11.09.2012 | Serie Business affairs

Business affairs - Mutmaßungen über den wilden Osten

Serienelemente
Bild: Reinhold Harwath

Mittelständler Olaf Meier erwartet bulgarische Investoren zum Abendessen und macht sich viele Gedanken über die Sitzordnung und den Sinn der EU-Erweiterung.

Olaf Meier vermutete, dass Bulgaren Fleischesser sind. Wahrscheinlich Schafe zur Hauptsache. Und Matika würden sie trinken dort drüben im Balkan, hatte er gehört. Das sei wie Ouzo, nur würden die Bulgaren noch Pistazien-Harz reinmischen. 45 Volumenprozente. Er hatte einen Tisch im Steakhouse reserviert, weil dort junge Kellnerinnen arbeiten, viele blond, und er dachte, das könnte den bulgarischen Geschäftsleuten gefallen und sich, na ja, positiv, auf die Vertragsverhandlungen auswirken. Das und die zwei Flaschen Matika, die er organisiert hatte. Noch am Tisch säßen sein Finanzchef, sein Marketingchef und seine Frau. Die Gegenwart seiner Frau war Teil seiner Strategie. Er dachte, ihre Gegenwart gäbe dem ganzen einen familiären Touch, eine Prise Willkommen auch. Über den ganzen Wahnwitz, der dahinter steckte, dachte er nicht mehr nach. Dieser Irrsinn Europa mit seiner dubiosen Osterweiterung! Einst waren seine Investoren Deutsche gewesen, allenfalls Engländer oder Franzosen. Bulgaren waren neu, und er verstand es nicht wirklich. Bulgarien, dachte er, ist ein Armenland Europas, am Leben erhalten durch EU-Gelder, also primär deutsches Geld, und ausgerechnet von dort drängen Investoren in den deutschen Markt. Wahrscheinlich mit dem deutschen EU-Geld. Er hatte seine Assistentin gefragt, ob sie Bulgaren kenne. "Was heißt kennen?", fragte sie. Sie habe mal ein paar im Urlaub, äh, angucken können. Dicke Männer seien es gewesen, zwei Handys Minimum, immer am Telefonieren, junge blondierte Frauen hätten sie dabeigehabt mit pinkfarbenen Zehennägeln, und fette Uhren und dicke Goldketten hätten sie getragen und beim Frühstücksbuffet immer gleich die ganze Platte mit an den Tisch genommen. Ich muss sie ja nicht mögen, dachte Meier. Der optimale Verlauf dieses Geschäftsessens ginge so: Bulgaren kommen, sie würden essen, dann trinken, eine Vereinbarung unterzeichnen, und wenn es sein muss, würde er ihnen auch noch einen Bruderkuss auf die Wange drücken. Am Morgen würden die Bulgaren umgehend abreisen, fristgerecht das Geld überweisen, und die Folgekontakte würde er per E-Mail regeln. Offen war noch, ob er den Umschlag mit 5.000 Euro Bargeld würde zum Einsatz kommen lassen. Auf dem weltweiten "Corruption Perception Index" ist Bulgarien im vorderen Drittel klassiert, europaweit streitet sich das Land mit Rumänien und Griechenland um die Spitzenposition. Aber das war noch nicht das Ende der Schwierigkeiten. Sein Finanzchef war zwar gut in seinem Fach, aber sonst in etwa so kommunikativ wie eine Landschildkröte und so humorvoll wie ein Haifisch. Und seine Frau sagte, sie könne ihre Zeit auch sinnvoller verbringen als mit seinen Geschäftsessen. Ob sie dann gegenüber dem Marketingchef sitzen möge, fragte er. Nicht unbedingt, antwortete sie, der spreche ihr zu viel. Dann solle sie sich mitten zwischen die Bulgaren setzen, schlug Meier vor. Super Idee, Liebling, hatte sie geantwortet, willst Du ein Geschäft machen oder mich verheiraten? Dann hatte Meier, wie soll man sagen, einen Geistesblitz. Er rief im Steakhouse an und bestellte einen runden Tisch. Sollen sich einfach alle hinsetzen, wo sie wollen, verdammt noch mal. Das wäre erledigt, dachte er, endlich. Er lehnte sich zurück, hob seine Beine auf den Tisch und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Auf seinem Bildschirm entdeckte er eine neue E-Mail aus Bulgarien: „Lieber Herr Meier. Landen wie besprochen um 18 Uhr. Müssen aber um 20.30 auf den Flieger nach Madrid und essen dort. Machen Besprechung und Verträge in Airport-Konferenzzimmer. Können Sie organisieren? Danke." Meier öffnete eine Flasche Matika, schenkte sich ein Glas ein und dachte: Sind im Grunde Profis, diese Bulgaren.

Schlagworte zum Thema:  Humor

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