03.09.2014 | Neue BIP-Berechnung

Kiffen für die Wirtschaftsleistung

Auch der Drogenkonsum findet Eingang in das Bruttoinlandsprodukt.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Eine Umstellung der Methode zur Ermittlung der Wirtschaftskraft lässt das Bruttoinlandsprodukt steigen. Auch Drogenhandel und Tabakschmuggel tragen nun dazu bei. Die neuen Standards gelten europaweit - und sie sind umstritten.

Es klingt bizarr, trifft aber zumindest zum Teil zu: Auch Dealer und Schmuggler steigern ab sofort die deutsche Wirtschaftsleistung. Eine EU-weite Umstellung der Berechnung macht das möglich. Die neuen Regeln gelten verbindlich ab 1. September. Fragen und Antworten zur neuen Berechnungsmethode.

Was ist das Neue an der Methode?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als wichtigster Gradmesser der Wirtschaft soll den Wert aller erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen eines Landes in einem bestimmten Zeitraum erfassen. Dazu gehören alle Bereiche, der private Konsum, Investitionen, Export und Import sowie die Ausgaben des Staates. In der EU gelten ab sofort neue einheitliche Standards: Nun fließen in die BIP-Zahlen auch Forschungsausgaben und der Kauf von Waffen als Investitionen ein. Zudem berücksichtigen die Statistiker Drogenhandel und Zigarettenschmuggel als Schätzung. Prostitution und Schwarzarbeit erhöhen die deutsche Wirtschaftsleistung schon länger, fortan gilt das europaweit. Zahlen der letzten Jahrzehnte werden überarbeitet.

Welchen Sinn soll das haben?

Ziel ist es, die statistischen Daten international vergleichbarer zu machen. Derzeit werden bestimmte Positionen unterschiedlich bewertet. So gibt es zum Beispiel Länder, in denen Drogen verboten sind, aber Alkohol erlaubt ist - ebenso wie Staaten, in denen es umgekehrt ist. In manchen europäischen Ländern sind nur bestimmte Drogen verboten, andere dagegen legal. Dies machte es bisher schwieriger, BIP-Zahlen zu vergleichen. "Mit der internationalen Vergleichbarkeit der Daten haben wir einen großen und wichtigen Fortschritt erzielt", sagt Expertin Irmtraud Beuerlein vom Statistischen Bundesamt.

Wie wirkt sich die Neuberechnung auf die deutschen Zahlen aus?

Insgesamt verändern sich die Wachstumsraten seit 1991 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur geringfügig. Die Jahresraten weichen um bis zu 0,3 Prozentpunkte von den bisherigen Ergebnissen ab. Die größte Korrektur betrifft den Konjunktureinbruch im Jahr 2009 infolge der Finanzkrise: Die Rate wurde von minus 5,1 Prozent auf minus 5,6 Prozent korrigiert. Das deutsche BIP-Niveau als solches erhöht sich jedoch um rund 3 Prozent. So erwirtschaftete Deutschland etwa im Jahr 2013 der Neuberechnung zufolge ein BIP von rund 2,81 Billionen statt 2,74 Billionen Euro. Im Durchschnitt aller EU-Länder soll das BIP durch die neue Methode um 2,4 Prozent steigen.

Kommt das wirklich alles durch Dealer und Schmuggler?

Nur zu einem ganz geringen Teil. Hauptgrund für den Zuwachs ist, dass Aufwendungen für Forschung und Entwicklung als Investitionen statt wie bisher als Vorleistung verbucht werden. Dies macht laut Bundesamt etwa 70 Prozent des BIP-Anstiegs aus. Um den Drogenhandel und den Tabakschmuggel einzurechnen, müssen sich die Statistiker auf Modelle verlassen. Nach Berechnungen der Wiesbadener Behörde dürfte dieser Posten nur knapp 0,1 Prozentpunkte des Gesamteffekts ausmachen.

Welche Auswirkungen hat die Umstellung der Daten noch?

Viele Finanzminister dürften frohlocken - vor allem diejenigen aus Ländern mit maroden Staatsfinanzen. Denn mit dem höheren BIP-Niveau sinken die Schuldenstands- und Defizitquoten, also das Verhältnis von Staatsschulden und Neuverschuldung zur Wirtschaftsleistung. Das ist bedeutend etwa für die europäischen Maastricht-Regeln. Nach Angaben der Commerzbank sinken die Schuldenquoten wegen der neuen Methodik zwischen 1,4 Prozentpunkten in Spanien und 2,5 Prozentpunkten in Belgien, Österreich und den Niederlanden. Die Defizitquoten dieser Länder gehen um bis zu 0,2 Punkte zurück. Bundesamt-Präsident Roderich Egeler stellt aber klar: «Die Überarbeitung ist nicht politisch gefordert, sondern sie folgt neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.» Zudem werde auch der Schuldenstand neu berechnet. Allerdings könnten die Folgen durchaus politisch relevant sein.

Was halten Kritiker von der Neuberechnung?

In der EU-Verordnung zu der Neuregelung ist zu lesen, der Kauf von Kriegsschiffen, Militärflugzeugen, Panzern oder Raketenträgern gelte künftig als Investition. Begründung: Militärische Waffensysteme dienten der Friedenssicherung. Dass Waffen auch zerstören können und Wohlstand verringern, bleibt außen vor. Der Ökonom Lüder Gerken, Vorsitzender der Stiftung Ordnungspolitik und des Centrums für Europäische Politik, kritisierte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung", das BIP werde zu einem "noch fragwürdigeren Maß". Schon das bisherige Konzept sei problematisch: "Sogar die Explosion eines Atomkraftwerks wirkt sich segensreich für das Wirtschaftswachstum aus."

Wer hat sich die neue Methode ausgedacht?

Das neue System beruht auf dem "System of National Accounts" (SNA) der Vereinten Nationen. Es soll die internationale Vergleichbarkeit der Ergebnisse in allen UN-Mitgliedstaaten sicherstellen und gleichermaßen in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern angewandt werden. 1996 beschloss der Europäische Rat, die Berechnungsmethode auf Basis des SNA zu übernehmen. Die USA, Kanada oder Australien haben die Revision schon umgesetzt.

Schlagworte zum Thema:  Bruttoinlandsprodukt, BIP

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