14.03.2016 | Fachkräftemangel

Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus

Das Handwerk sucht händeringend Nachwuchs.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Handwerk hat in Deutschland immer noch den sprichwörtlichen goldenen Boden. Doch die vielfältige Branche mit den vielen kleinen Betrieben zieht bei der Rekrutierung des Nachwuchses häufig den Kürzeren.  

Trotz glänzender Geschäfte geht dem Handwerk der Nachwuchs aus. Geschäftlich haben die Betriebe 2015 das beste Jahr seit der Einheit erlebt, doch immer mehr Lehrstellen bleiben unbesetzt und die Mannschaft schrumpft. In der Folge können die Betriebe nicht wie geplant expandieren und Privatleute müssen darum bangen, ob sie für Kleinaufträge überhaupt noch geeignete Handwerker finden. Der schleichende Personalniedergang hat bereits vor 20 Jahren eingesetzt, als die Betriebe noch über 600.000 Lehrlinge hatten. 2014 sind sie bei 370.000 angekommen, Tendenz weiter fallend. Jedes Jahr bleiben Tausende Lehrstellen unbesetzt, weil es zu wenig Bewerber gibt. Immer noch rekrutiert das Handwerk in Konkurrenz zur Industrie seinen Nachwuchs vor allem aus dem schrumpfenden Reservoir der Haupt- und Realschüler, ihr Anteil macht rund 85 Prozent der Berufsanfänger aus. Die Masse der Gymnasiasten strebt hingegen an die Hochschulen.

Handwerk legt Qualifizierungsprogramm auf

Es gebe eine zahlenmäßig nicht zu kleine Gruppe Jugendlicher, die wenig Neigung zu einer langwierigen Ausbildung zeige, sagt der Sprecher des Zentralverbandes des Handwerkes (ZDH), Alexander Legowski. Trotz vielfältiger Förderangebote seien sie nur schwer so weit zu qualifizieren, dass sie in der Berufsschule mitkämen. Die Betroffenen erliegen umso schneller den Verlockungen besser bezahlter Kleinjobs, die aber nicht für ein dauerhaftes Auskommen reichen. Damit dies nicht auch bei den aktuell angekommenen Flüchtlingen passiert, hat das Handwerk gemeinsam mit den Arbeitsagenturen ein Programm aufgelegt, um 10.000 junge Menschen auf eine Ausbildung in Deutschland vorzubereiten. Das Geschäft brummt jedenfalls wie schon lange nicht mehr. Die Umsatzsteigerung von 2,1 Prozent bei den zulassungspflichtigen Gewerken und von 2,2 Prozent bei allen Betrieben bedeutet laut ZDH 11,7 Milliarden Euro zusätzliches Geschäft im vergangenen Jahr.

Auftragsbestand von 7 bis 8 Wochen

Die Handwerker profitieren von der anhaltend guten Konsumstimmung, die auf einem stabilen Arbeitsmarkt und niedrigen Zinsen fußt. "Viele Betriebe haben einen Auftragsbestand von sieben oder acht Wochen. Das ist für das Handwerk ein hervorragender Wert", sagt ZDH-Sprecher Legowski. Mit einem Plus von 6,0 Prozent hat 2015 vor allem die Kfz-Branche nach einigen dürren Jahren deutlich zugelegt. Für die privaten Kunden bedeutet die hohe Auslastung, dass sie für ihre Kleinaufträge immer schwerer qualifizierte Handwerker finden. Am ehesten über Mund-zu-Mund-Propaganda oder einschlägige Internetbörsen finden sich durchaus noch Menschen, die aus dem Kofferraum ihres Autos heraus alle möglichen Arbeiten erledigen - jedoch oft ohne Meisterbrief und ohne klare Gewährleistung. Doch Fachleute wie Klaus Müller vom Göttinger Institut für Mittelstand und Handwerk erwarten, dass ihre Zahl in den kommenden Jahren zurückgeht. Gründe sind steigende Ausbildungsumlagen und die gute Konjunktur, die manch Solo-Selbstständigen wieder in ein Anstellungsverhältnis lockt.

Die Gesundheitsbranche boomt

Dass es auch anders geht, zeigt die Gesundheitsbranche. Die dort angesiedelten Handwerksbetriebe haben im vergangenen Jahr 1,2 Prozent mehr Menschen beschäftigt als noch 2014. Der Umsatz ist um 3,7 Prozent gestiegen. In einer alternden Gesellschaft gehört Berufen wie Optikern, Hörgerätemechanikern oder Orthopädiemechanikern die Zukunft. "Diese Berufe sind auch für Abiturienten und junge Frauen attraktiv", ist Legowski überzeugt. Die Auszubildenden seien in der Regel hochmotiviert und gingen schnell weiter zur Meisterprüfung. 25-Jährige mit Meistertitel und Filialverantwortung seien keine Seltenheit.

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Schlagworte zum Thema:  Handwerk, Berufliche Ausbildung, Fachkräftemangel

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