen war der Begründer der Genossenschafts-Idee.
Bild: Raiffeisen ZG

Renaissance eines vermeintlichen Ladenhüters: Die Genossenschaften feiern ihr Comeback. Gesetzeserleichterungen haben sie wieder salonfähig gemacht. Vor allem im Energie- und Wohnungsbereich liegt sie im Trend.

Thomas Walter ist Vorstand einer Genossenschaft. "Wir sind bei rund 80 Prozent der staatlichen deutschen Hochschulen für die Management-Software zuständig", sagt das Vorstandsmitglied des Hochschul-Informations Systems (HIS). Seit kurzem übt der Direktor des Rechenzentrums der Uni Tübingen den Vorstands-Job beim HIS im Nebenamt aus. Von Hannover aus sichert es bundesweit mit 150 Vollzeit-Mitarbeitern IT-Dienstleistungen für rund 170 Universitäten und Fachhochschulen. Das 45-jährige Unternehmen hat im Mai gerade seine Gesellschaftsform geändert: von einer GmbH in eine Genossenschaft. Es liegt damit im Trend. Denn die lange Zeit als verstaubt angesehene Rechtsform erlebt gerade ihre Renaissance.

 Prinzip der Selbsthilfe

"Die Gründungswelle hält seit einigen Jahren an", sagt Joachim Prahst vom Genossenschaftsverband. Der ist mit Sitz in Frankfurt/Main und Hannover als größter Regionalverband in 13 Bundesländern vertreten. Als flexible Organisationsform erleben die auf dem Prinzip der Selbsthilfe basierenden Genossenschaften ihr Comeback. "Der genossenschaftliche Verbund ist mit über 20 Millionen Mitgliedern die bei weitem mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation in Deutschland", betont der Genossenschafts- und Raiffeisenverband, der auf seiner Website bundesweit knapp 5.800 Genossenschaften auflistet.

Viel Bewegung im Wohnungsbau

Statistisch gesehen wäre damit fast jeder vierte Deutsche Mitglied einer ländlichen, gewerblichen, Kredit- oder Konsumgenossenschaft. Im Bereich der erneuerbaren Energien engagieren sich mehr als 200.000 Menschen in rund 800 Energiegenossenschaften. Auch im Wohnungsbau gibt es viel Bewegung. Bei der Beratungsfirma Ernst & Young bestätigt der für Gesellschaftsrecht zuständige Experte Achim Grothaus den Trend: "Das ist wie eine Welle, die da hochgeschwappt ist." Bis vor einigen Jahren gab es kaum Nachfragen zu dieser Rechtsform: "Das war ein absoluter Ladenhüter!" Heute ist das anders. Grothaus: "Das ist auch kein rein deutscher, sondern auch ein internationaler Trend."

Grundsolide und bodenständig

Das Grundprinzip ist so einfach wie effektiv. Ziel ist der langfristige Nutzen für die Mitglieder - das Wort Genosse wurde in der Genossenschaft mittlerweile längst über Bord gekippt. Im Vergleich zu anderen Unternehmensformen sind sie zudem einfacher zu gründen. Jedes Mitglied beteiligt sich finanziell - diese Genossenschaftsanteile bilden das Eigenkapital des Unternehmens. Unabhängig von der Höhe der Anteile hat jedes Mitglied aber eine Stimme und damit ein Mitspracherecht bei allen Entscheidungen. Die Miteigentümer befinden sich weitgehend unter Gleichgesinnten, die auf das gleiche Ziel hinarbeiten. Idealismus und Engagement sind Trumpf. Grundsolide und bodenständig - Genossenschaften sind kaum das Biotop für riskante Gewinnmaximierer. Prahst: "Die Genossenschaft ist vermutlich stabiler als jede andere Rechtsform - seit den 1950er Jahren war die Insolvenzquote der Genossenschaften stets die geringste". Als Ursprung sieht er die Lockerung des Genossenschaftsgesetzes im Jahre 2006.

Raiffeisen war der erste Genossenschafter

Miteigentümer sein und mitbestimmen - diese Idee geht weitgehend auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurück, der 1847 im Westerwald den ersten Hilfsverein für die notleidende ländliche Bevölkerung gründete. Auch in Sachsen und England gab es ähnliche Initiativen. Als "anonyme Heinzelmännchen" sieht sich das HIS, das sich als Selbstversorgungseinheit seiner Mitglieder versteht. In der Öffentlichkeit ist das Softwarehaus der Universitäten in der Tat kaum bekannt - obwohl es in Hannovers Anzeiger-Hochhaus recht prominent in einem der ältesten Medien-Zentren der Stadt untergebracht ist. Die Umwandlung in eine Genossenschaft soll eine stärkere Bindung der Universitäten an den IT-Dienstleister garantieren. Walters Vorstandskollege Rudolf Becker ist Kanzler der Fachhochschule Kaiserslautern und ebenfalls nur im Nebenjob für das HIS tätig. Wenn man von einer Idee durchdrungen sein, sagt er, müsse man sie auch konsequent umsetzen. Er tat es: "Das erste, was wir nach der Umwandlung gemacht haben, war der Wechsel unserer Hausbank - wir sind jetzt Kunden bei einer Genossenschaftsbank."

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