26.06.2012 | Serie Business affairs

Das System kennt keine Gnade

Serienelemente
Bild: Reinhold Harwath

Marketingfachmann Manfred Müller kämpft gegen seinen Computer einen aussichtslosen Kampf: Sein kreatives Potenzial passt einfach nicht auf gefühllose Folien.

Manfred Müller wusste nicht mehr, zum wievielten Male er sich dieses Video anschaute. „Office stress and  computer rage best compilation“ hieß es. 9:38 Minuten hauptsächlich über Männer, die aus Wut ihren Computer zertrümmern. Am besten gefiel ihm dieser bärtige dünne Mann, der aussah wie ein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Der malträtierte zuerst seine Tastatur, dann stand er in aller Seelenruhe auf, holte aus einer Ecke einen Golfschläger, Eisen 6 wahrscheinlich, und haute dann in den Bildschirm, als ob er 170 Meter weit schlagen müsste. Großartig.

Seit zwei Stunden und 47 Minuten hasste Müller seinen Computer. Genauer gesagt das Programm „Powerpoint Presentation“. Wie hatte einmal einer aus der IT-Abteilung gesagt? Bill Gates sei der einzige Mensch, der mit Kacke richtig Geld verdient. Mann, er war Marketingfachmann, ein Kreativer, ein Künstler der suggestiven Manipulation. Auf alle Fälle keiner, der Freude daran hat, eine dieser doofen Seiten mit Bildchen, Text und Grafiken abzufüllen, bis alles schließlich so leblos und steril und genormt und unkreativ auf einem Großbildschirm daherkommt wie Teletubbies auf dem Fernseher.

Der Kunde habe eine Powerpoint Presentation gewünscht, hatte sein Chef gesagt. Dazu ist zu sagen: Wenn der Chef eine Ahnung hätte, würde er Kunden, die diese Präsentationen wollen, gar nicht nehmen. „Powerpoint? Nein, das machen wir nicht. Ist nicht unser Stil, sorry. Schönen Tag noch.“ Der Kunde –  abgesehen davon, dass Kunden auch nicht mehr sind, was sie mal waren; dieser kleine, popelige Laden da, der Bleistifte bedrucken möchte. „Irgendwie individuell“, hatte der Geschäftsführer bei dem Meeting gesagt, „unverwechselbar halt. Witzig auch und so.“ Völlig überbewertet der Kunde heutzutage, dachte Müller.

16 Seiten Präsentation. Ein Werbekonzept für irgendwelche Broschüren, wegen denen Leute „Bitte keine Werbung“ an ihren Briefkasten kleben. Müller, du arme Sau du. Und warum krieg’ ich jetzt dieses Bild von der Blondine im weißen Bikini im Liegestuhl, die mit einem individuell witzigen Bleistift nachdenklich-lasziv über ihre Lippen fährt, nicht so groß, wie ich das will, auf diese Seite 7? Warum sagt mir dieses System, dass das Bild zu groß ist? Wer ist dieses System, dass es mir sagen darf, was zu groß ist? „Hey, System“, sagte er, „ich bin der Chef, und du bist das Arschloch. Nicht umgekehrt.“ Und wo passt jetzt dieser Slogan rein, dieser geniale: „Ohne Bleistift wär’s nur eine Blondine.“

Mach dich selbstständig, Müller, sagt er sich. Raus aus dieser Powerpoint-Welt, dieser überzüchteten virtuellen gefühllosen Schein-Geschichte. Es geht hier um Bleistifte. Warum begreift das keiner? Vor 5.000 Jahren von den Ägyptern erfunden. Wäre da einer dieser cleveren Ägypter damals zu Pharao gekommen und hätte gesagt: „Oh, mein Gott und Gebieter, ich hätte da mal eine kleine Powerpoint-Präsentation von einer großen Idee von mir, guckst Du mal rein, mein Herrscher?“ Die Kobras hätten sie auf ihn losgelassen. Zu recht.

Ich will Papier, dachte Müller. Auch so ein Ägypter-Ding. Und eine Staffelei. Ich klebe Bilder drauf, schreib mit Bleistift meine wirklich guten Claims drauf, und der Kunde kann das anschauen, und wenn er es nicht begreift: „Tschüss, Kunde.“

Da stand er also am anderen Morgen mit ein bisschen Papier, das er über eine Staffelei legen konnte. Der Chef hatte schon gesagt: „Müller, vermutlich ist das das Letzte, das sie für meine Firma tun.“ Mir doch egal, dachte Müller und legte los. Zog genüsslich einen Teleskop-Zeigestab in die Länge, knallte ihn auf das Papier, legte mit Verve die Seiten um und erzählte, warum die Welt auf einen individuell bedruckten, unverwechselbaren Bleistift gewartet hätte. Er fand sich grandios unabhängig.

Danach kam der Geschäftsführer der Bleistiftbedruck-Firma auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und sagte: „Herr Müller, machen Sie sich nichts draus. Wir haben ja alle mal Computerprobleme. War doch auch wieder mal ganz nett, das so altmodisch zu machen. Hat mir gefallen. Schicken Sie mir doch die Powerpoint-Präsentation einfach per Mail als PDF.“

Schlagworte zum Thema:  Humor

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