| Arbeitsmarkt

5 Thesen zur Flüchtlingsintegration - und die Fakten

Die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge kann bis zu 10 Jahre dauern.
Bild: Haufe Online Redaktion

Sie sind oft jung, doch nur wenige von ihnen bringen eine Ausbildung mit. Trotzdem hoffen viele Flüchtlinge auf einen gut bezahlten Job in Deutschland. Wie groß ihre Chancen am Arbeitsmarkt sind, darüber sind sich auch Experten nicht immer einig. Eine Analyse gängiger Aussagen zum Thema Flüchtlinge und Arbeitsmarkt.

1. Eine Million Flüchtlinge im vergangenen Jahr - die kann doch selbst der robuste deutsche Arbeitsmarkt nicht aufnehmen.

Doch, sagen etliche Forscher. Derzeit suchen deutsche Firmen - vor allem der Dienstleistungssektor - nämlich so viele Arbeitskräfte wie nie zuvor. Allein im Januar gab es laut Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) 581 000 offene Stellen, 96 000 mehr als vor einem Jahr. Und es entstünden dank der guten Wirtschaftslage ständig neue Jobs. Im Januar wurden 757 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mehr gemeldet als Anfang 2015. Zudem: Nur ein Teil der eingereisten Flüchtlinge ist im arbeitsfähigen Alter. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht davon aus, dass in diesem Jahr etwa 380.000 Asylbewerber auf den Arbeitsmarkt drängen werden. Bis 2018 dürfte ihre Zahl dann auf 640.000 steigen.

2. Aber trotzdem werden viele Flüchtlinge nicht rasch Arbeit finden.

In der Tat ist nach Prognosen von Arbeitsmarktforschern mit schnellen Erfolgen bei der Vermittlung arbeitsloser Asylbewerber eher nicht zu rechnen. Bevor ein Flüchtling nicht richtig Deutsch kann, braucht man mit der Jobvermittlung nicht zu beginnen, räumt die BA selbst ein. IAB-Analysen zur Arbeitsmarkt-Integration von vor 15 Jahren nach Deutschland gekommenen Flüchtlingen zeigen: Im ersten Jahr nach ihrer Ankunft fanden nur 8 Prozent einen Job. Nach fünf Jahren stieg ihr Anteil auf 50, nach zehn Jahren auf 60 Prozent. Ein gutes Viertel der Flüchtlinge war aber auch nach 15 Jahren ohne Arbeit - das entsprach etwa dem Schnitt der ausländischen Bevölkerung in Deutschland.

Hoffnungen auf eine sehr rasche Integration ins Berufsleben dämpft auch der österreichische Integrationsforscher August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) in Wien. Er beruft sich dabei auf eigene Analysen mit Flüchtlingen, die in Österreich Zuflucht suchten. Als Beispiel führt er aus Russland geflüchtete Tschetschenen an: Von jenen, die zwischen 2002 bis 2005 ins Land gekommen seien, hätten zwischen 2008 und 2010 rund 45 Prozent eine Arbeit gefunden.

3. Viele Flüchtlinge treten in direkte Konkurrenz zu schlecht ausgebildeten deutschen Langzeitarbeitslosen.

Auch Wissenschaftler sehen das Risiko solcher "Verdrängungseffekte", wie etwa das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Analyse feststellt. Andererseits, so machen die DIW-Experten deutlich, sprächen ältere Untersuchungen zum Beispiel aus Dänemark gegen die These der Verdrängung. In dem skandinavischen Land sei zwischen 1991 und 2008 untersucht worden, ob gering qualifizierte Einheimische von Folgen der Einwanderung betroffen waren. Das Ergebnis: Dänen mit relativ wenig Know-how wechselten angesichts der auf den Arbeitsmarkt drängenden Migranten sogar in "produktivere Jobs". Ihnen habe durch die Zuwanderer mithin weder Lohndumping gedroht, noch hätten sie ihren Arbeitsplatz verloren.

4. Insgesamt aber dürften Flüchtlinge - nicht zuletzt wegen der von ihnen verursachten Sozialkosten - die deutsche Wirtschaft belasten.

Es gibt hier kein einheitliches Bild. Nach DIW-Untersuchungen trifft diese Aussage allenfalls auf die erste Zeit nach der Ankunft zu. Mittel- bis langfristig dürften die Flüchtlinge dagegen für positive wirtschaftliche Effekte sorgen, ergab eine Simulation der Forscher. Wie schnell die deutsche Wirtschaft von Flüchtlingen profitieren wird, hänge letztlich davon ab, wie viele Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter nach Deutschland kommen und wie schnell es gelingt, sie in einen möglichst qualifizierten Job zu vermitteln. Bei ungünstigen Annahmen - dauerhaft geringe Deutschkenntnisse und geringe Qualifikation - könne dies zwar erst nach zehn Jahren der Fall sein, im günstigsten Fall aber auch schon nach drei Jahren.

5. Der positive wirtschaftliche Effekt der Flüchtlinge ist nur klein.

Wieder spielt der Bildungs- und Ausbildungsgrad eine Schlüsselrolle. Treffen die moderat optimistischen Annahmen des DIW zu, dann würde die deutsche Wirtschaftsleistung dank der Flüchtlingszuwanderung bis zum Jahr 2025 um 0,5 Prozent höher liegen als im Jahr 2015, bis zum Jahr 2030 um 0,9 Prozent. Nicht enthalten sind dabei die von beschäftigten Flüchtlingen bezahlten Sozialbeiträge. Sollte die Integration dagegen deutlich langsamer verlaufen, würde das zusätzliche Wirtschaftswachstum erst Ende der 2020er spürbar. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 wuchs Deutschlands Bruttoinlandsprodukt um 1,7 Prozent. In die DIW-Modellrechnung fließt neben dem privaten Konsum der Flüchtlinge auch die durch ihren Arbeitseinsatz geschaffene Mehrproduktion ein - abzüglich direkter Kosten für die Unterbringung, Versorgung und Integration von Asylbewerbern.

>> Das könnte Sie auch interessieren:

Schlagworte zum Thema:  Arbeitsmarkt, Integration, Flüchtlinge

Aktuell

Meistgelesen