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Interview: Finanzierungsspielräume werden enger

Die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten kann im Jahr 2012 zu Finanzierungsengpässen besonders für mittelständische Unternehmen führen und sogar eine Insolvenzwelle auslösen. Auf welche Risiken sich kleine und mittlere Betriebe einstellen müssen und welche Finanzierungsmöglichkeiten sich im kommenden Jahr bieten, erläutert Holger Köthe, Sanierungsexperte und Vorstandsmitglied der Management Team AG in München, in einem Gespräch.

Herr Köthe, vor welchen Herausforderungen stehen mittelständische Unternehmen bezüglich der Finanzierung im Jahr 2012?

Holger Köthe: Der Mittelstand wird sich 2012 vor allem zwei Herausforderungen stellen müssen. Das ist zum einen der wirtschaftliche Abschwung, mit dem Finanzexperten für das kommende Jahr rechnen. Diese Prognose ist zwar noch nicht in wirtschaftlichen Daten begründet, aber ein verhaltener Pessimismus ist deutlich zu spüren.

Zweitens wirkt die Finanzkrise immer intensiver auf die Banken und die gesamte Finanzierungswirtschaft ein. Strukturveränderungen führen dazu, dass die Banken ihr Geschäft zunehmend verschlanken und neu strukturieren. Firmen, die sich 2012 in einer Krisensituation befinden werden, müssen sich deshalb auf ein sehr schwieriges Finanzierungsumfeld einstellen. Beide Trends können, je nach Intensität der Krise, eine neue Insolvenzwelle in 2012 auslösen.

Wie kommt es zu diesen Strukturveränderungen bei den Banken und wie wirkt sich die neue Situation konkret auf den Mittelstand aus?

Holger Köthe: Die Banken müssen aufgrund der Entwicklung auf den Finanzmärkten ihr gesamtes Geschäft noch konsequenter ausrichten. Das bedeutet vor allem, dass sie ihr Eigenkapital nur in Geschäfte investieren, die eine ausreichende Rentabilität bei gleichzeitig geringen Risiken versprechen. Insofern werden sich einige Banken aus dem Mittelstand zurückziehen, beziehungsweise nur noch Firmen mit guten Bonitäten finanzieren. Jüngste Veröffentlichungen verschiedener Banken weisen bereits in diese Richtung.

Diese Veränderungen werden bei Unternehmen in Krisensituationen besondere Wirkung zeigen. Gerät ein Unternehmen in die Krise, so unterstützen so genannte „Restrukturierungsabteilungen“ der Banken, in denen Spezialisten arbeiten, das Unternehmen aktiv auf seinem Restrukturierungskurs. Sind die Aussichten des Unternehmens jedoch aussichtslos oder aber das zu finanzierende Kreditvolumen für die Banken zu unbedeutend, so werden diese Kunden an so genannte „Abwicklungsabteilungen“ übergeben. Dort geht es nur noch darum, so viel Geld wie möglich zurückzuholen und nicht mehr um eine Fortführung der Finanzierung. Das eigentlich Problematische ist nun, dass einige Banken damit begonnen haben, ihre Grenze für eine „aktive Betreuung zur Fortführung“ signifikant hoch zu setzen. Das wird sich für den Mittelstand deutlich negativ bemerkbar machen, da diese bisherigen Schutzfunktionen nur mehr bei größeren Finanzengagements greifen werden. Wird ein Unternehmen an die Abwicklungsabteilung weitergereicht, ist das meist der erste Schritt in Richtung Insolvenz.

Krisenerprobte Unternehmen verlassen sich aus gesammelter Erfahrung darauf, dass die Banken sie im Zweifelsfall unterstützen werden. Unternehmer sollten auf keinen Fall von alten Gewohnheiten ausgehen, da diese Mechanismen in 2012 nicht mehr greifen könnten und sie überraschend  in der Abwicklungsabteilung landen.

Was raten Sie als Sanierungsexperte den Unternehmen, die mit einer Krise rechnen?

Holger Köthe: Grundsätzlich sollten sie zunächst Risiko- bzw. Stressszenarien für die nächsten Jahre aufstellen. Diese Überlegungen sind wichtig, um rechtzeitig alle Möglichkeiten der Finanzierung auszuloten. Ich kann nur dazu raten, die Finanzierung zunehmend bankenunabhängiger zu gestalten. Je größer ein Unternehmen ist, desto mehr Möglichkeiten hat es, sich auch direkt am Kapitalmarkt zu finanzieren. Auch Private Equity oder Investorenlösungen sollte man in Betracht ziehen, um seine Finanzierung breiter aufzustellen und etwaigem Druck von den Banken gegebenenfalls begegnen zu können.

Ferner sollten alternative Finanzierungsinstrumente, sei es zum Beispiel Leasing oder Factoring, in die Finanzierung frühzeitig eingebaut werden. Denn wenn man erst in der Krise steckt, wird die Umsetzung neuer Bausteine viel schwieriger und die Zeit läuft einem davon.

Der beste Zeitpunkt für die Neuausrichtung der Finanzierung ist also genau jetzt?

Holger Köthe: Mitte 2011 gab es recht gute Konditionen für Finanzierungen, seit Herbst verschlechtern diese sich jedoch. Wer jetzt Kreditverträge verhandelt, muss sich bereits mit deutlich schlechteren Konditionen auseinandersetzen. Diejenigen, die 2012 in der Krise sein werden und einen neuen Kredit benötigen, werden voraussichtlich mit noch höheren Zinslasten konfrontiert sein. Das führt dann zu einer Zangenbewegung, da in einer ohnehin schwierigen Situation auch noch mit höheren Refinanzierungskosten gerechnet werden muss.

Die Unternehmen, denen es gut geht, sollten daher in guten Zeiten ihre Finanzierung möglichst langfristig ordnen, dann erhalten sie in der Regel bessere Konditionen. Wenn es einem Unternehmen erst einmal schlecht geht, muss es um seine Finanzierung kämpfen, dabei zusätzlich schlechtere Konditionen stemmen und hohe Auflagen hinnehmen.

Welche Form der Finanzierung eignet sich denn konkret für den Mittelstand?

Holger Köthe: Als klassische „Neben-Finanzierungsmöglichkeiten“ haben sich inzwischen Leasing und Factoring bewährt. Diese bankenunabhängigen Lösungen sollten verstärkt genutzt werden. Darüber hinaus können sich die etwas größeren Unternehmen auch direkt am Kapitalmarkt beteiligen. In jüngster Vergangenheit wurden sogenannte Mittelstandsanleihen angeboten, die man direkt an einigen deutschen Börsen platzieren konnte. Diese Anleihen liegen im Trend, sind aber erst ab einem Kreditvolumen von etwa 15 bis 20 Millionen Euro zugänglich bzw. wirtschaftlich sinnvoll.

Auch dieses Modell hat u.a. aufgrund seiner Endfälligkeit seine Schattenseiten, insofern sollte man seine Finanzierung nicht nur hierauf stützen. Zusammengefasst sollten Mittelständler ihre Eigenkapitalbasis stärken, möglichst ausgewogen die verschiedenen Finanzierungsbausteine wählen und die Bankenfinanzierung dabei mit abnehmender Tendenz in Betracht ziehen. Das Ziel muss es sein, sich breit aufzustellen, um möglichst unabhängig agieren zu können.

Was bedeutet das für die internen Strukturen eines Unternehmens?

Holger Köthe: Jedes Unternehmen sollte in seine Finanzabteilung investieren und sich personell gut aufstellen. So werden Kapazitäten gesichert, um mit all diesen Instrumenten auch umgehen zu können. Darüber hinaus muss heute zunehmend mehr Eigen- und Fremdkapitalpflege betrieben werden. Das ist im Mittelstand größtenteils noch gar nicht angekommen. Wer sich nicht gut aufstellt und nicht gut kommuniziert, wird sich schwerer tun, Kredite zu bekommen.

Viele mittelständische Unternehmen müssen sich dazu personell weiterentwickeln und sich nach außen mehr öffnen, sonst werden sie nicht wahrgenommen und bekommen letztendlich im Wettbewerb um Kapital kein Geld. Profis, die der Geschäftsführung in diesem Zusammenhang den Rücken freihalten, sind aktuell sehr begehrt. Deshalb kann ich nur raten, sich schnell personell aufzurüsten, damit man im Wettbewerb gut aufgestellt ist.

Welche Möglichkeiten bestehen im Bereich der Kreditfinanzierung durch Banken?

Holger Köthe: Die klassischen Finanzierungen sind die sogenannten bilateralen Finanzierungen, bei denen man unterschiedliche Kreditverträge mit verschiedenen Hausbanken abschließt.

Sobald der Finanzierungsbedarf steigt, kommt man heute jedoch nicht darum herum, sogenannte Konsortialkredite zu schließen. Bei der Konsortialfinanzierung wird ein Vertrag mit einer Bank verhandelt, die dann gemeinsam mit dem Unternehmen andere Banken für diesen Vertrag einwirbt und beteiligt. Ein Konsortialkreditvertrag ist zunächst ein aufwendiger Prozess, der sich in der Regel aber mittelfristig auszahlt. Da sich dabei die Banken auch untereinander verpflichten, hat man eine stabile Finanzierung.

Wer sich hierauf nicht einstellt und keine qualifizierten Ressourcen hat, um so einen Vertrag organisieren zu können, wird nur bei guter Bonität Geld bekommen. Wer diese Trends verschläft, der wird insolvenzgefährdet sein und zahlt hohe Finanzierungskosten.

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