29.07.2016 | Der geteilte Arbeitsmarkt

Hier Jobkrise, dort Jobboom

Hier werden in Deutschland Fachkräfte gesucht (zum Vergrößern auf "Infografik" klicken).
Bild: Statista/Stepstone ⁄

Top oder Flop - wer in Deutschland einen Job sucht, sollte vorher genau auf die Landkarte schauen. Während in Südbayern Firmen händeringend neue Mitarbeiter suchen, sind Jobsucher in anderen Regionen völlig chancenlos. Geteilte deutsche Arbeitsmarktwelt.

Deutschland ist auch nach jahrelangem Job-Aufschwung ein Land der Arbeitsmarkt-Extreme: Regionen mit florierender Wirtschaft und Vollbeschäftigung stehen immer noch schwere Jobkrisen in anderen Teilen des Landes gegenüber.

 Gelsenkirchen: die rote Laterne

Beispielsweise in Gelsenkirchen: "Königsblau ist Schalke. König bist Du im Revier", singen die Gelsenkirchener Fußballfans über ihren Verein. Der Arbeitsmarkt der einstigen Bergarbeiterstadt im Zentrum des Ruhrgebiets ist aber alles andere als königlich: Mit 18.563 Arbeitslosen und einer Quote von 14,7 Prozent trug Gelsenkirchen im Juni dieses Jahres bundesweit die rote Laterne in der deutschen Arbeitsmarktstatistik. Und Besserung ist nicht in Sicht. 13 Zechen hatte die Stadt einst, ihre schrittweise Schließung bis in die 1980-er Jahre kostete rund 60.000 Arbeitsplätze. Davon hat sich die Stadt bis heute nicht ganz erholt. Die Langzeitarbeitslosigkeit belastet die Kommunalfinanzen. Viele Wohnungen stehen leer. Die Stadt fordert seit langem einen geförderten zweiten Arbeitsmarkt, um die Langzeitarbeitslosen wieder arbeitsfähig zu machen. «Wir brauchen Hilfe aus Berlin und Düsseldorf», sagt der Stadtsprecher.

Probleme in Bremerhaven

Auch in Bremerhaven kann man von einem Job-Boom nur träumen: Arbeit zu finden bleibt dort trotz guter Konjunktur auf lange Sicht ein großes Problem. "Die Arbeitslosigkeit in Bremerhaven ist stark verfestigt", sagt ein Sprecher der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Mehr als 80 Prozent der Arbeitslosen beziehen hier Hartz IV. Die Stadt verzeichnete im Juni mit 14,2 Prozent bundesweit die zweithöchste Arbeitslosenquote. Die Wirtschaftsstruktur der Küstenstadt ist hauptsächlich auf die maritime Wirtschaft ausgerichtet. Die Stadt ist daher stark abhängig vom Welthandel sowie dem globalen Wettbewerb in der Schifffahrt. Jobs werden vor allem im Logistikbereich gesucht. Doch wirtschaftlich setzt die Stadt längst auf weitere Standbeine, vor allem den Tourismus und das Kreuzfahrtgeschäft sowie die Offshore- und Windenergie.

Alles gut in Eichstätt

Fernab solcher Sorgen ist man im bayerischen Eichstätt. Seit vielen Jahren ist er Deutschlands Landkreis mit der niedrigsten Arbeitslosenquote: 1,2 Prozent betrug sie im Juni. "Wir wollen, dass das so bleibt", sagt Georg Stark vom Landratsamt in Eichstätt.

"Unsere Betriebe stellen vernünftig ein." Dazu gehörten Osram-Ledvance mit 700 Arbeitsplätzen genauso wie die Firma Kessel mit 400 Arbeitnehmern in Lenting, die Abwassersysteme herstellt. Doch der mit Abstand größte Arbeitgeber liegt gar nicht im Landkreis. Es ist der Autobauer Audi im benachbarten Ingolstadt. "Aus unserem Landkreis arbeiten mehr Menschen bei Audi als aus der Stadt Ingolstadt selbst", weiß Wirtschaftsreferent Stark. Rund 15.000 der 43.000 Mitarbeiter wohnen im Landkreis Eichstätt.

Vollbeschäftigung in Pfaffenhofen

Der ebenfalls an Ingolstadt angrenzende Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm hatte im Juni mit 1213 Arbeitslosen und einer Quote von 1,7 Prozent die deutschlandweit zweitniedrigste Arbeitslosenquote. In beiden Landkreisen herrscht bei dieser Miniquote Vollbeschäftigung. Aus diesem Landkreis fahren rund 5.000 Menschen zur Arbeit zum Autobauer aus Ingolstadt. Entsprechend rangiert bei den männlichen Jugendlichen der Beruf des Kfz-Mechatronikers an erster Stelle. "Wenn Sie bei einer Ausbildungsmesse in der Region auf eine Menschentraube stoßen, wissen Sie, wo der Audi-Stand ist», heißt es bei der Agentur für Arbeit in Ingolstadt. Oftmals arbeiteten schon die Väter und Großväter von jugendlichen Ausbildungsplatzbewerbern bei dem Autobauer.

Schlagworte zum Thema:  Fachkräftemangel, Beschäftigung, Arbeitsmarkt

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