29.06.2012 | Serie Business affairs

Es fährt ein Bus nach Nirgendwo

Serienelemente
Bild: Reinhold Harwath

Als Oswald Dürr bei einer Beförderungsrunde übergangen wird, bricht für den Projektleiter bei einem Reisedienst die Welt zusammen. Sein neuer Chef meint ja, das müsse man einfach sportlich nehmen.

Oswald Dürr steckte sich eine Zigarette an. Die erste nach zehn Jahren. Er stand vor dem Haupteingang des Unternehmens, von dem er bis vor ein paar Minuten dachte, er würde dort sein Leben bis zur Pension verbringen. Dürr war 49, geschieden, keine Kinder, Projektleiter in einem Busreisen-Unternehmen. 23 Busse, ganz Europa. Belgien, Holland, Frankreich waren die von ihm betreuten Länder. Dürr liebte Busse, schon als Kind, und als junger Mann fuhr er in diversen Bussen einmal von Norddeutschland bis nach Nordafrika. Und zurück. Allein. Es war die Reise seines Lebens. Die Zigarette schmeckte ihm nicht, aber er zog trotzdem daran. Er musste sich an etwas festhalten. Das war’s, Oswald, dachte er. Das Ende deiner Reise nach oben in die Konzernspitze. Den Bus vor die Wand gefahren sozusagen. Die Firma expandierte, Russland, Polen, Ukraine, neue Märkte. Menschen, die transportiert werden wollten, schnell, sicher, pünktlich. Dürr-Land, wie Dürr fand. Seit einem Jahr nahm er Russischunterricht, studierte die Länder, ihre Straßennetze, suchte Geschäftspartner. Er dachte, dass er vorne lag, vor seinem Konkurrenten Meier. Meier war ein Blender. Leider ein erfolgreicher. Von Bussen hatte er keine Ahnung, mehr noch, sie waren ihm egal. Offenbar kümmerte das in der GL niemanden. Offenbar bevorzugt man Leute, deren einzige Kompetenz es ist, so viel Geld so schnell wie möglich zu verdienen. Er hätte gehen sollen, als der alte Patron die Flotte an dieses holländische Unternehmen veräußerte, das wiederum Teil einer US-Beteiligungs-Holding war.
Ausgerechnet Meier. Zehn Jahre jünger als er. Vielleicht war es ja das. Der bessere Projektleiter bin ich, dachte Dürr. Meine Planungen sind präzise und verlässlich und nachvollziehbar. Meier plante gar nicht, er war ein Instinktmensch. Alles aus dem Bauch heraus. Immer optimistisch. Aber wenn etwas nicht klappte, stand er vor dem Nichts, weil er keine Notfallpläne hatte. Dürr hatte immer Notfallpläne. Das machte ihn langsamer, dafür sicherer. Aber seine Firma setzte ja neuerdings lieber auf das schnelle Glück von Hasardeuren. Das sah man daran, wie die Firma die Busfahrer auspresste; immer hart an der Grenze zur Illegalität, zur Verantwortungslosigkeit. Vielleicht ist die Geschäftswelt als Ganzes so geworden, dachte Dürr. Er erschrak ein wenig darüber, wie gleichgültig ihm
das im Grunde war. Wie viele Jahre habe ich noch, fragte er sich, in denen ich gesund bin und leistungsfähig? 20 vielleicht. Meine letzten Jahre vor den Butterfahrten, dachte er. Brauche ich einen Sitz in der GL? Brauche ich neue Märkte, um glücklich zu sein? Dürr zog sein Jackett aus und lief in Richtung Hauptstraße. Stellte sich an die Haltestelle und wartete auf den Bus. Stieg ein, setzte sich an einen Fensterplatz, schaute auf die vorbeiziehende Landschaft und freute sich, wie elegant der Busfahrer die Kurven nahm, wie souverän er das Fahrzeug steuerte, wie kunstvoll. Eine ehrliche Arbeit, dachte Dürr. Als sein Geschäftshandy klingelte, überlegte er sich, ob er rangehen sollte. „Meier“ stand auf dem Display. „Meier“, sagte er, „ich gratuliere Ihnen zur Beförderung.“ „Danke“, antwortete
Meier, „ist ja nichts Persönliches. Muss man sportlich nehmen so was, finden Sie nicht, Dürr? Freue mich, dass Sie die Nummer zwei sind in meinem Team. Auf gute Zusammenarbeit, Dürr.“ Dürr legte einfach auf. Schaltete das Handy aus. Zu Hause packte er eine kleine Tasche mit dem Nötigsten, fuhr zum Busbahnhof, ging an den Schalter. „Wohin, bitte?“, fragte die Ticketverkäuferin. „Geben Sie mir ein Ticket für den Bus, der als nächster fährt.“ „Hin und zurück?“, fragte die Verkäuferin. Dürr zuckte mit der Schulter.

Schlagworte zum Thema:  Humor

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