Infografik
Die Grafik zeigt den Anteil der Arbeitnehmer in ausgewählten Ländern, die Mitglied einer Gewerkschaft sind (in Prozent). Bild: Statista ⁄

Im Dezember 1916 wurden die Gewerkschaften in Deutschland als Interessenvertreter der Arbeitnehmer anerkannt. Hundert Jahre später kämpfen nicht nur die deutschen Gewerkschaften gegen ihren Bedeutungsverlust (zum Vergrößern auf "Infografik" klicken).

Hintergrund der Anerkennung der Gewerkschaften durch die Oberste Heeresleitung war die Verabschiedung des Hilfsdienstgesetzes. Das Gesetz sah neben einer Mobilisierung aller Arbeitskräfte auch die Bildung von Arbeiterausschüssen in kriegswichtigen Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern und paritätisch besetzte Schlichtungsausschüsse zur Regelung von Streitigkeiten vor. Damit waren die Gewerkschaften formal anerkannt und auch die extremsten Gegner der Gewerkschaften waren fortan dazu gezwungen, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Geringe Verankerung in der Arbeitnehmerschaft

Heute steht die Anerkennung von Gewerkschaften als Kollektivvertretungen der Arbeitnehmer zwar nicht in Frage. Dennoch haben die Gewerkschaften nicht nur hierzulande mit einem wachsenden Bedeutungsverlust zu kämpfen. Sichtbar ist dies an der geringen Verankerung in der Arbeitnehmerschaft, die sich anhand des Netto-Organisationsgrads – also dem Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer an allen Arbeitnehmern – messen lässt. So zeigt ein internationaler Vergleich auf der Basis des European Social Survey (ESS) für das Jahr 2014, dass nur 4 bis 8 Prozent aller Arbeitnehmer in Frankreich, Polen, Portugal, Tschechien und Ungarn Mitglied einer Gewerkschaft sind (Grafik). In der Schweiz sind es gerade einmal 11, in Spanien 13, im Vereinigten Königreich 21 und in Österreich 24 Prozent.

Skandinavier beim Organisationsgrad vorn

Deutschland liegt mit 15 Prozent unter den insgesamt 18 ausgewerteten Ländern gerade einmal im unteren Mittelfeld, während Österreich nur von Ländern übertroffen wird, bei denen die Arbeitslosenversicherung durch die Gewerkschaften verwaltet wird. Zu diesen sogenannten Gent-Ländern, die auf Organisationsgrade von 46 bis 69 Prozent kommen, gehören Belgien, Dänemark, Finnland und Schweden (Gewerkschaftsspiegel 2-2016). Einen hohen Organisationsgrad weist darüber hinaus noch Norwegen auf. Im ESS wird alle zwei Jahre danach gefragt, ob die befragte Person „gegenwärtig“ oder „früher Mitglied einer Gewerkschaft oder einer ähnlichen Organisation“ war. An der letzten Welle 2014 beteiligten sich 22 Länder. Den Angaben zur Gewerkschaftsmitgliedschaft liegen über 20.000 Antworten zugrunde.

Im Osten nur noch Randerscheinung

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Dadurch lohnt sich das Trittbrettfahren: Der Einzelne lässt einfach andere dafür zahlen, dass Gewerkschaften Tarifverträge aushandeln. Besonders schwer haben es die Gewerkschaften in den osteuropäischen Ländern, da diese dort Teil des kommunistischen Systems waren. Selbst in Polen, wo die Gewerkschaft „Solidarnosc“ die wichtigste Opposition des Landes war, sind Gewerkschaften heute nur noch eine Randerscheinung.

Kein Revitalisierungskonzept in Sicht

Ein Rezept zur Revitalisierung der Gewerkschaften ist nicht in Sicht. Notwendig sind mehr selektive Anreize, wie sie auch vom Gent-System ausgehen. Zudem sollte intensiver versucht werden, ausgetretene Mitglieder wieder zurückzugewinnen. In Deutschland gaben 16 Prozent der Befragten an, nicht heute, aber früher Mitglied einer Gewerkschaft gewesen zu sein. In Frankreich waren gut 10 Prozent der Arbeitnehmer "Ehemalige", in Österreich 11 Prozent und im Vereinigten Königreich sogar 19 Prozent.

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Schlagworte zum Thema:  Gewerkschaft, Europa

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