11.09.2012 | Serie Business affairs

Business affairs - So tun, als wäre man ein großes Ganzes

Serienelemente
Bild: Reinhold Harwath

Wer Schrauben herstellt - und seien sie noch so speziell -, braucht keine "Corporate Identity", findet Öffentlichkeitsarbeiter Manfred Zähringer. Aber die Geliebte seines Chefs ist anderer Ansicht.

Nach der Mittagspause war Manfred Zähringer klar, dass er ein Problem hatte. Und zwar die neue Geliebte seines Chefs.
Sein Chef war 57 Jahre alt, diese Frau offenbar 20 Jahre jünger, wie am Kaffeeautomaten gemunkelt wurde. Hübsch sei sie und habe mal Kommunikationswissenschaften studiert, dann das Marketing für eine Copy-Shop-Kette gemacht und danach den Chef flachgelegt, und seither sei sie der Ansicht, dass dies Arbeit genug sei. So die Gerüchte im Haus. Irgendwann muss sie dann dem Chef ins Ohr geflüstert oder ihm auf dem Ohr gelegen haben, dass es ja nicht sein könne, dass die Firma noch keine Corporate Identity besitze. Und dass es ein Wunder sei, dass es die Firma überhaupt noch gebe. Das sei ja in etwa so wie eine Pferdekutsche auf der Autobahn der modernen Unternehmensstruktur. Die Firma, das waren 19 Menschen, die Spezialschrauben für Schiffsturbinen herstellten. Zähringer fand hingegen, solch ein Unternehmen braucht zuallererst Kunden, und wenn dann der Laden läuft, ergibt sich das mit der Unternehmensidentität von selbst. Den ganzen Morgen lang hatte er versucht herauszufinden, was das ist, Unternehmensidentität. Schwierig. Einfacher war die Frage zu beantworten, weshalb die Firma das jetzt brauchte, fand Zähringer: weil der Chef in einer Identitätskrise steckt. Was bedeutet denn das, CI? Dass alle dieselbe Signatur an ihre E-Mails hängen und den gleichen Satz sagen, wenn sie das Telefon abnehmen? Vor ihm lag ein Blatt Papier, auf dem geschrieben stand, was CI sein soll: Unternehmen werden als soziale Systeme wie Personen wahrgenommen. Es wird ihnen eine quasi menschliche Persönlichkeit zugesprochen, und es ist nun Aufgabe der Unternehmenskommunikation, also seine, dem Unternehmen zu einer solchen Identität zu verhelfen. Weiter stand da, dass sich die Identität einer Person, also auch eines Unternehmens, aus der optischen Erscheinung sowie der Art und Weise zu sprechen und zu handeln ergibt. Zähringer stand auf und blickte aus dem Fenster. Wenn er das jetzt richtig verstanden hatte, mussten die 19 Menschen dieses Unternehmens so auftreten und im Großen und Ganzen so tun, als ob sie eine Person wären, eine einzige Identität. Identitätsuniformen anziehen. Was waren das noch für Zeiten, als es einfach genügte, seine Arbeit gut zu tun. Und was soll das bringen, so eine CI?, fragte er sich. So ein durchgestylter Auftritt nach außen? Will die Welt das? Nein, Zähringer, sagte er sich, das ist doch nur noch Oberfläche. So wie Sex mit einer Gummipuppe etwa. Will das jemand, wenn er einen Menschen aus Fleisch und Blut und Widersprüchen haben kann? Geht alles unter in Konzepten, dachte er. All die guten alten Werte wie Fleiß, Anstand, Solidarität und Loyalität versinken im Grundschlamm der Gesellschaft auf Nimmerwiedersehen, und was von dort nach oben treibt, na ja. Zähringer blickte auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde, dann müsste er mit Vorschlägen zum Chef. Soll er ihm sagen, dass CI nur bedingt funktionieren? Etwa für Copy-Shop-Ketten. Dass er, der Chef, sich bitte eine neue Geliebte zulegen soll, am besten eine, die Geisteswissenschaften studiert hat? Dass CI so viel zu sagen hat wie ein „Mit freundlichen Grüßen“ am Ende eines Schreibens? Dass er, Zähringer, zu alt war für solche Geschichten. Dass er, Zähringer schon froh ist, mit seiner Identität klarzukommen, dass er bisweilen das Gefühl habe, schon mehrere zu sein, und in diesen fragilen Mehreren die Firma als Identitätsform, na ja, die Balance beeinträchtigen würde. Dass er lieber so weiterarbeiten würde, als Zähringer eben. Er setzte sich hin, nahm ein Blatt Papier und schrieb: „Unsere CI ist ganz schlicht: Wir halten einfach zusammen.“

Schlagworte zum Thema:  Humor

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