24.08.2016 | Flüchtlinge

Lokale Initiativen zeigen, wie Flüchtlings-Integration funktioniert

Oft klappt die Integration in den Arbeitsmarkt über ein Praktikum.
Bild: Pixabay

Erfassung, Unterbringung - und dann? Viele Flüchtlinge wollen möglichst schnell arbeiten. Eine Studie zeigt, dass lokale Initiativen ihnen zu Jobs mit Perspektive verhelfen können. Vielleicht manchmal schneller und besser als die Behörden.

Auf den T-Shirts der neuen Azubis der Berliner Wasserbetriebe stehen humorvolle Slogans wie "Jeder tut wasser kann" und "Leitungssportler". Auch Tadele Brook Biru aus Äthiopien trägt solch ein blaues Hemd, im September beginnt er seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker. Er ist einer von fünf Flüchtlingen, die sich über ein Praktikum qualifiziert haben. Dabei halfen ihm die Caritas und die lokale Initiative "Arrivo", eine Gründung der Handwerkskammer und der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Nach einer neuen Studie könnten solche lokalen Initiativen ein Königsweg bei der Integration durch Arbeit sein.

25 Mitarbeiter, 15 Sprachen

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Bei Arrivo gehe es darum, aus Flüchtlingen Steuerzahler zu machen. Dass die Arbeitsagenturen das allein kaum leisten können, zeigen schon die nackten Zahlen. Bundesweit waren im Juli rund 322.000 Flüchtlinge als arbeitssuchend gemeldet, allein in der Hauptstadt 15.400. Die Berliner Arbeitsagentur hat ein Team von 25 Mitarbeitern für Flüchtlinge auf Jobsuche. Die Kollegen beherrschen zusammen 15 Sprachen. Doch nur zehn Prozent der Flüchtlinge fänden nach den bisherigen Erfahrungen im ersten Jahr eine Arbeit, berichtet Sprecher Christian Henkes. Dabei sei eine sichere und ausreichend bezahlte Arbeit der Dreh- und Angelpunkt für Integration, betont Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. "Das ist das Wie hinter dem Satz 'Wir schaffen das'", ergänzt er. Sein Institut hat deshalb untersucht, wie erfolgreich zehn lokale Initiativen in Berlin, Dortmund, Bebra, Stuttgart, München und dem ländlichen Geisenfeld in Bayern bei der Jobvermittlung für Asylbewerber sein können und die Ergebnisse in Berlin vorgestellt.

Zwei Drittel sind Männer unter 30 Jahren

Mitautor Stephan Sievert geht von 20 bis 50 Prozent Erfolgsquote aus. Deshalb hält er professionelle lokale Initiativen beim Thema Integration durch Arbeit für unverzichtbar, um nicht Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Danach hat nur die Hälfte der Migranten nach fünf Jahren in Deutschland einen Job. Repräsentativ ist die Studie nicht. Doch sie zeigt, wo der Hebel ansetzen kann: Eher nicht im Integrations- oder Sprachkurs, sondern durch die schnelle Vermittlung in Praktika und Helferjobs mit Perspektive. Schlecht sind die Voraussetzungen nicht. Nach Deutschland flüchten zu zwei Dritteln junge Männer unter 30, rechnet Klingbeil vor. Für sie gibt es Interessenten. "Flüchtlinge sind eine Gruppe, die wir gewinnen können", bestätigt Ulrich Wiegand, Geschäftsführer der Berliner Handwerkskammer. Doch er will weder Handlanger noch "Maßnahmen-Hopper" der Behörden. Er will Fachkräfte. Darum lädt die Kammer Willkommensklassen ein und zeigt ihnen, wie ein Handwerker in Deutschland Karriere machen kann. "Da sagen wir dann auch: Guckt mal, was der Meister für ein schickes Auto fährt", sagt Wiegand. Materielle Anreize seien wichtig für Flüchtlinge, die das duale System in Deutschland nicht kennen.

Praktikum als Einstieg

Auch der Äthiopier Tadele Brook Biru, der in seiner Heimat als Koch gearbeitet hat, wollte eine Perspektive. Ende 2013 berichtete Zeitungen über ihn. Er war unter den Flüchtlingen, die nach Berlin marschierten und vor dem Brandenburger Tor in einen Hungerstreik traten. Heute ist Brook Biru 27 und spricht gut deutsch. Vor einem Monat ist er zum zweiten Mal Vater geworden, seine Freundin lernte er in Berlin kennen. Auch sie floh aus Äthiopien. Als Praktikant hat er gelernt, wie Berliner Trinkwasserbrunnen gewartet werden. Nun will Brook Biru in seiner Ausbildung mehr über Kameras, Kräne und Rohre lernen. Er wird gern Handwerker. "Ein Bürojob wär nichts für mich."

Oft prallen Welten aufeinander

"Viele Flüchtlinge kommen mit Berufserfahrung hier her", berichtet Heidi Walter, Leiterin des Kontaktbüros von "Arrivo". Allerdings prallten oft erst einmal Welten aufeinander. "Viele junge Männer verstehen nicht, warum sie drei Jahre ein Handwerk lernen sollen. Manche haben an Autos geschraubt, seit sie 12 sind." Bei Arrivo wird aber erst einmal geschaut, ob die Job-Interessenten morgens pünktlich kommen, ein wenig Deutsch verstehen und wie sie sich in der Übungswerkstatt machen. 120 Flüchtlinge haben so bisher Praktika in Handwerksbetrieben bekommen, rund 80 eroberten sich inzwischen einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. "Mit einer klaren Perspektive klappt das in neun von zehn Fällen", bilanziert Walter.

"Charta der Vielfalt"

Auch die bundesweite Initiative "Charta der Vielfalt", der rund 2.250 Unternehmen und Einrichtungen angehören, setzt auf Praktika. "Wir selbst haben erst mal lernen müssen, wie das ganze Regelwerk rund um Flüchtlinge funktioniert", sagt Ana-Cristina Grohnert, Personalchefin beim Wirtschaftsprüfungsunternehmen Ernst & Young. Inzwischen sei die wichtigste Erkenntnis, dass sich Unternehmen etwas mehr Zeit nehmen müssen, um sich mit Migranten auf Arbeitsprozesse und Zielsetzungen zu verständigen. Aletta Gräfin von Hardenberg, Geschäftsführerin der Charta, ergänzt: "Ich weiß von mehreren DAX-Unternehmen, dass sie in dreistelliger Zahl Flüchtlinge an Bord nehmen." Dass es nach Medienberichten nur 54 sein sollen, gehe an der Realität vorbei.

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Schlagworte zum Thema:  Integration, Arbeitsmarkt, Flüchtlinge

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