22.09.2015 | Neues Pflichtfach

Gewerkschaften kritisieren geplantes Schulfach "Wirtschaft"

In Baden-Württemberg wird "Wirtschaft" in der Schule Pflichtfach.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Mit der Einführung des Schulfachs Wirtschaft will Baden-Württemberg bundesweit beispielgebend sein - Gewerkschaften sind mit bisherigen Plänen aber nicht zufrieden. Das Vorhaben laufe Gefahr, Schüler nur als "funktionierende" und somit unkritische künftige Arbeitnehmer zu formen, sagte DGB-Landeschef Nikolaus Landgraf in Stuttgart.

Dies wäre aus Gewerkschaftssicht ein gravierender Fehler, weil doch selbstständig denkende Arbeitnehmer und Verbraucher gefragt seien in einer zukunftsfähigen Gesellschaft mit innovativen Firmen. Die Gewerkschaft Verdi warnte zudem vor Einfluss der Arbeitgeber auf das Fach. Arbeitgeber und Regierung wiesen die Kritik zurück. Wirtschaft soll 2016 im Südwesten als eigenständiges Pflichtfach starten. Da es an allen weiterführenden Schulen eingeführt würde, wird Baden-Württemberg damit eine Vorreiterrolle für ganz Deutschland zugeschrieben. Die Einführung selbst ist letztlich schon beschlossene Sache, in der aktuellen Anhöhrungsphase geht es um eine Art Feinschliff. "Wir haben schon die Hoffnung, da noch etwas zu bewegen", sagte DGB-Landesvize Gabriele Frenzer-Wolf. In den von der Regierung vorgelegten Plänen sei kritisches Urteilsvermögen der Schüler kaum gefordert, monierte Gewerkschafter Landgraf. Die Rolle von Arbeitnehmervertretern werde zwar genannt, ihr werde aber nicht der gleiche Stellenwert wie der Unternehmensseite eingeräumt. Auch Aspekte der Solidarität kämen zu kurz. Zugleich legte der DGB eine Stellungnahme der Kölner Wissenschaftlerin Birgit Weber vor, die dem Schulfach-Vorhaben insgesamt ebenfalls ein eher schlechtes Zeugnis ausstellte.

Wirtschaft: Leisten nur Hilfestellung

Kritik kam zudem von Verdi. Deren Landeschefin Leni Breymaier wies darauf hin, dass arbeitgebernahe Institutionen Materialien für Fortbildungen im Bereich Wirtschaft bereitstellten. Es sei prinzipiell falsch, dass Verbände wie Südwestmetall hierdurch einseitig ihre Interessen vermitteln könnten. "Wir wollen nicht, dass aus den baden-württembergischen Schulen künftig lauter kleine Neoliberale herauskommen." Der Branchenverband Südwestmetall registrierte die Breymaier-Kritik mit Kopfschütteln. Die Arbeitgeber-Seite mische sich nicht in den Lehrplan an Schulen ein, sagte der Geschäftsführer von Südwestmetall, Stefan Küpper. Man stelle nur Leitfäden für Lehrer bereit, etwa zur Berufsorientierung. Es würden zudem Gratis-Fortbildungen für Lehrer angeboten. Hierbei gehe es aber keineswegs um ein "Indoktrinieren", sondern um eine Hilfestellung, damit die Lehrer ihre Schüler sehr gut ausbilden könnten.

Ökonomische Grundkenntnisse als Ziel

Küpper betonte, wie wichtig die Vermittlung wirtschaftlicher Grundkenntnisse in der Schulzeit sei - sowohl für die nach Fachkräften suchende Wirtschaft als auch für die Gesellschaft insgesamt. "Es geht nicht darum, die ersten zwei Semester BWL in die Schule vorzuverlagern, sondern es geht darum, dass ökonomische Grundkenntnisse als Allgemeinbildung verankert werden." Und weiter: "Die Gewerkschaften wollen auf Biegen und Brechen verhindern, dass andere Bundesländer dem Beispiel Baden-Württembergs folgen und das Pflichtfach Wirtschaft ebenfalls einführen", so Küpper. Baden-Württembergs Kultusministerium wies die Gewerkschaftskritik zurück. Ressortleiter Andreas Stoch (SPD) sagte, junge Menschen sollten mit dem Fach wirtschaftliche Zusammenhänge besser verstehen und eben auch kritisch hinterfragen können. Die Inhalte des Fachs seien ausgewogen gestaltet.

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Schlagworte zum Thema:  Allgemeinbildende Schule, Wirtschaft, Schule

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