„Betriebswirtschaftliche Beratung ist das Gebot der Stunde“

Interview 18.06.2020 Transformation & Change Management

Steuerberater stehen in der Corona-Krise vor einigen Herausforderungen. Claudia Kalina-Kerschbaum, Geschäftsführerin der Bundessteuerberaterkammer, erklärt im Interview, wie die Kammer versucht, den Berufsstand zu unterstützen und was die Zukunft für die Steuerberatung bereithält.

Bundessteuerberaterkammer zu Corona und Digitalisierung

Wie haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen der Bundessteuerberaterkammer die vergangenen Wochen wahrgenommen?

Claudia Kalina-Kerschbaum: Die Corona-Krise stellt ganz Deutschland und somit auch die BStBK vor große Herausforderungen. Wir haben unseren Mitarbeitern das Arbeiten aus dem Homeoffice angeboten und unsere lange geplanten Veranstaltungen, wie den DEUTSCHEN STEUERBERATERKONGRESS 2020, in ihrer gewohnten Form abgesagt. Außerdem haben wir viel zu tun, denn politisch bewegt sich aktuell einiges. Die Bundesregierung setzt alle Hebel in Bewegung, um die angeschlagene Wirtschaft zu unterstützen. Um da den Überblick zu behalten, haben wir dem Berufsstand u. a. einen FAQ-Katalog rund um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise an die Hand gegeben.

Wie konnte die Bundessteuerberaterkammer den Berufsstand noch unterstützen?

Wir haben uns gegenüber der Bundesregierung für Berufsträger und Mandanten gleichermaßen stark gemacht: So hat sich die BStBK dafür eingesetzt, dass Steuerberater als systemrelevante Berufsgruppe eingestuft werden, um den Zugang zur eigenen Kanzlei auch während der Corona-Krise jederzeit zu ermöglichen. Zudem haben wir die Bundesregierung aufgefordert, Meldepflichten und Sanktionen für Unternehmen zeitlich befristet auszusetzen und bestehende Fristen zu verlängern. Das ist zwingend erforderlich, um Berufsstand und Unternehmen zu entlasten.

Claudia Kalina-Kerschbaum

Wie schätzen Sie die politischen Entscheidungen der vergangenen Monate ein?

Beim aktuellen Konjunkturpaket begrüßen wir, dass Steuerberater als eine Art „Gütesiegel“ bei der Beantragung von Überbrückungshilfen eingesetzt werden. Die Fördergelder sollen erst fließen, wenn der Berufsstand die Umsatzrückgänge und fixen Betriebskosten geprüft und bestätigt hat. Als Organ der Steuerrechtspflege verhindern wir damit den Missbrauch von Fördermitteln. Mit großer Sorge sehen wir aber den erheblichen Bürokratie- und Umstellungsaufwand den die Mehrwertsteuersenkung mit sich bringt. Das betrifft alle Unternehmen und ist ein Massenverfahren. Die notwendige IT-Anpassung von bspw. Kassen- oder Buchhaltungssystemen ist kaum innerhalb der anvisierten Zeit realisierbar. Zudem sind viele Detailfragen ungeklärt. Wir bleiben für Berufsstand und Mandanten am Ball und setzen uns für praxistaugliche Lösungen ein.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Steuerberaterinnen und Steuerberatern?

Steuerberater sind aktuell erste Ansprechpartner für die Unternehmen zu Fragen rund um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise. Im Kanzleialltag tauchen nun vermehrt neue Fragen auf: Welche Unterstützungsangebote gibt es für Unternehmen? Wie kann man den Solo-Selbstständigen helfen, bei denen die Erleichterungen für Arbeitgeber nicht greifen? Diese und weitere Fragen beantwortet unser FAQ-Katalog, den wir fortlaufend aktualisieren. Steuerberater finden hier alles Wissenswerte rund um das Arbeitsrecht, die interne Kanzleiorganisation und sozialversicherungsrechtliche Fragen, aber vor allem Antworten zu den wirtschaftlichen Auswirkungen und Maßnahmen für Unternehmen bzw. Mandanten. Denn betriebswirtschaftliche Beratung ist das Gebot der Stunde. Mit dem aktuellen Konjunkturpaket der Bundesregierung kommen wieder neue Fragen hinzu: Was bedeutet die Mehrwertsteuersenkung für Mandanten und Kanzleien? Wie müssen die Testate zu Überbrückungshilfen ausgestaltet sein? Antworten auch auf diese Fragen stellen wir in unseren News und Fakten zum Konjunktur- und Zukunftspaket der Bundesregierung auf unserer Homepage zur Verfügung.

Auch wenn nicht nur die Flut von Anfragen, sondern auch die weiterhin bestehenden Fristen und das reguläre Beratungsgeschäft bei knapper Personaldecke Steuerberater fordern, sind wir sehr stolz, dass der Berufsstand sich den aktuellen Herausforderungen stellt und diese bewältigt. Sicherlich ist die Stimmung nicht in allen Kanzleien gleich und teilweise liegen bestimmt auch mal die Nerven blank. Aber der Mehrzahl des Berufsstands geht es den Umständen entsprechend gut.

Digitalisierung erlebt gerade in allen Branchen einen massiven Aufschwung. Wie unterstützt die Bundessteuerberaterkammer Kanzleien, die digital(er) arbeiten möchten?

Von der STAX-Umfrage wissen wir, dass sich zwei Drittel aller Kanzleien grundsätzlich schon mit der Digitalisierung befasst haben und sich auch einigermaßen vorbereitet fühlen. Das freut uns.

In den letzten Jahren ist hier auch unheimlich viel passiert. Da gibt es schon ein paar schöne Beispiele, wie etwa die Vollmachtsdatenbank, mit der wir ein massentaugliches Authentifizierungsverfahren geschaffen haben, oder unsere Hilfestellungen für die Musterverfahrensdokumentation zum ersetzenden Scannen. Die Vollmachtsdatenbank geht zum 01. Juli 2020 in den BStBK-Eigenbetrieb über. Alle VDB-Nutzer sind angefordert, ihre Verträge bis zum 30. Juni 2020 an die BStBK zu übertragen. Entsprechende Informationen erhalten sie bspw. auf der BStBK-Website, den Internetseiten der Steuerberaterkammern, durch ein Mailing der DATEV und in der VDB-Anwendung selbst.

Aktuell geht es darum, Rahmenbedingungen für Steuerberater zu schaffen, die es einem ermöglich, so digital wie möglich zu arbeiten. Zum Beispiel setzen wir uns dafür ein, dass Banken den digitalen Finanzbericht nutzen, so dass Kanzleien Jahresabschlüsse in digitaler Form abgeben können.


Ich würde jedem Steuerberater empfehlen, die Digitalisierung in seinem eigenen Umfeld voranzutreiben.


Zudem versuchen wir natürlich auch die Aus- und Fortbildung des Berufsstands auf ein neues Niveau zu bringen. Die Neuordnung der Ausbildung zum/zur Steuerfachangestellten ist im vollen Gange. Im Lehrplan soll u. a. zukünftig auch die Digitalisierung eine größere Rolle spielen. Ebenfalls ist ein ganz neuer „Fachassistent für Digitalisierung und IT-Prozesse“ geplant, der als Spezialist für digitale Prozesse Steuerberater in der Kanzlei zukünftig unterstützen soll.

Was sind in Ihrer Wahrnehmung die größten Problemmacher bei den Digitalisierungsvorhaben?

Das ist schwierig zu sagen. Es wird noch eine Zeit lang funktionieren, traditionell zu arbeiten, weil es viele Mandanten gibt, die noch an einer traditionellen Beratung festhalten werden. Das ist auch in Ordnung, aber ich würde jedem Steuerberater empfehlen, die Digitalisierung in seinem eigenen Umfeld voranzutreiben und auch zu nutzen. Besser heute als morgen. Die aktuelle Corona-Krise macht die Vorteile einer digitalisierten Kanzlei deutlicher denn je. Die Fülle von Anfragen bei weiterhin bestehenden Fristen und das reguläre Beratungsgeschäft bei knapper Personaldecke sind nahezu nur mit digitalen Prozessen zu meistern. Aber auch nach der Krise wird uns der Mitarbeitermangel beschäftigen. Steuerberater brauchen eine digitalisierte Kanzlei, um mit weniger Leuten mehr schaffen zu können. Es hat sich viel getan und diesen Weg müssen wir weiter beschreiten.

Wie sieht es bei der Bundessteuerberaterkammer selbst aus, arbeiten Sie so digital wie möglich oder sehen Sie noch Luft nach oben?

Die Bundessteuerberaterkammer ist heute digital gut aufgestellt. Was vor der Krise noch Neuland war, ist jetzt Gewohnheit: Tägliche Videomeetings und -konferenzen oder digitale Präsidialsitzungen. Es klappt ganz gut, wenn auch die Infrastruktur stabiler sein könnte.

Der Deutsche Steuerberaterkongress konnte in diesem Jahr nicht in seiner gewohnten Form stattfinden. Als Alternative hat die BStBK Videobotschaften und ein E-Book veröffentlicht. Ein Austausch unter Kolleginnen und Kollegen ist mit diesen Formaten allerdings nicht möglich. Planen Sie weitere Online-Angebote oder hoffen Sie, dass der nächste Kongress wieder wie gewohnt stattfinden kann?

Da der DEUTSCHE STEUERBERATERKONGRESS 2021 im Mai nächsten Jahres stattfindet, können wir zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht abschätzen, wie wir die Veranstaltung konkret gestalten können. Wir gehen aber zunächst davon aus, dass unser großes Jahrestreffen des Berufsstands in gewohnter Form stattfinden kann. Wenn nicht, werden wir frühzeitig Alternativen finden.

Welchen Fokus wollten Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen in diesem Jahr beim Kongress setzen?

Wir stellen uns thematisch immer breit auf. Was treibt Steuerberater aktuell um? Welche Zukunftsfragen sind zu lösen, welche Chancen und Risiken warten und welche aktuellen Rechtsänderungen sind zu beachten? Neben den Vorträgen zum aktuellen Steuerrecht und zu den Top-Themen Digitalisierung/Kanzleimanagement waren auch praxisnahe „Fallstudien“ und interaktive „Workshops“ zu wichtigen Themen aus dem Berufsalltag geplant. In Zeiten der Pandemie-Bekämpfung sind Großveranstaltungen und der direkte Kontakt mit den Fachkollegen aber leider nicht möglich.

Wie blickt die Bundessteuerberaterkammer in die Zukunft, was kommt nach Steuerberatung 2020?

Digitalisierung und vereinbare Tätigkeiten sind die Standbeine der Zukunft für die Steuerberatung. Gerade jetzt ist die Zeit, sich gegenüber Mandanten und der Öffentlichkeit als aktiver Problemlöser mit einem breiten Portfolio an Tätigkeiten zu positionieren und die eigene Kanzlei zukunftsfest aufzustellen. Für den Berufsstand ist es essentiell, jetzt die Chance zu ergreifen, sich als Lotse, bspw. zu Kreditfragen, in das Bewusstsein der Mandanten zu rücken. Steuerberater leiten Unternehmen durch unruhige Fahrwasser und helfen ihnen, ihren steuerlichen und unternehmerischen Pflichten nachzukommen. Mit dem breit gefächerten Fachwissen sind sie hierzu gut aufgestellt. Diese Schüsselrolle erfordert aber Mut. Steuerberater tragen als Organ der Steuerrechtspflege auch Verantwortung für das Gemeinwohl. Bei dieser Herausforderung steht die BStBK mit Rat und Tat zur Seite.

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Coronavirus, Steuerberatung