10.07.2014 | Investoren aus China

Der chinesische Drache hat Appetit

Chinesische Investoren entdecken deutschen Mittelstand.
Bild: Haufe Online Redaktion

Investoren aus dem Reich der Mitte interessieren sich zunehmend für deutsche Mittelständler und bekannte Firmen-Namen. Besonders beliebt bei den Käufern sind Firmen aus dem Chemiebereich und dem Fahrzeug- und Maschinenbau.

Ein chinesischer Investor - bei einem schwäbischen Traditionsunternehmen? Was anderen Firmenchefs Angst einjagt, ist für Andreas Ditsche kein Problem. Dem Chef des Winkelschleifer-Herstellers Flex Elektrowerkzeuge GmbH waren die Ausländer lieber als ein weiterer Finanzinvestor. Die Chinesen hätten Flex weiter nach vorne gebracht, sagt er. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betont auf ihrer China-Reise, Deutschland sei offen für chinesische Investoren. Sie fordert aber zugleich gleichberechtigten Zugang für deutsche Investoren auf dem chinesischen Markt.

Produktion zurück nach Deutschland geholt

Im vergangenen Herbst hatte der chinesische Elektrowerkzeughersteller Chervon die Firma in Steinheim an der Murr komplett übernommen. Dieser sei bislang vor allem als Zulieferer für andere Hersteller tätig gewesen, berichtet Flex-Chef Ditsche. Nun habe Chervon zum ersten Mal eine Marke im Profibereich etabliert und damit einen entsprechenden Marktzugang. Ditsche sieht in dem Einstieg viele Vorteile. "Durch Chervon sind wir näher am chinesischen Markt." Gleichzeitig betont er, dass keine Verlagerung der Produktion geplant sei. Flex macht rund 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr. 2014 solle der Erlös "deutlich zweistellig" zulegen. "Wenn man in China fertigt, kann man beim Preis etwas aggressiver agieren." Durch den Einstieg des Partners ist auch Produktion zurück nach Steinheim geholt worden. "Früher ist der Langhalsschleifer Giraffe bei einem Lieferanten in China gefertigt worden." Zukünftig wollen beide Unternehmen gemeinsam entwickeln. "Der Mutterkonzern hat 300 Konstrukteure. So viel Mitarbeiter hat Flex insgesamt."

China will nicht die Werkbank der Welt sein

Deutsche Unternehmen sind in China seit Jahren aktiv vor Ort. Die Investitionen aus dem Reich der Mitte nehmen aber hierzulande erst langsam Fahrt auf. Besonders beliebt bei den Käufern sind Firmen aus dem Chemiebereich und dem Fahrzeug- und Maschinenbau. Dabei haben die Chinesen ihre Strategie geändert. Sie engagieren sich nicht mehr nur bei insolventen Unternehmen. Diese Wende ist seit dem Einstieg von Sany Anfang 2012 bei dem Betonpumpenhersteller Putzmeister erkennbar. In einer Analyse der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung heißt es, Ziel seien häufig Unternehmen, die in sehr speziellen Marktsegmenten Weltmarktführer seien, sogenannte Hidden Champions. Denn China will schon länger nicht mehr die verlängerte Werkbank der Welt sein. Deshalb interessieren sich die Investoren aus Asien immer mehr für Mittelständler oder bekannte Marken. Käufer aus dem Reich der Mitte verfolgen dabei unterschiedlichste Interessen: Sie wollen selber im Ausland expandieren und sich neue Märkte erschließen, erläutert Yi Sun von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Zudem verfolgten sie das Ziel, sich verstärkt als Innovatoren zu positionieren und benötigten dazu den Zugriff auf europäisches Know-how.

25 Übernahmen im vergangenen Jahr

Noch tritt China verhalten als Investor in Deutschland auf. Unternehmen aus dem Reich der Mitte hätten nur knapp eine Milliarde Euro in der größten Volkswirtschaft Europas investiert, beklagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Dagegen engagierten sich mehr als 2.500 deutsche Firmen in China mit fast 40 Milliarden Euro. Auf den ersten Blick mutet das Investitionsvolumen der Chinesen gering an, es gingen bei den Transaktionen "nicht Milliardensummen über den Tisch", erklärt Oliver Emons von der Hans-Böckler-Stiftung. Im vergangenen Jahr zählte Ernst & Young insgesamt 25 Übernahmen, sieben davon in Baden-Württemberg. Die heimische Wirtschaft dürfte von dem Interesse chinesischer Unternehmen am Standort Deutschland stark profitieren, zeigt sich Yi Sun überzeugt. Immerhin kämen sie hierher, um zu investieren. Und da die Regierung in Peking die Vorschriften für Auslandsaktivitäten gelockert habe, würden sie zukünftig in Deutschland häufiger den Zuschlag bekommen.

Mitbestimmung nicht in Gefahr

Generell haben die Investoren einen guten Ruf - auch auf der Arbeitnehmerseite: "Sie sind in aller Regel eher längerfristig orientiert und nicht auf kurzfristige Gewinnmaximierung und Mitnahmeeffekte aus", erklärt Roman Zitzelsberger, Chef der baden-württembergischen IG Metall. Die Mitbestimmung sehe er in diesen Betrieben nicht grundsätzlich in Gefahr. Und Ditsche paukt unterdessen mit einer kleinen Gruppe von Flex-Mitarbeitern regelmäßig Chinesisch, um eines Tages sich mit seinem neuen Eigentümer in dessen Sprache wenigstens etwas unterhalten zu können.

>> Lesen Sie auch: Chinas Drache entdeckt den deutschen Mittelstand

Schlagworte zum Thema:  Firmenübernahme, China, Investor

Aktuell

Meistgelesen