23.04.2012 | Serie Business affairs

Warum bloß keiner lacht?

Serienelemente
Bild: Reinhold Harwath

Mit einem launigen Vortrag will Vertriebler Franz Hugentobler seinen internen Konkurrenten ausstechen. Aber Humor ist Glückssache.

Seine Frau hatte auch schon angerufen. Wo er bleibe. Er hätte seinem Sohn versprochen, mit ihm Fußball zu spielen, der sei jetzt sauer, auf sie auch. Und sowieso hätte er versprochen, mehrmals übrigens, zuletzt am Sonntag, dass er nicht mehr so lange arbeiten würde. Aber das hier war wichtig. Mit diesem Vortrag würde er Meier ausbremsen. Meier, der scharf war auf den Vizedirektorenposten; Vertriebsleiter Europa. Meier, diese Null, derzeit Vertriebsleiter Benelux, das schon viel zu groß für ihn war – mehr als Andorra kann so einer wie Meier sowieso nicht stemmen.
Meier, der Arschkriecher, der sich einen Schäferhund gekauft hat, weil der CEO Vorsitzender des lokalen Schäferhundvereins ist. Wenn ihm nur was einfi ele, verdammt noch mal! Draußen war aufziehende Nacht, die Putzkolonne war auch schon durch, und er hatte gerade mal den Titel für seinen Vortrag: „Die Funktion der Beratung im Vertrieb in Zeiten einer neuen Unmittelbarkeit des Markts." Ist das, fragte er sich, der Brüller beim Symposium „Vertrieb in der Postmoderne“? Franz, sagte er sich, du musst die Leute abholen, begeistern. Und nicht überfordern. Also ein Witz. Das war’s, er würde mit einem Witz beginnen, der exemplarisch zeigen würde, wie das Ganze eben nicht funktioniert. Vertrieb ist immer auch Beratung, das wäre seine Schiene. Der nächste Tag. Hugentobler war vor dem Vortrag noch schnell auf die Toilette gegangen. Wasser ins Gesicht, Betablocker in die Blutbahn. Irgendwie stand er dann plötzlich auf dem Podium, der Conferencier stellte ihn vor. Er sah seinen Chef, sah Meier, hörte einen zurückhaltenden Applaus und sagte: „Meine Damen und Herren, lassen Sie mich mit einem exemplarischen Witz beginnen: Ein Schäfer hütet seine Schafe. Da kommt ein Geschäftsmann in einem noblen Kombi über die Wiese herangerollt. ,Wenn ich Ihnen sagen kann, wie viele Schafe Sie haben – geben sie mir eines?’, fragt der Geschäftsmann. ,Ja.’ Der Besucher nimmt seinen Laptop, loggt sich ins Nasa-Netz ein und lässt rechnen, Tabellen voller Algorithmen und Exponenten. Nach einigen Minuten erscheint ein Bericht von 150 Seiten auf dem Bildschirm. ,Sie haben 1.289 Schafe.’ ,Stimmt.’ Der Geschäftsmann nimmt ein Tier und setzt es in den Kofferraum. ,Moment’, sagt er Schäfer, ,wenn ich Ihren Beruf errate, kriege ich dann das Tier zurück?’ ,Ja.’ ,Sie sind Berater bei McKinsey.’ ,Das stimmt’, sagt der Geschäftsmann überrascht. ,Wie sind Sie darauf gekommen?’ ,Also’, antwortet der Schäfer, ,Sie sind hier aufgetaucht, obwohl keiner Sie gerufen hat. Sie möchten ein Schaf haben und erzählen mir dafür etwas, das ich schon weiß. Und Sie haben keine Ahnung von dem, was ich hier tue. Und jetzt geben Sie mir bitte meinen Hund zurück.’“ Hugentobler war zwar erstaunt, dass niemand lachte, zog aber seinen Vortrag trotzdem ruhig durch und erntete am Schluss ein bisschen Applaus. In der anschließenden Pause sah er seinen Chef, Meier und einen unbekannten Mann auf sich zukommen. „Hugentobler“, sagte sein Chef, „darf ich vorstellen: Das ist Herr Wagmüller. Er wird unser Vertriebsnetz auf Vordermann bringen. Intern ist Meier sein Ansprechpartner. Ach ja, Herr Wagmüller kommt übrigens vom Beratungsunternehmen McKinsey.“

Schlagworte zum Thema:  Humor

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