04.04.2013 | Existenzgründung

Kein Ende der Gründerflaute in Sicht

Immer weniger Menschen machen sich selbstständig.
Bild: Michael Bamberger

Der Pioniergeist in der deutschen Wirtschaft schwächelt wie lange nicht. Nach einem Negativrekord bei den Existenzgründungen im vergangenen Jahr ist kein Ende der Flaute in Sicht. Das schürt auch Sorgen um den deutschen Mittelstand.

Der deutschen Wirtschaft gehen die Gründer aus. Konjunktursorgen und Euro-Schuldenkrise machen das Klima für Unternehmensgründungen auch zum Start ins Frühjahr frostig. Weil zudem die Chancen auf dem Arbeitsmarkt noch immer gut sind, verlassen immer weniger Menschen ausgetretene Pfade und wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Experten bereitet die Entwicklung zunehmend Sorgen: "Wenn wir in Zukunft einen starken Mittelstand haben wollen, dann brauchen wir Existenzgründungen, die nicht nur aus der Not geboren sind, sondern auch aus Pioniergeist", sagt Marc Evers vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Mehr Auflösungen als Gründungen 

Nur noch 346.400 gewerbliche Existenzgründungen zählte das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn im vergangenen Jahr, das waren fast 14 Prozent weniger als 2011 und zugleich der tiefste Stand seit der Wiedervereinigung. Dabei beschleunigte sich der Abwärtstrend noch in der zweiten Jahreshälfte. Auch unter dem Strich führte das zu einem kräftigen Minus: 2012 wurden rund 24.100 Firmen mehr aufgelöst, als neu an den Start gingen. Seit Mitte der 1970er Jahre war das erst der zweite Negativsaldo, heißt es bei dem Institut.

Nur sechs Prozent Gründungen im High-Tech-Bereich 

Problematischer noch als die nackten Zahlen sehen die Experten aber die mangelnden Perspektiven vieler Existenzgründungen. Vor allem viele Solo-Gründer aus dem Dienstleistungssektor kommen ohne klare Geschäftsidee und Zielgruppe zu den Beratungsstellen der Industrie- und Handelskammern, sagt Experte Evers. Das Scheitern ist dann häufig programmiert. Zwar gelte: "Auch ein Nagelstudio ist innovativ, wenn es am Ort noch kein Nagelstudio gibt. Aber das dritte Nagelstudio in der Straße ist dann eben nur noch begrenzt innovativ." Vielversprechende Ideen aus Zukunftsbranchen wie Biotechnologie, Medizintechnik oder IT seien dagegen rar gesät: "Gerade einmal sechs Prozent aller Existenzgründungen sind dem Hightech-Bereich zuzuordnen. Das ist sehr wenig."

Fehlender Gründerzuschuss 

Ein Grund für die Flaute dürfte auch sein, dass Arbeitslose seit Anfang 2012 keinen Rechtsanspruch mehr auf einen Gründerzuschuss von der Bundesagentur für Arbeit haben. Zu spüren bekam das beispielsweise auch Existenzgründer-Coach Harald Dill aus München, der in der Vergangenheit viele Arbeitsuchende auf dem Weg in die Selbstständigkeit beraten hat. "Das ist bei Null gerade", sagt Dill, der sich nach einer Tätigkeit in einer Unternehmensberatung selbst vor zwölf Jahren mit der eigenen Firma an den Markt gewagt hatte. Nun ist er froh, dass er sich mit Coaching für Führungskräfte ein zweites Standbein geschaffen und kürzlich einen größeren Auftrag an Land gezogen hat.

Ökonomische Bildung in Schulen gefordert 

Generell braucht Mut, wer mit einem eigenen Unternehmen an den Start geht - auch den Mut zum Scheitern, und damit ist es im sicherheitsverliebten Deutschland nicht unbedingt weit her. Laut Global Entrepreneurship Monitor belegt die deutsche Wirtschaft in puncto Gründungsneigung im Vergleich der Industrienationen einen der hinteren Ränge. Im Zusammenspiel mit dem Altern der Bevölkerung könnte das der deutschen Wettbewerbsfähigkeit mittelfristig empfindlichen Schaden zufügen, mahnt DIHK-Experte Evers. Deshalb müsse der Unternehmergeist auch jungen Leuten stärker nahegebracht werden. "Wir müssen wirklich in ganz Deutschland flächendeckend ökonomische Bildung in den Schulen bekommen." Nur dann könne Deutschland zu einem echten Gründerland werden.

Schlagworte zum Thema:  Existenzgründung, Unternehmensgründung

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