28.10.2014 | Zusatzqualifikationen

Unternehmen locken mit "Ausbildung plus"

Zusatzqualifikationen neben der Ausbildung steigern die Chancen.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Manchen Jugendlichen reicht es nicht, nur eine Ausbildung zu machen. Für sie ist es eine gute Idee, parallel zur Ausbildung eine Zusatzqualifikation zu erwerben. Und für die Arbeitgeber ist es eine Möglichkeit, junge Talente an sich zu binden.

Eine Ausbildung zum Industriekaufmann war Lukas Konitzer nicht genug. Formal braucht es dafür einen Hauptschulabschluss. Der 23-Jährige hat jedoch Wirtschaftsabitur. Dass er sich für die Lehre entschied, lag an dem neuen Ausbildungskonzept, das sein Arbeitgeber damals startete. Die Firma Lück in Bocholt suchte einen Jugendlichen für die sogenannte "Ausbildung Kompakt". In vier Jahren können Lehrlinge drei Qualifikationen erwerben: den Industriekaufmann, den Wirtschaftsfachwirt und den Ausbilderschein. "Mit der Kombi bin ich später auf dem Arbeitsmarkt ziemlich gut aufgestellt", sagt Konitzer.

11.500 haben die "Ausbildung kompakt" gewählt

Eine Ausbildung mit integrierter Weiterbildung wie die "Ausbildung Kompakt" machen immer mehr Jugendliche: im Jahr 2009 erwarben rund 10.000 Schulabgänger parallel zu ihrer Lehre eine Zusatzqualifikation, 2011 waren es rund 11.500. Das geht aus Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor. "Eine Zusatzqualifikation macht die Ausbildung auch für Abiturienten interessant", ist sich Klaus Weber sicher, Experte für das Thema beim BIBB. Die Zusatzqualifikation sei ein Plus auf dem Arbeitsmarkt - und deshalb gefragt.

Unterschiedlichste Konzepte

Wie viel das Extra später nützt, hängt aber auch davon ab, was für eine Art Zusatzqualifikation Jugendliche wählen. Unter dem Begriff werden derzeit ganz unterschiedliche Konzepte zusammengefasst. Gemeinsam haben sie, dass Jugendliche parallel zur Lehre eine Weiterbildung machen. Der Umfang der Fortbildung variiert. Die einen machen zum Beispiel einen Sprach- oder Computerkurs bei einem privaten Institut. Die nächsten erwerben eine Qualifikation, die Bestandteil der Ausbildung ist. Dazu zählt zum Beispiel die Zusatzqualifikation Inkasso bei Bürokaufleuten oder der Barmixer bei Restaurantfachleuten. Hier nehmen die Kammern die Prüfung ab, erklärt Fin Mohaupt. Er ist Leiter der Ausbildungsberatung der Handelskammer Hamburg. Schließlich gibt es die Möglichkeit, parallel zur Ausbildung einen Fachwirt oder Meister zu machen. Das ist die Option, die Konitzer nutzt.

Am Wochenende Seminare

Konitzer braucht für Ausbildung und Weiterbildung vier Jahre. Zuerst hat er regulär Industriekaufmann gelernt. Dreieinhalb Tage war er im Betrieb, anderthalb verbrachte er in der Berufsschule. Zusätzlich besuchte er einmal pro Monat am Wochenende Seminare zu Themen wie Teamarbeit oder Zeitmanagement. "Bisher war die Arbeitsbelastung zu schaffen", erzählt er. Nun startet seine Weiterbildung zum Fachwirt. In Zukunft arbeitet er vier Tage im Betrieb - den fünften verbringt er an der Industrie- und Handelskammer in Münster und lernt dort für die Weiterbildung. Sind die Abschlussprüfungen geschafft, darf er selbst ausbilden. Den Vorteil bei der "Ausbildung Kompakt" sieht Konitzer darin, dass er nach der Ausbildung gleich mehrere Abschlüsse in der Tasche hat. Hinzu kommt, dass sein Abschluss genauso viel wert ist, wie ein Bachelor - er aber von Anfang an Geld verdient hat. Schließlich muss er nach der Lehre nicht erst mit dem Arbeitgeber verhandeln, ob der eine Weiterbildung unterstützt. Er hat ihm die Möglichkeit, einen Fachwirt zu machen, von vorneherein eingeräumt.

Doppelbelastung beachten

Doch was erst einmal vernünftig klingt, ist längst nicht in allen Fällen eine gute Idee. «Eine Zusatzqualifikation ist eine Zusatzbelastung», sagt Mohaupt von der Handelskammer. Sie eigne sich vor allem für leistungsstarke und motivierte Jugendliche. Neben einer 40-Stunden-Woche im Betrieb noch eine Zusatzqualifikation zu machen, erfordere Disziplin und Fleiß. Schulabgänger sollten sich vorher in Ruhe überlegen, ob sie die Doppelbelastung schaffen.  Längst nicht jede Zusatzqualifikation ist außerdem so anerkannt wie der Fachwirt. Gerade bei Sprach- und Computerkursen ist es oft schwierig, für Jugendliche und den Ausbildungsbetrieb zu erkennen, wie gut das Angebot des privaten Instituts tatsächlich ist, erläutert Mohaupt.

Erst mal ohne Zusatzausbildung starten

Wer sich für eine Zusatzqualifikation entscheidet, sollte darauf achten, dass sie erst beginnt, wenn Jugendliche schon mindestens ein Jahr im Betrieb sind, rät Mohaupt. So können sie besser einschätzen, ob sie neben der Arbeit noch Energie für eine Weiterbildung haben. Außerdem sollte sie auf jeden Fall einen Zusammenhang zur Lehre haben - nur dann können Jugendliche das Erlernte im Betrieb gleich anwenden. Schließlich ist es wichtig, darauf zu achten, dass Prüfungszeiten bei der Weiterbildung nicht mit denen in der Lehre kollidieren. Im schlimmsten Fall müssen Jugendliche sich sonst zeitgleich auf mehrere Prüfungen vorbereiten. Konitzer gehört zu den Ersten, die die "Ausbildung Kompakt" machen. "Hier und da ruckelt es bei der Umsetzung noch", sagt er. So geriet der Ablauf durcheinander, als er seine Ausbildung von zweieinhalb auf zwei Jahre verkürzen durfte. Trotzdem würde er die Doppelqualifikation wieder wählen: "Das ist anspruchsvoll, und gleichzeitig war es nicht so theoretisch wie ein Studium."

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Schlagworte zum Thema:  Duale Ausbildung, Berufliche Ausbildung

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